Demokratie oder Entenbraten

Markus Somm über die enden wollende Geschichte des Brexit.

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Vorgesehen war ein kurzes Treffen, an dem die Staats– und Regierungschefs der EU-Länder die Wünsche von Theresa May, der britischen Premierministerin, blitzschnell abhandeln würden, um sogleich zur Tagesordnung zurückzukehren – genauer: sich einem ausgedehnten Abendessen zu widmen. May, die hartnäckigste Bruchpilotin aller Zeiten, war am vergangenen Donnerstag erneut nach Brüssel geflogen, um eine Verschiebung des Brexit zu erwirken. Hier rümpfte man zwar die Nase und schaute auf die Uhr, doch gnädig gewährte man ihr doch eine Audienz – sollte sie überhaupt eintreffen und nicht vorher abstürzen. Um 18 Uhr wollte May vor die Presse treten, um 19 Uhr die Spitzen der EU mitteilen, ob man May entgegenkommen würde oder nicht, doch die Termine wurden laufend nach hinten verschoben.

Um 20.45 Uhr, als die EU-Chefs schon einige Stunden gebrütet hatten, unterbrachen sie die Sitzung, damit das gute Essen wenigstens nicht kalt würde. Das wäre tatsächlich einer Tragödie gleichgekommen, denn die Köche hatten sich alle Mühe gegeben: Als Erstes stand eine Terrine aus grünen Linsen mit Hummer auf dem Speiseplan, danach sollte Canard à l’orange, ein ­Entenbraten mit karamellisierter Orangensauce, aufgetragen werden, ein französischer Klassiker des Süsssauren. Ursprünglich in der Toskana erfunden und von Katharina von Medici an den Pariser Hof gebracht, als sie Heinrich II. heiratete, war das Gericht zu einer Leibspeise aufgestiegen, von der die französischen Könige nicht genug bekommen konnten – bis sie in der Revolution untergingen.

Die würdelose Behandlung der einstigen Kollegen

Doch was geschieht mit May? Wie kommt sie zu ihrem Entenbraten?, fragten sich offenbar die EU-Chefs, als sie sich zum Dinner niederliessen. Denn nachdem May ihren Antrag hatte vorbringen dürfen, hatte man sie hinausgeschickt, um unter sich zu bleiben, und weil die Diskussion sich unerwartet lange hinzog, konnte man May auch nicht mehr zurückholen. Man kam überein, ihr den Entenbraten auf einem Tablett auf den Korridor zu bringen, doch das lehnte May tapfer ab, und ihr Team bestellte bei einem Take-away Pizza, wie der «Telegraph», ein britisches Blatt, berichtete. Was für ein Bild: Theresa May, Premierministerin eines ehemaligen Weltreichs, die Nachfolgerin von Winston Churchill, sass draussen vor der Tür und verzehrte eine Pizza – ob von Hand, blieb offen. Wenn ein Vorfall ausdrückte, wie schwach diese Politikerin war, wie hündisch sie sich mit jeder Demütigung abzufinden schien, dann diese würdelose Behandlung durch ihre einstigen Kollegen. Hätte Churchill sich das je gefallen lassen? Er hätte die Royal Air Force einbestellt, die ihn ins beste ­Restaurant von London geflogen hätte.

Die EU in der Krise. Was ruckzuck hätte erledigt werden sollen, wie man das mit den Briten immer gehandhabt hatte, um ihnen vorzuspiegeln, wie einig die EU sich sei, verkam zu einer Sitzung von acht Stunden. Man redete aneinander vorbei, lag sich in den Haaren, Vorwürfe breiteten sich aus wie ein übler Geruch. Was war zu tun? Zum ersten Mal, seit das britische Volk 2016 den Brexit beschlossen hatte, so schien es, war den Politikern klar geworden, wie ernst die Lage war. Bislang hatten sie die lästigen Verhandlungen den Funktionären in der Kommission überlassen, die wohl selber nie an den Brexit geglaubt hatten. Zu Recht.

Alles ist möglich

Hatten ihnen die britischen Diplomaten nicht genau dies stets versichert? So gut wie niemand im Aussenministerium, so schrieb diese Woche ein hoher britischer Beamter anonym im «Telegraph», möchte, dass Britannien die EU verlässt – daher haben die Diplomaten alles unternommen, um den Austritt zu hintertreiben. Dass das Volk anders entschieden hatte, kümmerte diese Elite der guten Manieren kaum: Sie haben verschleppt, kompliziert gemacht, was einfach war, sie haben die Verhandlungsposition ihres Landes geschwächt. Man fühlt sich an schweizerische Diplomaten im EDA erinnert. Wenn die EU bloss hart bliebe, so lautete das Kalkül der Brexit–Gegner auf beiden Seiten des Kanals, dann würde das störrische, einmal verführte, einmal dumme britische Volk sich eines Besseren besinnen – und den Brexit aufgeben wie ein Kind, das endlich aufhört, am Daumen zu saugen.

Inzwischen ist alles möglich. Brexit oder nicht, ein Abkommen oder keines, mit May oder ohne May. Die Lage scheint so verworren, dass nichts mehr geht. Vielleicht ist es aber auch sehr einfach: Britannien tut, was dessen ­Bürger mit einer klaren Mehrheit beschlossen haben – ganz gleich, ob das dem Land guttut oder nicht. Man nennt dieses Verfahren Demokratie.

Erstellt: 23.03.2019, 23:59 Uhr

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