Bischof Huonder entfacht neuen Streit

Der Bischof will Abtreibungsgegner unterstützen und sein Schloss renovieren – mit Geld, dass Zürich aus Protest gegen das Bistum Chur zurückbehalten hatte.

Bischof Vitus Huonder: Der 75-Jährige löst mit seinem Ansinnen neue Irritationen aus. Foto: René Ruis/Keystone

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Mit dem Advent beginnt für die Christen die Vorbereitung auf Weihnachten. Just in dieser Zeit der Besinnung hat Vitus Huonder zur Feder gegriffen – der 75 Jahre alte Bischof des Bistums Chur schickte den Zürcher Katholiken einen Brief.

Es ist ein Brief, der einen Streit zwischen dem urban-katholischen Zürich und dem konservativen Bischof des Bistums Chur aufwärmt, und neue Irritationen auslöst. Es geht um Geld, um 1,2 Millionen Franken. Der Bischof erhebt einen «moralischen Anspruch» auf einen Fonds, der im rechtlichen Sinn nicht seinem Bistum zusteht, sondern den Zürchern gehört. Mit dem Geld will Huonder unter anderem fundamentalistische Abtreibungsgegner unterstützen und sein Schloss in Chur renovieren. Das «leidige Thema der zurückbehaltenen Bistumsbeiträge» solle nun endlich aus der Welt geschafft werden, schreibt der Bischof.

Benno Schnüriger ist einer der Adressaten des Schreibens, das der SonntagsZeitung vorliegt. Schnüriger ist Präsident des Zürcher Synodalrats, der Regierung der Katholiken. Er hat den Brief am Freitag, pünktlich zum Adventsbeginn, in seiner Post gefunden – und er war «völlig überrascht». Er spricht von einer «Drohgebärde, die einen Protest auslösen könnte».

Zürcher sparten für ein eigenes Bistum

Beim Fonds, dessen Geld Bischof Huonder jetzt beansprucht, handelt es sich um einen Finanztopf, den die Zürcher Katholiken im Jahr 1990 ins Leben gerufen haben, um die Pläne für eine Gründung eines eigenen Bistums Zürich zu finanzieren. Die Abspaltung vom «Problembistum Chur» sollte damit vorangetrieben werden. Ausgelöst hatte die Spaltung der erzkonservative Bischof Wolfgang Haas, der Vorvorgänger Huonders.

Den Fonds äufneten die Zürcher Katholiken mit einem Teil der Kirchensteuer. Und zwar mit dem nicht beanspruchten Teil des Bistumsbeitrags. Der Bistumsbeitrag umfasst rund ein Prozent der Kirchensteuer. Es ist eine freiwillige Zahlung, die aber üblicherweise geleistet wird. Im Zürcher Fonds kamen so ebenjene 1,2 Millionen Franken zusammen.

Die Diskussion um ein Bistum Zürich ist heute erlahmt. Vor allem auch, weil sich die Kantonalkirchen des Bistums Chur im März gegen eine Abspaltung ausgesprochen haben. Ohne die finanzkräftigen Zürcher fühlen sich die übrigen Kantonalkirchen nicht in der Lage, alle Aufgaben alleine zu bewältigen. Von den fast 700'000 Katholiken des Bistums leben rund 400'000 im Kanton Zürich.

Der Bischof träumt von einem Domschatzmuseum

Wegen dieser Ablehnung befindet die Synode, das Parlament der Zürcher Katholiken, am 7. Dezember über ein Postulat. Darin heisst es, der Synodalrat möge prüfen, ob er der Synode einen Vorschlag unterbreiten könne für die weitere Verwendung der Gelder aus dem «Fonds Bistum Zürich».

Von diesem Ansinnen hat Huonder Wind bekommen. Und deshalb macht er in seinem Brief Vorschläge, wie der Fonds «im Einvernehmen mit dem Bischöflichen Ordinariat» liquidiert werden kann. Huonder lässt keine Zweifel daran, dass er den Boykott der Zürcher verurteilt. Es sei «schwerer Schaden» am staatskirchenrechtlichen System entstanden.

Ausriss aus dem Brief des Bischofs an die Zürcher: Vitus Huonder beklagt den «schweren Schaden»

Der bischöfliche Vorschlag sieht eine Dreiteilung vor. Je 400'000 Franken sollen in die Bereiche Soziales, Kultur und Bildung fliessen. Im Bereich Soziales möchte der Bischof je 200'000 Franken an Caritas Graubünden und an die «Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind» spenden. Hinter dieser Organisation stehen fundamentalistische Abtreibungsgegner. Auf der Website gibt es schockierende Bilder zu sehen: Sie zeigen Embryonen und Föten, die nach der Abtreibung in Blutlachen liegen.

Renovation habe nichts mit Museum zu tun

Im Bereich Kultur will Huonder das Drittel für die Renovation seines Schlosses verwenden. Katholiken in Zürich vermuten, dass er so das umstrittene Projekt eines Domschatzmuseums vorantreiben will. Weil das Vorhaben viel kostet, wird Huonder scherzhaft schon in die Nähe des früheren Limburger Bischofs gerückt. Dieser hatte seinen Sitz für über 30 Millionen Euro ausbauen lassen und den Übernamen «Bischof Bling-Bling» erhalten. Huonders Sprecher Giuseppe Gracia betont jedoch, die Renovation habe mit dem Museum nichts zu tun.

Das Drittel Bildung soll schliesslich an die Stiftung Priesterseminar St. Luzi in Chur gehen.

Synodalratspräsident Schnüriger kann darob nur den Kopf schütteln. Er frage sich: «Darf sich der Bischof überhaupt so in unsere Angelegenheiten einmischen?» Darüber hinaus komme der Brief «zum falschen Zeitpunkt». Das Postulat sei ja noch gar nicht überwiesen. So oder so halten es viele Zürcher Katholiken für möglich, dass der Fonds nach der jüngsten Provokation aus Protest gar nicht aufgelöst wird. Der Zürcher Synodenpräsident Alexander Jäger sagt: «Ich kann mir kaum vorstellen, dass es nach diesem Brief in der Synode eine Mehrheit für die Auflösung des Fonds geben wird.»

Synodalratspräsident spricht von «Provokation»

Kommt hinzu, dass die bischöflichen Vorschläge alles andere als gut ankommen. Die geplante Spende an die Abtreibungsgegner hält Synodalratspräsident Schnüriger für eine «reine Provokation». Und er frage sich auch, was denn am Schloss renoviert werden solle. «Normalerweise bestreitet der Bischof Renovationen aus seinen eigenen Mitteln.» Generell beurteilt Schnüriger die Vorschläge als «zu willkürlich».

Aus Chur klingt es erwartungsgemäss anders. Sprecher Gracia sagt: «Ich glaube nicht, dass wir mit dem Brief jemanden vor den Kopf stossen oder dass Zürcher Funktionäre sich pikiert fühlen. Immerhin macht der Bischof vernünftige Vorschläge und bringt gute Ideen.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.12.2017, 18:55 Uhr

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Studie zur Kirchensteuer

Die evangelisch-reformierte Kirche in der Schweiz nimmt pro Mitglied mehr Geld ein als die römisch-katholische. So betrug das durchschnittliche Steueraufkommen im Jahr 2007 pro Mitglied bei der evangelisch-reformierten Kirche 300 Franken, bei der römisch-katholischen Kirche waren es 266 Franken. Die Unterschiede zwischen den Kantonen sind enorm: Bei der evangelisch-reformierten Kirche im Kanton Basel-Stadt betrug das Kirchensteueraufkommen 2007 pro Mitglied 567 Franken, im Kanton Wallis waren es 11 Franken. Bei der römisch-katholischen Kirche steht der Kanton St. Gallen mit 439 Franken pro Mitglied an der Spitze, wiederum zuunterst der Kanton Wallis mit 12 Franken.

Auch wenn die römisch-katholische Kirche im Schnitt pro Mitglied weniger Steuern einnimmt, erhielt sie insgesamt mehr Geld. 2007 waren es 703 Millionen gegenüber 647 Millionen Franken bei der evangelisch-reformierten Kirche.

Die Zahlen stammen aus dem Projekt Finanzanalyse Kirche (Fakir), das im Rahmen des Nationalfondsprojekts «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft» vom Beratungs- und Forschungsbüro Ecoplan durchgeführt wurde. Die Studie liefert die bislang einzige Zusammenstellung der Kirchensteuern auf nationaler Ebene.

Ebenfalls errechnet haben die Autoren, wie hoch die Beiträge sind, welche die zwei grossen Landeskirchen von der Öffentlichkeit erhalten. Dazu gehören grösstenteils die Kirchensteuern von Unternehmen, allgemeine Staatsbeiträge sowie die Übernahme der Pfarrsaläre durch die öffentliche Hand. Im Rahmen der öffentlichen Finanzierung 2007 erhielt die evangelisch-reformierte Kirche 301 Millionen, die römisch-katholische kam nur auf 255 Millionen Franken. Den Unterschied erklären sich die Autoren damit, dass die historisch reformierten Kantone Bern, Waadt und Zürich generell die Landeskirche stärker unterstützen. Den Hauptanteil der öffentlichen Finanzierung leisten die Unternehmen. Sie zahlten laut der Studie 2007 für beide Landeskirchen 264 Millionen Franken Kirchensteuern. Dabei handelt es sich gemäss Fakir-Studie um «eine staatlich angeordnete Finanzierung, von der sich ein Unternehmen nicht befreien kann».

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