Dem Fischer hätte es gefallen

Wenn man einen Jesus-Film dreht, fliegen einem alle Herzen zu.

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Die Liebe der Italiener zum Kino ist unerschütterlich. In den meisten Ländern Europas hat man nur Probleme, wenn man im öffentlichen Raum einen Film dreht. In Italien dagegen kann man Statisten direkt aus der Bar casten. Und wenn man wie wir einen Jesus-Film dreht, fliegen einem alle Herzen zu – was in meiner Karriere eher selten ist.

Vor zwei Tagen etwa fragten wir einen Fischer nach seinem Boot, um die Szene zu filmen, in der Jesus über Wasser geht. Seither weicht der Mann nicht mehr von unserer Seite. Nur meine zugegeben wenig sorgfältig ausgewählte Kleidung deprimiert ihn. Ein Regisseur muss in Italien Anzug und Krawatte tragen, wie einst Pasolini oder Fellini. «Die kennen Sie doch?», fragt er mich fast stündlich verzweifelt, als spräche er mit einem Analphabeten.

Die italienische Begeisterung fürs Kino hat übrigens nichts damit zu tun, dass ein Dreh hier etwas Besonderes wäre. Das süditalienische Matera, wo die zentralen Szenen unseres Jesus-Projekts entstehen, hat sogar einen eigenen Filmminister. Aktuell arbeitet Mel Gibson in der Gegend an der Fortsetzung von «Die Passion Christi», im Juli entsteht hier die neue James-Bond-Folge. Und auch das kleinste Dörfchen hat mindestens einen Oscarpreisträger.

Auf dem anschliessenden Bankett beklagte sich der Mann der Dekanin bei mir, seine Landsleute seien – ich zitiere – «ein kulturloses Volk».

Mein Lieblingsregisseur ist jedoch nicht Italiener, sondern Schwede: Ingmar Bergman, der Meister des deprimierenden ­Beziehungsdramas. Einen seiner berühmtesten Filme hat er über einen Mann gedreht, der an der südschwedischen Universität Lund zum Ehrendoktor ernannt wird. Und man mag es nun glauben oder nicht: Wenige Tage vor meiner Abreise nach Italien wurde mir am gleichen Ort der gleiche Titel verliehen, wenn auch nur von der Kunst- und Theaterabteilung.

Vier Stunden lang sass ich auf einem Stuhl in der Kathedrale von Lund und machte ein ernstes Gesicht, wie der Schauspieler aus dem Bergman-Film. Die Zeremonie war auf Latein, und obwohl ich diese Sprache an der Kantonsschule St. Gallen fast sieben Jahre lang studiert habe, verstand ich kein Wort. Dem italienischen Fischer hätte es aber ge-­fallen: Ich musste nämlich einen Frack mit Fliege tragen.

Auf dem anschliessenden Bankett beklagte sich der Mann der Dekanin bei mir, seine Landsleute seien – ich zitiere – «ein kulturloses Volk». «Wir haben in tausend Jahren nur Abba, Strindberg und Bergman hervorgebracht», sagte er zerknirscht. Ob Ingmar Bergman in der Schweiz bekannt sei? Ich antwortete, das wisse ich nicht, aber immerhin sei er mein persönlicher Lieblingsregisseur. Wie die Schweden ihrerseits zur Schweizer Regie-legende Jean-Luc Godard stehen würden?

«Wer?», fragte der Mann, als hätte ich den Namen eines seltenen Milchsäurebakteriums genannt. Nun ja: Die Schweden sind ein kulturloses Volk – und wir Schweizer sind natürlich auch nicht besser. Ich empfehle deshalb allen Regisseuren, in Italien zu arbeiten.



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Erstellt: 01.06.2019, 22:28 Uhr

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