SBB-Chef Meyer soll entmachtet werden

Andreas Meyer soll als Verwaltungsratspräsident bei SBB Cargo abgesetzt werden. Er wehrt sich.

Hält die Idee des Bundesrats für «verfrüht»: SBB-Chef Andreas Meyer. Foto: Marco Zanoni/Lunax

Hält die Idee des Bundesrats für «verfrüht»: SBB-Chef Andreas Meyer. Foto: Marco Zanoni/Lunax

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Öffnung des SBB-Cargo-Verwaltungsrats und des Aktionariats für Private: Der Beschluss des Bundesrats zur Zukunft der notorisch defizitären Güterbahn schien reichlich defensiv. Aber er enthält Zündstoff.

Recherchen der Sonntagszeitung zeigen: Damit einher geht der Befehl, SBB-Chef Andreas Meyer als Verwaltungsratspräsident der SBB-Tochter Cargo abzusetzen. «Das Präsidium des Verwaltungsrats ist durch einen Dritten zu besetzen», steht im Bundesratsbeschluss. Und das Verkehrsdepartement von Doris Leuthard bestätigt: «Der Bundesrat erwartet, dass der Verwaltungsrat der SBB die erforderlichen Schritte rasch einleitet und umsetzt.»

Der Grund für Meyers Entmachtung: Der SBB-CEO gilt in der Branche, aber auch bei den Güterverkehrsspezialisten in Leuthards Departement als mitverantwortlich für die Probleme von SBB Cargo – weil er bei allen Entscheidungen den Interessen des Personenverkehrs Vorrang einräume.

«Unter Andreas Meyer kommt Cargo innerhalb der SBB unter die Räder», sagt Frank Furrer vom Branchenverband der Verladewirtschaft. Als Paradebeispiel dafür gilt die Trassenvergabe, also die Zuteilung von Gleiskapazitäten. So hat Meyer kürzlich eine zusätzliche Schnellverbindung durch den Gotthard angekündigt. Diese geht aber auf Kosten des Güterverkehrs.

Meyer probt den Aufstand und verweigert vorerst den Befehl

«Meyer investiert die SBB-Gelder dort, wo sie ihm einen noch grösseren Bonus versprechen und nicht dort, wo es für das Gesamtsystem wichtig ist», urteilt ein ehemaliges SBB-Kader. «Das muss sich ändern.» Das Verkehrsdepartement formuliert nobler: «Durch die Aufwertung und fachliche Verstärkung des Verwaltungsrats von SBB Cargo werden positive unternehmerische Impulse erwartet.»

Doch Meyer probt die Befehlsverweigerung: Schon im Vorfeld des Entscheids haben seine Bundesbahnen gegen die Entmachtungspläne lobbyiert.

Und jetzt lässt er ausrichten: «Die fixe Vorgabe eines externen Verwaltungsratspräsidiums in den strategischen Zielen schränkt die Flexibilität für gute Lösungen ein und bedeutet auch einen starken Eingriff in die unternehmerische Freiheit.» Und er fügt an: «Die SBB halten diesen Schritt deshalb für verfrüht.»

Im Klartext: Der SBB-Chef wird die Neuorganisation verschleppen. Ein Insider ist sich sicher: «An­dreas Meyer wird das Cargo-Verwaltungsratspräsidium erst aufgeben, wenn er die SBB ganz verlässt.»

Die Entmachtung Meyers wäre «ein Schritt in die richtige Richtung» gewesen

Der Druck, die Güterbahn aus den Fängen von Meyers Personenverkehrs-SBB zu befreien, ist jedoch gross. Politiker verlangen schon lange weitergehende Lösungen wie beispielsweise die Ausgliederung der Güterbahn aus dem SBB-Konzern. Oder gar ihre Privatisierung.

Am kommenden Montag debattiert die ­Verkehrskommission erneut über solche Ideen. Die Stärkung von Cargo inklusive der Entmachtung Andreas Meyers hätte jene Politiker besänftigen und bremsen sollen, die mit radikalen Lösungen liebäugeln. Verkehrsministerin Leuthard wollte damit die integrierten SBB aus Personenverkehr, Güterverkehr und Infrastruktur vor ersten Schritten zur Aufspaltung bewahren.

Denn die Entmachtung Meyers wäre für viele Verkehrspolitiker «ein Schritt in die richtige Richtung» gewesen, «dessen Folgen man erst mal analysieren muss», wie Natalie Rickli, die Präsidentin der Verkehrskommission sagt.

Für viele tritt Andreas Meyer zu selbstherrlich auf

Mit Meyers Befehlverweigerung ist der Geduldsfaden bei vielen gerissen. FDP-Nationalrat und TCS-Vizepräsident Thierry Burkart sagt: «Wenn Herr Meyer und die SBB nicht einmal die Minimalmassnahmen des Bundesrats sofort umsetzen wollen, sind härtere politische Schritte nötig.» Burkart wird am Montag beantragen, Cargo aus dem SBB-Konzern auszugliedern, den neuen Verwaltungsrat mit Fachleuten aus der Transportbranche zu besetzen, und zwar eine Bundesmehrheit zu behalten, aber eine möglichst grosse private Beteiligung zuzulassen.

Der Vorschlag Burkarts kommt bei vielen Kommissionsmitgliedern gut an. Man möchte klare Verhältnisse, aber auch die Macht des für viele inzwischen zu selbstherrlich auftretenden Meyers brechen.

Mit dem Nebeneffekt, dass man dann auch dessen Lohn von über 1 Million Franken endlich senken könnte. Das Cargo-Verwaltungsratsmandat wird zwar formal nicht entschädigt und ist Teil von Meyers Lohn. Der Wegfall der Güterbahn würde indes den alten Lohn nicht mehr rechtfertigen.

Video – SBB-Chef Andreas Meyer über die Zukunft im Personenverkehr

Will Züge ohne Lokführer testen: SBB-CEO Andreas Meyer blickt an einer Medienkonferenz in die Zukunft. (Video: Keystone/SDA) (SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2017, 20:16 Uhr

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