Dem Himmel ganz nah

Saas-Fee lockt mit 60 Kilometern präparierten Winterwanderwegen inmitten von Viertausendern.

Auf dem Sonnenberg von Saas-Fee lockt eine atemberaubende Rundsicht: Vom Melchbode gehts im Zickzack hinauf auf den HannigFoto: Thomas Burgener

Auf dem Sonnenberg von Saas-Fee lockt eine atemberaubende Rundsicht: Vom Melchbode gehts im Zickzack hinauf auf den HannigFoto: Thomas Burgener

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«Heute wird das nichts mehr», sagt der Gondoliere der Lüfte. Dabei hatten wir auf einen sonnigen Gletscherrundweg mit prächtiger Aussicht gehofft. Doch vom Fee­gletscher ist nichts zu sehen, und mit jedem Meter, den wir in der Gondel auf die 2870 Meter über Meer gelegene Station Längfluh zusteuern, wird der Nebel dicker. Es windet stark, und der Fahrer schüttelt nur den Kopf. Auszusteigen würde wenig bringen. Besser, gleich mit ihm wieder hinunterzufahren, bevor aus dem Wind ein Sturm wird und die Bahn die Wanderer dort oben vergisst. Der nächste Morgen entschädigt dafür mit strahlender Sonne auf einem flachen Rundweg. Dom, Täschhorn, Alphubel, Allalinhorn – die Viertausender wetteifern, wer der Schönste ist.

Zermatt hat zwar das Matterhorn, doch der Bilderbuchgipfel thront weit entfernt am Horizont. In Saas-Fee hingegen ragen Dom, Täschhorn und Lenzspitze gleich neben dem Dorf in die Höhe. Selten kommt man so hohen Felsen so bequem so nah. Es sind wilde Wände, steil, zerfurcht, in riesigen Türmen und Nadeln endend – faszinierend und beklemmend zugleich.

Bei «Last Christmas» halten sich die Saaser die Ohren zu

Das Schöne am Winterwandern ist, dass man die Gipfel für sich allein hat. Die meisten Gäste vergnügen sich auf den Pisten, sie sind der grosse Magnet von Saas-Fee. Der Feegletscher bleibt sogar im Juli befahrbar. Wir stapfen in absoluter Stille auf knirschendem Schnee gemütlich Richtung Sengg-Bärenfalle. Eine zweistündige Wanderung, die im Ortsteil Wildi startet. Nicht weit von hier steht auch das Chalet, in dem die Popgruppe Wham! 1984 das Video zu ihrem bekannten Weihnachtssong «Last Christmas» drehte – George Michael mit blonder Föhnfrisur ist unvergessen. Die Leute von Saas-Fee halten sich zwar die Ohren zu, wenn sie den Ohrwurm hören, aber das autofreie Gletscherdorf im Wallis wurde damals mit einem Schlag bekannt.

Der Weg führt zunächst durch lichten Lärchenwald am verlassenen Restaurant Fletschhorn vorbei, wo einst Irma Dütsch die Feinschmecker aus ganz Europa in die Einsamkeit gelockt hatte. Heute wartet es auf einen beherzten Unternehmer, der an diesem abgelegenen Ort wieder etwas Besonderes auf die Beine stellt. Auch das Fletschhorn selbst galt lange als Viertausender, bis nachgemessen wurde und der Berg unter die magische Grenze fiel. Einheimische wollten das einst korrigieren und den Gipfel aufstocken, doch es blieb beim Vorhaben.

Schon bald erreichen wir den Weiler Sengg, eine kleine Siedlung sonnengebräunter Holzhäuser. Nach kurzer Rast und Picknick auf dem Brunnenrand wirds steil: Rund 100 Meter steigen wir zur Bärenfalle hoch. Weit reicht der Blick ins Tal – die Nachbargemeinde Saas-Grund liegt unten in milder Wintersonne. Nach zwei Stunden kommen wir zurück nach Wildi, früh genug, um von hier aus gleich noch eine zweite Wanderung anzugehen.

Auf dem Carl-Zuckmayer-Weg zum Ursprung der Welt

Ein Spaziergang, besser gesagt, denn der eineinhalbstündige Carl-Zuckmayer-Weg fährt einem nicht in die Beine und verspricht zudem geistiges Futter – ein Stück Kulturgeschichte. Der deutsche Dramatiker lebte von 1957 bis 1977 in Saas-Fee im Chalet Vogelweid und beging diesen Rundweg praktisch jeden Tag, begleitet von seinem Hund Axel. Zitatsteine säumen denn auch die attraktive Tour: «Man steht am Ende der Welt und zugleich an ihrem Ursprung», ist da etwa zu lesen. Oder: «Jeder Tag, den ich nicht in Saas-Fee verbringe, ist für mich nur ein halber Tag.»

Erstmals war Zuckmayer 1938 in die Schweiz gekommen, auf der Flucht vor den Nazis. Obwohl nicht mehr verfolgt, bedeuteten die nahen Berge für ihn auch später noch eine Art psychischen Schutz.

Hinter Melchbode stieg «Zuck» stets zum Café Alpenblick hinauf, dem höchsten Punkt der Wanderung. Von hier geniesst man einen herrlichen Blick auf das verschneite Dorf. Im Zickzack führt der Pfad zurück zum Ausgangspunkt.

Für all jene, die ihren Waden etwas mehr zumuten wollen, bietet sich die Tour auf den Hannig an, den Sonnenberg von Saas-Fee. Für die 5 Kilometer lange Strecke mit gut 500 Meter Höhendifferenz benötigt man etwa eineinhalb Stunden. Der beschilderte Weg führt am Restaurant Schäferstube vorbei zur Honeggu und weiter über Melchbode. Im Zickzack geht es hinauf zur Waldgrenze. Zuoberst angekommen, kriegt man bei gewaltiger Rundsicht den Eindruck, dem Himmel ganz nah zu sein. Man müsste nur die Hand ausstrecken, und schon könnte man die Viertausender berühren.

Die Reise wurde unterstützt von Saastal Marketing AGInfos: www.saas-fee.ch/wandern



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Erstellt: 21.12.2019, 17:49 Uhr

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