ETH-Klimaforscher kritisiert Extinction Rebellion

Alarmistische Aussagen schaden der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft, warnt ETH-Professor Reto Knutti.

Ihr Protest kommt meist bunt und munter daher: Demonstranten von Extinction Rebellion in London. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Ihr Protest kommt meist bunt und munter daher: Demonstranten von Extinction Rebellion in London. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Von Mexiko-Stadt über Berlin bis Sydney blockierten Aktivisten der Klimaschutzbewegung Extinction Rebellion während der letzten zwei Wochen zahlreiche Verkehrsknotenpunkte, um auf eine drohende Klimakatastrophe aufmerksam zu machen und die Mächtigen zum Handeln zu bewegen. Ihr Protest kommt meist bunt und munter daher, doch ihre Forderungen sind radikal:

Die CO2-Emissionen sollen bis 2025 auf netto null heruntergefahren werden. Dazu sollen Bürgerversammlungen einberufen werden, um herauszufinden, wie das Wirtschaftssystem in so kurzer Zeit umgekrempelt werden kann. Nicht zuletzt sollen Medien und Politiker damit aufhören, mutmassliche Klimalügen zu verbreiten.

Reto Knutti widerspricht Aussagen von Extinction-Rebellion-Mitgliedern. Foto: PD

Aus diesem Grund verbarrikadierte Extinction Rebellion am Mittwoch in London die Büroeingänge von Facebook, Google und Youtube. «Tell the truth – stop platforming climate denial» (Erzählt die Wahrheit – gebt Klimaleugnern keine Plattform), forderten die Aktivisten von den amerikanischen Techgiganten.

Doch wie halten es Vertreter der Bewegung ihrerseits mit der wissenschaftlichen Faktentreue? Um die Dringlichkeit ihrer Forderungen darzulegen, beruft sich Extinction Rebellion gern aufakademische Studien und Prognosen. Einer der prominentesten Köpfe und Mitbegründer der Bewegung, Roger Hallam, war im August zu Gast in der BBC-Talkshow «Hardtalk». Dort behauptete er unter Berufung auf die Wissenschaft:

«Bis in zehn Jahren wird in Europa eine Hungersnot ausbrechen – es sei denn, die Forderungen von Extinction Rebellion würden sofort umgesetzt»

ETH-Professor Reto Knutti ist der bekannteste Klimaforscher der Schweiz. Er widerspricht Hallams Einschätzung: «Bis in zehn Jahren wird sich sehr wahrscheinlich kaum etwas ändern, mit einem Trend von etwa 0,2 Grad Celsius pro Jahrzehnt wird die Erwärmung von etwa 1 auf 1,2 Grad steigen – und das ist wenig anders als heute.» Selbst wenn es weltweit eine Nahrungsmittelknappheit gäbe, wofür es aus Knuttis Sicht keine Evidenz gibt, werde man in Europa genügend Geld haben, um sich das Nötigste zu kaufen.

Hallam wagt im Interview mit der BBC nicht nur einen Ausblick aufs nächste Jahrzehnt, sondern gleich auch zum Ende dieses Jahrhunderts. Ausgelöst durch eine klimabedingte Hungersnot sieht der ehemalige Biobauer bis 2100 eine Katastrophe biblischen Ausmasses vorher, er spricht vom sozialen Kollaps, ja gar vom Ende unserer Zivilisation:

Knutti teilt auch diese Einschätzung nicht. Im Gegenteil: «Alle Szenarien gehen von einem Wachstum der Bevölkerung aus. Es gibt keine wissenschaftlichen Studien, die eine derartige Reduktion der Bevölkerung in irgendeiner Weise stützen.» Er kenne keine seriösen Klimaforscher, die solche Aussagen machen, sagt Knutti.

Hallam vertritt ausserdem die aufrührerische Position, die Bürger müssten das Ruder selbst in die Hand nehmen, da das gesamte politische System von Lobbyinteressen unterwandert sei:

«Die Politik hat in den letzten 30 Jahren nichts gegen die Ursachen der Klimaerwärmung unternommen»

Gemäss Knutti ist diese Aussage nicht ganz korrekt, da man sich in den globalen Verhandlungen schliesslich einig wurde, dass der Mensch die dominante Ursache des Klimawandels sei – und dass für die Klimaziele von Paris die Treibhausgas-Emissionen auf null reduziert werden müssten. Er hält Extinction Rebellion jedoch zugute, dass die Anstrengungen zur Umsetzung der Ziele bei weitem ungenügend seien. «Der globale CO2 steigt noch immer jedes Jahr», sagt der Professor.

Mit vielen Aussagen liege Extinction Rebellion aber richtig, so Knutti. Etwa, dass die Luftverschmutzung heute bereits mehr Tote fordert als Krieg, Hunger, Malaria und HIV zusammen. Oder dass die gegenwärtigen Aussterberaten mindestens um das Zehnfache – vielleicht sogar um das Hundertfache – über den natürlich auftretenden Werten liegen.

Doch sei es wenig hilfreich, mit alarmistischen Aussagen um sich zu werfen, sagt Knutti: «Wir stehen ohne Zweifel vor riesigen Herausforderungen. Aber Panik und Weltuntergangsszenarien führen einerseits zu Hilflosigkeit, können andererseits zu kurzsichtigen und falschen Entscheiden führen und untergraben im Übrigen die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft.»

Erstellt: 20.10.2019, 07:28 Uhr

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