De Niro baut in New York ein zweites Hollywood

Der Schauspieler investiert425 Millionen Dollar, um seine Geburtsstadt als Zentrum für Kino- und Fernsehproduktionen zu etablieren.

So etwas wie das Gesicht New Yorks: Robert De Niro. (Foto: Keystone)

So etwas wie das Gesicht New Yorks: Robert De Niro. (Foto: Keystone)

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Der Oscarpreisträger Robert De Niro ist nach seinen unvergesslichen Rollen in «Taxi Driver» und Mafiafilmen auf der Leinwand so etwas wie das Gesicht New Yorks. Jetzt richtet der Schauspieler seinen unternehmerischen Ehrgeiz darauf, die Stadt, in der er vor 76 Jahren zur Welt kam, zum Zentrum für Kino- und Fernsehproduktionen zu machen.

Zusammen mit mehreren Investoren, darunter seinem Sohn Raphael, will De Niro im Stadtteil Queens für rund 425 Millionen Dollar eine Produktionsstätte mit einer Fläche von 56'000 Quadratmetern bauen. Unter dem Namen Wildflower Studios wollen De Niro und seine Partner vom gegenwärtigen Boom bei TV-Produktionen für Streamingdienste profitieren. Mit dem neuen Studio wird New York zur ernsten Konkurrenz für Hollywood.

Das zwei Hektaren grosse Areal auf dem Fabrikgelände der Steinway-Klavierfabrik in Astoria ist bereits gekauft. Es gebe das Bedürfnis für einen Filmcampus, sagte Wildflowers Präsident Adam Gordon zur «New York Times». «Die Nachfrage nach Originalinhalten explodiert, und mit seinem Talentepool und seiner kreativen Energie ist New York City eine natürliche Heimat für diese Entwicklung.»

Netflix will in Brooklyn sechs neue Filmbühnen bauen

De Niros Projekt baut auf einer reichen Geschichte auf. 1920 entstanden mit den Kaufman Astoria Studios in Queens die ersten grossen Filmstudios des Landes. Das Unternehmen wurde später zu Paramount umbenannt und wanderte nach Hollywood ab. In den folgenden Jahren diente New York City zwar unzähligen Filmen als Drehort und Kulisse, doch in städtischen Studios wurden zumeist nur Fernsehshows produziert.

Das änderte sich spätestens 2004, als Bürgermeister Michael Bloomberg die Film- und Fernsehbranche mit gezielten Förderungsmassnahmen und Steuerrabatten anzulocken begann. Er hauchte damit der Filmproduktion in Queens neues Leben ein. Kaufman Astoria errichtet gegenwärtig die neusten zwei seiner inzwischen zwölf Studios. Das Konkurrenzunternehmen Silvercup Studios bietet 23 Drehplätze an.

Seit der Jahrtausendwende steht auch der Stadtteil Brooklyn auf der Produktionslandkarte. In der dortigen stillgelegten militärischen Schiffswerft, der Navy Yard, richteten sich die Steiner Studios ein, die mit dreissig schalldichten Räumlichkeiten grösste New Yorker Produktionsgesellschaft. Dort entsteht unter anderem die Fernsehserie «The Marvelous Mrs. Maisel». Der ­Serienanbieter Netflix zielt im gleichen Stadtteil auf das Trendquartier Bushwick. Dort will der Streamingkonzern sechs brandneue Filmbühnen bauen, wofür ihm die Stadt Steuern im Umfang von vier Millionen Dollar erlässt.

Im Kinosegment ist Hollywood bereits überrundet worden

Unter dem Strich boomt das Geschäft wie noch nie. Im vergangenen Jahr wurden in New York Szenen für 332 Filme gedreht, und 67 Fernsehserien wählten die Stadt als Produktionsstandort. Laut der «New York Times» flossen für die Produktionen dieses Jahr bereits 2 Milliarden Dollar, fast so viel wie 2013 im ganzen Jahr. Laut der Stadt gab die Film- und TV-Industrie seit dem Start des Förderprogramms mehr als 33 Milliarden Dollar aus und schuf dabei zumindest vorübergehend 1,8 Millionen Arbeitsplätze.

Ohne die Steuerrabatte hätte das für seine hohen Kosten berüchtigte New York keine Chance mitzuhalten, denn um den Kuchen rangeln viele andere Produktionsstätten. Insgesamt steht Los Angeles noch an der Spitze. Die Drehtage bei Shows mit Drehbüchern wachsen dort noch, aber bei Realityshows nehmen sie ab.

Im Kinosegment sei Hollywood überrundet worden, stellt das städtische Filmbüro von Los Angeles fest. 2017 wurden von den 100 in den USA erfolgreichsten Kinofilmen 10 in Kalifornien produziert, womit der Gliedstaat bloss auf den vierten Platz der Rangliste kam. Vor ihm lagen Kanada mit 20 Filmen und der Gliedstaat Georgia sowie das Vereinigte Königreich mit je 15. New York folgte nach Kalifornien mit 6 der Top-Kinofilme.

Gesamthaft ist ein Ende der Glanz­zeiten der Film- und Fernsehbranche dank des Streamingbooms nicht absehbar. Nach den weltweit tätigen Konzernen Netflix und Amazon sind auch die meisten US-amerikanischen TV-Netzwerke sowie Apple auf den Zug der webbasierten Unterhaltung aufgestiegen. Robert De Niro kommt vielleicht spät, aber er wird kaum Mühe haben, seine Wildflower Studios zum Blühen zu bringen.



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Erstellt: 03.08.2019, 20:34 Uhr

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