Demut macht glücklich

Psychologen entdecken die Tugend neu. Das Ego nicht so wichtig zu nehmen, könne sogar karrierefördernd sein.

Ein Mann in Gryon VD beobachtet die Milchstrasse: Akzeptieren, dass man Teil von etwas viel Grösserem ist. Foto: A. Anex/Keystone

Ein Mann in Gryon VD beobachtet die Milchstrasse: Akzeptieren, dass man Teil von etwas viel Grösserem ist. Foto: A. Anex/Keystone

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Nachtstunde, ein Dorf irgendwo in der Schweiz. Der Blick wandert nach oben, ein prachtvoller Sternenhimmel, überzogen von Tausenden strahlenden Pünktchen. Wie gross es doch ist, dieses Universum, und wie klein sind wir verrückten, egozentrischen Wesen auf der Erde! In solchen Momenten meldet sich eine verloren geglaubte Geisteshaltung zurück: die Demut – die Bereitschaft, die eigene Unvollkommenheit zu akzeptieren und sich selbst als Teil von etwas Grösserem zu erleben.

Es scheint ein unterschätzter Zustand zu sein, der zu einem ausgeglichenen Selbst beiträgt. Das zeigen auch Experimente. Schon wenn ­Versuchspersonen mithilfe eines Videos über die Schönheit des Kosmos etwas ehrfürchtig gestimmt werden, hat das einen Effekt: Ihnen fallen dann ähnlich viele persönliche Stärken wie Schwächen ein. Und bittet man Menschen, andere Situationen abzurufen, in denen sie Ehrfurcht empfunden haben, erinnern sie sich zugleich besser, wann ihnen von anderen Menschen geholfen wurde.

Demut müsse nichts mit Demütigung zu tun haben, sondern steigere die Lebenszufriedenheit.

Immer mehr Psychologen interessieren sich wieder für die alte Tugend der Demut, für Menschen, die sich selbst weder über- noch unterschätzen, Fehler zugeben, zu Selbstvergessenheit neigen, ihre Rolle in der Welt realistisch sehen und andere Menschen wertschätzen. In einer Zeit der Individualisierung und des Egoismus knüpfen sie an alte Ideen an: an Sokrates, der mit seinem Nichtwissen kokettierte, oder an den mystischen Theologen Meister Eckhart, der im Spätmittelalter «das Vernichten seiner selbst» als Grundvoraussetzung christlichen Lebens postulierte.

Bis heute legen sich Priesteranwärter in der Kirche flach auf den Boden, beugen sich Buddhisten vor Buddha und Muslime vor Allah nieder. Von der tiefen, oft mit Unterwerfung assoziierten Deutung der Demut wollen die heutigen Psychologen die Tugend aber abgrenzen. Demut müsse nichts mit Demütigung zu tun haben, sondern steigere die Lebenszufriedenheit. Demü­tige Menschen führten im Schnitt bessere Beziehungen, seien fairere Kollegen und überhaupt glücklicher.

Wo Führungskräfte ihren Narzissmus zähmten und stattdessen bescheiden auftraten, hatte das einen guten Effekt für das Unternehmen: Die Mitarbeiter waren motivierter und leisteten bessere Arbeit.

So zeigte eine Studie von Psychologen der University of Colorado, dass Probanden, die sich selbst als demütig einstuften und auch von anderen so gesehen wurden, die Qualität ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen ­höher einschätzten. Ähnliches berichtet ein Forscherteam vom Hope College in Michigan. Demnach sind Partner demü­tiger Menschen eher bereit, sich mit ihnen in stressigen Situationen zu versöhnen. «Während arrogante Partner mauern, defensiv handeln, Fehlverhalten leugnen oder dem Opfer die Schuld geben, können bescheidene Partner die Sichtweise ihres Partners schnell erkennen, Reue ausdrücken und versuchen, die Beziehung wieder aufzubauen», schreiben die Forscher in «Current Directions in Psychological Science».

Nach diesen Eigenschaften halten offenbar auch Singles Ausschau. So fanden die Psychologen mithilfe erfundener Dating-Profile heraus, dass Testpersonen eher mit demütigen Menschen Kontakt aufnehmen wollen. Angeber kamen dagegen nicht weit.

Am Arbeitsplatz jedoch scheinen die Prahlertypen eher Karriere zu machen. Wer selbstbewusst daherkommt und keinen Zweifel an den eigenen Stärken aufkommen lässt, wirkt kompetenter – zumindest so lange, bis Etat und Vertrauen verzockt sind.

Aber auch für diese Menschen gibt es laut Brad Owens einen Ausweg aus der Narzissmusfalle. «Was einen langfristig zur guten Führungskraft macht, ist etwas anderes als das, was jemanden in die Position gehoben hat», sagt der Organisationspsychologe, der an der Marriott School of Business in Utah die Effekte der sogenannten positiven Psychologie untersucht. Zusammen mit Kollegen hat Owens Befragungen von Angestellten und Führungskräften einer grossen US-amerikanischen Krankenkasse ausgewertet. Wo Führungskräfte ihren Narzissmus zähmten und stattdessen bescheiden auftraten, hatte das einen guten Effekt für das Unternehmen: Die Mitarbeiter waren motivierter und leisteten bessere Arbeit.

Demütige Menschen fürchten sich weniger vor dem Tod

Andere Studien weisen nach, dass ehrliche, demütige Menschen weniger bereit sind, ihre Belegschaft in Risiken zu stürzen. Sie treffen ethischere Entscheidungen. Was nicht heisst, dass jeder Selbstzweifler mit einer Beförderung rechnen sollte. Demut sei besonders effektiv, wenn sich jemand schon einen gewissen Status im Unternehmen erarbeitet habe, sagt Owens. Wenn jemand weiter unten ständig um Rat bittet, «dann könnte er auch als jemand wahrgenommen werden, der keine Ahnung hat, was er tut».

Am Ende geht es bei der Erforschung der Bescheidenheit auch um die grosse Frage nach dem guten Leben: Was stimmt den einzelnen Menschen zufrieden, gesund, glücklich? Es ist belegt, dass das Eingeständnis eigener Fehler die Herzfrequenz reguliert und negative ­Gefühle wie Schuld mindert. Und die Sozialpsychologin Pelin Kesebir von der University of Wisconsin-Madison sagt, dass das Glück demütiger Menschen weniger von der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse abhänge.

«Stolz und Narzissmus spalten die Menschen»

Diese psychische Sturmfestigkeit hilft offenbar bis ans Lebensende. In mehreren Studien hat Kesebir gezeigt, dass demütige Menschen sich weniger vor dem Tod fürchten. An die Endlichkeit des Lebens erinnert, hielten sie umso mehr an ihren Prinzipien fest. «Der Tod ist die ultimative Bedrohung für das Selbst – und demütige Menschen haben ein sichereres und weniger leicht bedrohbares Selbstbewusstsein», sagt sie.

Allerdings ist Demut nicht immer nur vorteilhaft. So können demütige Menschen auch als vermeidend, schüchtern und verlegen wahrgenommen werden. Letztlich kommt es auch auf das Umfeld an. «Das stille Selbstvertrauen bescheidener Menschen kann in einem prahlerischen Umfeld leicht mit Schwäche verwechselt werden», sagt Kesebir. «Was wir brauchen, sind Vergebung, Grosszügigkeit, bessere soziale Beziehungen und exzellente ­Führungskräfte.»

Organisationspsychologe Owens sieht es ähnlich. «Stolz und Narzissmus spalten die Menschen», sagt er. Demut hingegen sei «der fruchtbare Boden, auf dem eine Gesellschaft zu einer sicheren und gemeinschaftlichen Einheit wachsen kann». Eine Einsicht, die von Aristoteles höchstpersönlich hätte kommen können. Der griechische Philosoph wusste bereits vor 2400 Jahren: «Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen.»



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Erstellt: 05.01.2020, 17:40 Uhr

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