Schweizer Popmusiker lassen SRG im Stich

«Kein Kommentar»: Künstler halten sich aus der No-Billag-Debatte raus – obwohl es um ihre wirtschaftliche Existenz geht.

Plattform für DJ Bobo & Friends: «100% Schweizer Musik» auf SRF 1. Foto: Oscar Alessio/SRF

Plattform für DJ Bobo & Friends: «100% Schweizer Musik» auf SRF 1. Foto: Oscar Alessio/SRF

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Sebastian «Baschi» Bürgin war 17 Jahre alt, als er 2003 bei «Music Star» zum ersten Mal vor die SRF-Kameras trat – und in Holzfällerhemd, Jeans und Hut zum nationalen Popstar wurde, inklusive Plattenvertrag. Baschi und das SRF wurden daraufhin unzertrennlich: Das Fernsehen bot ihm in mehreren Doku-Soaps («Der Match», «Baschi National») eine prominente Plattform.

Auch bei den Radiomachern steht er bis heute hoch im Kurs. Seine Songs wurden in den letzten zehn Jahren rauf- und runtergespielt – mehr als 3700-mal allein auf SRF 3. Kein Wunder, füllte Baschi dank dieser allumfassenden Unterstützung durch die gebührenfinanzierten Sender die Konzerthallen, verkaufte seine CDs und kann seit seinem «Music-Star»-Auftritt ein finanziell sorgloses Popstarleben führen.

Jetzt allerdings könnte für einmal das SRF seine Hilfe brauchen. Am 4. März 2018 wird über die No-Billag-Initiative abgestimmt. Sie will die Gebühren für das Fernsehen und Radio komplett streichen. Der Abstimmungskampf wird bereits scharf geführt – nur Baschi und mit ihm die grosse Mehrheit seiner Musikerkollegen bleiben ohrenbetäubend still. Ob Kuno Lauener von Züri West, DJ Bobo, Adrian Stern, Stress, Stephan Eicher, Florian Ast oder Francine Jordi: Kein Wort ist von ihnen zu vernehmen über die mögliche Abschaffung des Senders, der ihre Karrieren entscheidend gefördert hatte, der für sie das Sprungbrett ins musikalische Glück war.

Infografik: So oft wurden diese Musiker/Bands in den letzten 10 Jahren gespielt Grafik vergrössern

Bis auf wenige Ausnahmen wie Sina oder Büne Huber von Patent Ochsner äussert sich kein Einziger von ihnen in den Medien oder auf Facebook. Und schon gar nicht gründeten sie ein Komitee oder traten einem bei, um in den heftig tobenden Abstimmungskampf einzugreifen.

Warum diese Mundfaulheit, wo sich die Popstars sonst doch für allerlei politische Zwecke wie zum Beispiel die Hilfe für Flüchtlinge oder Aufrufe von Hilfswerken gern einspannen lassen? Baschis Management teilt zuerst mit, der ­Musiker äussere sich nicht zu «No Billag». Gefragt nach den Gründen des Schweigens, kommt plötzlich doch noch eine Antwort des Musikers. «Ich hoffe sehr, dass die No-Billag-Initiative abgelehnt wird», sagt Baschi. Wahres Engagement klingt anders.

Nicht einmal die Resolution der Suisa unterzeichnet

Ähnlich verhalten sich seine Musikerkollegen. Das Management von Züri West zum Beispiel beantwortete eine Anfrage erst nach langem Hin und Her – und nach einem Telefonat mit den Verantwortlichen bei Radio SRF. Danach meinte Lauener: «Natürlich» sei er gegen die No-Billag-Initiative. Bis jetzt habe sich die Band einfach «noch keine Gedanken gemacht» über ein Engagement.

Andere bleiben gänzlich still. DJ Bobo zum Beispiel ­– der Weltstar, dessen Konzerte vom Schweizer Fernsehen schon live übertragen wurden und der zum 25-Jahr-Bühnenjubiläum eine eigene Samstagabendshow erhielt – will sich partout nicht zu «No Billag» äussern. Auch Stephan Eicher, Stress, Florian Ast, Francine Jordi, Bligg und DJ Antoine verweigerten eine Stellungnahme oder liessen Anfragen unbeantwortet.

Für sie alle war es bereits zu viel der Mühe, auch nur die Resolution der Musikverwertungsgesellschaft Suisa gegen die Initiative zu unterschreiben, die diesen Sommer gestartet wurde. Neben Büne Huber und Sina unterzeichneten von den bekannten Schweizer Popstars allein Gölä und Marc Sway den Appell gegen die Abschaffung der gebührenfinanzierten Sender.

Dabei hätten beim Stichwort Suisa die Alarmglocken läuten müssen. Die Popstars erhalten beim Radio SRF nicht nur eine Plattform bei rund drei Millionen Hörern – für jeden gespielten Song gibts auch noch Geld in die Kasse. Die Lieder von Züri West zum Beispiel wurden in den letzten zehn Jahren auf SRF 1 und SRF 3 mehr als 7500-mal gespielt – ein Rekordwert. Bei durchschnittlich 7 Franken pro gespieltem Lied – beim TV sind es sogar 16 Franken pro Song – kommt ein willkommener Zustupf zusammen. Insgesamt fliessen mehr als 30 Millionen Franken pro Jahr allein von der SRG zu den Künstlern. Für einige Musiker machen die Vergütungen 40 Prozent des Einkommens aus.

Ohne das SRF müssten sie auf einen Grossteil davon verzichten. Denn während die Privatradios meist nicht einmal auf einen Anteil von 10 Prozent Schweizer Musik kommen, haben sich die SRF-Sender im Sinne einer einheimischen Musikförderung per Charta auf einen Anteil von 20 Prozent verpflichtet.

Die öffentlichkeitswirksamste Bühne des Landes

Beim SRF will sich offiziell niemand über die fehlende Unterstützung beklagen. Hinter den Kulissen ist der Frust über das mangelnde Engagement der oft befreundeten Musiker jedoch gross: «Wir haben ihnen allen durch unsere Sender eine Existenz als Musiker verschafft – und jetzt, wenn es um unsere Existenz geht, schweigen sie», sagen mehrere angefragte Musik- und Unterhaltungsredaktoren. «Wir fühlen uns nicht nur im Stich gelassen. Offensichtlich haben die Popstars noch gar nicht gemerkt, dass auch sie bei einem Ja zur Initiative erheblich leiden müssten – sowohl finanziell wegen der Vergütungen wie auch durch das Verschwinden der mit Abstand öffentlichkeitswirksamsten Bühne des Landes.»

Mitgefühl – wenn auch ein durchzogenes – kommt von Chris von Rohr, ehemals «Music Star»- Juror und Krokus-Bassist. Er habe Freunde bei der SRG, «die einen sehr guten Job machen» und für die es «knüppeldick» kommen ­könne. Er erlebe aber «leider auch immer wieder eine unsägliche ­Arroganz gewisser Staats-Siebenschläfer und Thronsitzer». Dennoch ist von Rohr überzeugt: «Die Schweiz braucht ein offizielles Radio und Fernsehen, aber bitte wie in England ohne Werbung!»

Der Branchenverband will wohl oder übel intern lobbyieren

Äussern sich die SRG-Freunde nicht, werden zwangsläufig die Stimmen der Gegner lauter, die es auch in den Musikkreisen gibt. Thomas Muster, Gitarrist der Heavy-Metal-Band Shakra, gibt zwar zu, dass er als Musiker von SRF profitiere. Er schaue auch gern Tennis am TV. Aber er könne nicht verstehen, dass auch Formel 1 gezeigt werde. «So gesehen, wäre ich am ehesten für eine Halbierung der Gebühren», sagt Muster.

Die Branchenorganisation der Popmusiker, der Verein Musikschaffende Schweiz, zeigt sich ernüchtert. «Wir stellen fest, dass die Gefahr, die von der No-Billag-Initiative ausgeht, noch nicht von allen Musikern erfasst worden ist», sagt Präsident und Musiker Christoph Trummer. Bei einem Nein stehe das gesamte Mediensystem auf dem Spiel, nicht nur die SRG. «Wir brauchen jetzt auch ein Lobbying gegen innen in unserem Verband, nicht nur gegen aussen.»

Zum Schweigen einzelner Musiker will sich Trummer nicht äussern. Er sagt aber, sein Verein plane eine Kampagne gegen die Initiative. Offiziell seien noch keine Musiker angefragt worden.

Hoffnungslos ist das Unterfangen nicht. Nachdem sich Kuno Lauener erst einer Antwort verweigert hatte und auch nicht erklären wollte, warum er den Aufruf der Suisa nicht unterzeichnete, meldete sich am Freitag die Musikverwertungsgesellschaft Suisa bei der SonntagsZeitung: Lauener habe seine Unterschrift nun doch noch unter die Resolution gesetzt.

Video: Die Billag-Debatte in der Wandelhalle

Wie im Parlament zur Volksinitiative argumentiert wurde. (Video: Tamedia, mit Material der SDA) (SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2017, 22:10 Uhr

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