Der dritte Mann: ein Roboter

Wenn Lo & Leduc oder Cher nicht mehr wie Menschen klingen, dann liegt es am beliebtesten Trick der Studiotechnik.

Stimmen wie aus der Blechbüchse: Erfolgsduo Lo & Leduc. Bild: Janosch Abel

Stimmen wie aus der Blechbüchse: Erfolgsduo Lo & Leduc. Bild: Janosch Abel

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Ist das nun ein singender Sprachroboter, oder ist das noch ein Mensch? Diese Frage stellt sich, wer sich für heutige Popmusik im Speziellen und für Hip-Hop im Besonderen interessiert. Egal ob der Sprechsänger Bushido, der Latin-Darling Alvaro Soler oder Lo & ­Leduc im Hit «079»: In den Top Ten der aktuellen Schweizer Hitparade findet sich kein einziger Song mehr, der nicht auf jenen Effekt setzt, der die Gesangsstimme klingen lässt, als würde sie aus einem blechernen Roboter anstatt aus einem menschlichen Körper zu uns dringen. Der Effekt heisst Auto-Tune und wurde vom «Time»-Magazin unlängst zu den schlechtesten Erfindungen des 20. Jahrhunderts gewählt – notabene neben so schrecklichen Dingen wie der Chemiewaffe Agent Orange oder dem Vibrationsgurt zum ­Reduzieren des Bauchumfangs.

Dabei hatte der Erfinder Andy Hildebrand nur die besten Absichten. Der Mann war als Forschungsingenieur in der Ölindustrie tätig und entwickelte eine Art seismologische Signalanalysentechnik, mit der sich detaillierte Untergrundkarten zum Auffinden potenzieller Bohrlöcher erstellen liessen. Dergestalt reich geworden, fragte er in einer Mittagspause im Jahre 1995 in eine lockere Runde von Kollegen, was denn ihrer Meinung nach als Nächstes erfunden werden sollte. «Eine Maschine, die mich zu einer ordentlichen Sängerin macht», soll eine Freundin ­geantwortet haben.

Das automatische Tonhöhenkorrektursystem

Und so machte sich der passionierte Musiker auf, ein Gerät zu entwickeln, das – etwas vereinfacht erklärt – die seismischen Wellen, die ein schlechter Sänger erzeugt, so korrigiert, dass die Töne auf die richtigen Stufen der Tonleiter geruckelt werden. Dabei bediente er sich einer ähnlichen Methode wie jener, die er ehedem im Ölmetier anwandte. Nach nur einem Monat war Auto-Tune geboren, auf Deutsch: das automatische Ton­höhenkorrektursystem.

Als die Firma Antares den Effekt im Frühling 1997 erstmals als Plug-in für professionelle Aufnahme-Software anbot, kam dies einer Revolution in der Musikproduktion gleich, vergleichbar mit der Erfindung von Photoshop für die Bildbearbeitung. Auto-Tune schaffte es, aus jedem Sänger einen tontrefflichen Sänger zu machen. Doch ausser den Tontechnikern in den Aufnahmestudios bekam davon vorerst kaum jemand etwas mit. Denn obwohl fast jeder Auto-Tune nutzte, mochte sich kein Musiker damit exponieren, dass in der Bearbeitung seines Gesangs technisch nachgeholfen werden musste. Setzt man den Effekt nämlich dezent ein, ändert er die Klangfarbe der Stimme nur marginal. Es ist also nichts davon zu bemerken, ausser dass die schief gesungenen Töne auf einmal gerade klingen.

Der grosse Tabubruch geschah im August 1998 in einem Studio im englischen Surrey. Und zwar aus purer Verzweiflung. Die Schauspielerin und Sängerin Cher war während der Aufnahmen des Songs «Believe» mit ihrem Produzenten Mark Taylor in Streit geraten. Er befand, Chers Gesang sei unzureichend, sie befand nach wiederholtem Einsingen, er solle sich zum Teufel scheren. Wenn es ihm nicht passe, solle er sich eine andere Sängerin suchen.

Chers «Belive»: Der erste Welthit mit Auto-Tune-Einsatz. Video: Youtube

Nachdem sie das Studio unter Protest verlassen hatte, begann Mark Taylor zu basteln. Er drehte die Regler des Auto-Tune-Effekt auf der Gesangsspur bis zum Anschlag (einstellen kann man die Geschwindigkeit und die Intensität der Tonkorrektur), was die Stimme von Cher derart roboterartig verfremdete, dass sie kaum mehr wiederzuerkennen war. Der Erfinder Andy Hildebrand hatte seinen Effekt so programmiert, dass diese Art der Tonkorrektur möglich war, doch er war überzeugt, dass niemand so verrückt sein würde, ihn auch so einzusetzen, wie er später in einem Interview erklärte. Cher gefiel das Ergebnis jedoch dermassen gut, dass sie der zweifelnden Plattenfirma ausrichtete, sie dürfe den Robotereffekt auf ihrer Stimme nur über ihre Leiche eliminieren. «Believe» wurde zum ersten Welthit mit forciertem Auto-Tune-Einsatz.

Doch Nachahmer gab es – ausser dem italienischen Disco-Leichtfuss Gigi D’Agostino – in der westlichen Popmusik lange Zeit kaum. Dafür entdeckten nordafrikanische Rai-Sängerinnen und -sänger den Effekt bald für sich, bis heute findet sich kaum mehr eine moderne Produktion aus dem Maghreb, in dem er nicht exzessiv zum Einsatz kommt. Aus pop­historischer Warte betrachtet, gehören die Hip-Hopper eher zu den Spätzündern. 2005 tauchte das gefühlsduselige Erstlingswerk «I’m Sprung» des Rappers T-Pain in den US-Charts auf, dessen markantestes Merkmal der ausschweifend eingesetzte Auto-Tune-Effekt war. Weil T-Pain in der Folge seine ganze Karriere auf diesem Effekt aufbaute und dabei erstaunlich reich wurde, fand der Herr bald prominente Epigonen – unter ihnen Rapper wie Snoop Dogg oder Kanye West. Letzterer setzte dem Effekt mit seinem 2008 erschienenen ­Album «808s and Heartbreak» ein Denkmal.

Seither sind alle Dämme gebrochen. In einer vernetzten Musikwelt, in der sich jeder Trend in Windeseile in die entlegensten Ecken der Welt ausbreitet, ist Auto-Tune zum heissen Ding arriviert. Im hippsten aller Hip-Hop-Zweige, im Trap, gilt bereits als hoffnungsloser Eigenbrötler, wer Auto-Tune nicht einsetzt, und sogar die Indie-Szene wagt sich langsam an das künstlerisch heikle Thema heran.

Auto-Tune, ein Effekt, den man überall kostenlos von illegalen Plattformen herunterladen kann.

Auto-Tune ist längst von einem blossen Effekt zu einem kulturellen Phänomen arriviert. Kulturwissenschaftler nehmen sich des Themas an und stilisieren die Sache zu einem Mirakel hinauf, das das Zeug hat, die Musikwelt zu demokratisieren. Mit der Auto-Tune-Maske könne nun wirklich jeder zum Sänger werden, egal wie ungünstig das Timbre und wie wackelig die Singstimme auch sei. Und Musikethnologen, die den Umstand zu ergründen versuchen, warum sich Auto-Tune ausgerechnet in der ­afrikanischen Rap-Szene so grosser Beliebtheit erfreut, sehen den Effekt als Waffe gegen die Tyrannei der Ästhetik. Ihre These: Die westliche Musikindustrie habe über Jahrzehnte die Standards festlegt, afrikanische Musiker hätten oft nicht die finanziellen und technischen Mittel gehabt, diesen zu genügen. Auto-Tune, ein Effekt, den man überall kostenlos von illegalen Plattformen herunterladen kann, erlaube es ihnen nun, mittels weniger Mausklicks, so zu ­klingen wie die bekanntesten ­Exponenten der westlichen Rap-Community.

Doch ob das wirklich erstrebenswert ist, darüber wird in der Musikwelt erbittert gestritten. Auto-Tune hat schon fast trumpsches Konfliktpotenzial: Entweder man liebt es oder man begreift es als Symbol für den kulturellen Niedergang. Der US-Philosoph Criss Jami hat letztere Position so zusammengefasst: «Die Popkultur ist zu einem Ort geworden, an dem Mitleid als Mitgefühl, Schmeichelei als Liebe, Propaganda als Wissen, Spannung als Frieden, Klatsch als Nachrichten und Autotuning als Gesang bezeichnet wird.»

Jimi Hendrix und der Wah-Wah-Effekt

Kramt man in der Musikgeschichte, findet sich eine Vielzahl ähnlicher Phänomene. Und da in der Erfindung neuer Instrumente ein bisschen gebummelt wurde, waren es immer wieder Effekte oder Erzeugnisse aus der Studiotechnik, welche ganze Musikepochen geprägt haben. Man denke an den Wah-Wah-Effekt für die Stromgitarre, die nicht nur Jimi Hendrix zum futuristischen Klangalchemisten machte, sondern ab Ende der Sechzigerjahre eine ganze Generation von Psychedelik-Anhängern berauschte. Und was wäre aus den lichtscheuen New Wavern geworden, hätte man ihre Gesänge in den Achtzigern nicht ausgiebig mit digitalen Hallfahnen verschleiert?

Dennoch ist anzunehmen, dass man in einigen Jahren mit einer Mischung aus Süffisanz und Kopfschütteln auf die Auto-Tune-Epoche zurückblicken wird, etwa so, wie man heute auf die kurze Periode Rückschau hält, in der es in der Technoszene ruchbar war, mit hochgepitchten Schlumpf-Stimmen zu hantieren. All jene, die mit dem Trend mitgezottelt sind, dürften es schwer haben, ihren Ruf als bedauernswerte Fashion Victims zu korrigieren.

Und der Erfinder selbst? Der ist von der Zweckentfremdung seiner Idee etwas irritiert, und will der Menschheit nun etwas wirklich Gutes tun: Seine Technologie soll demnächst in Herzschrittmachern zum Einsatz kommen und das eine oder andere Leben retten.

Erstellt: 21.07.2018, 18:34 Uhr

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