Er hat Gölä und Trauffer gross gemacht

Kommerzieller Erfolg ist seine Masseinheit: Über den Produzenten TJ Gyger, der die Schlüsselfigur in den Karrieren von Gölä und Trauffer ist – und einst sein Gitarrenlehrer war.

«Folklore und Mundart: Früher wäre ich fortgerannt»: TJ Gyger (M.) mit Gölä (l.) und Trauffer. Foto: Michele Limina

«Folklore und Mundart: Früher wäre ich fortgerannt»: TJ Gyger (M.) mit Gölä (l.) und Trauffer. Foto: Michele Limina

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Ohne ihn wären Gölä und Trauffer niemals so erfolgreich. Und niemals so gross, dass die beiden Volksrocker als Büetzer Buebe in einem Jahr das Letzigrundstadion in Zürich mindestens einmal füllen werden. Dieser Mann, der lieber im Hintergrund agiert, steht nun auf dem Gelände einer Zürcher Abfallannahmestelle neben dem Truck mit dem Büetzer-Buebe-Logo. TJ Gyger bekennt, während Trauffer und Gölä zeitgleich Interviews geben: «Ich bin unglaublich stolz.» Und der Berner sagt dann auch: «Folklore und Mundart: Früher wäre ich fortgerannt.»

Ich wäre fortgerannt, hätte mich genau dieser Thomas J. Gyger mit folkloristischem Mundartrock traktiert. Denn er war Ende der Neunzigerjahre mein Gitarrenlehrer – und ich ein übungsfauler Schüler. Aber anderes war für mich als 13-Jähriger bereits wichtiger: über Musik zu fachsimpeln beispielsweise, und genau das konnte ich mit ihm in einem Musikladen mit integrierter Schule in der Gemeinde Steffisburg sehr gut. Weil er auch heute keine grossen Phrasen drischt und ein geschickter Vermittler und Zuhörer ist. Und von dem ich damals nicht erwartet hätte, dass sein Name heute mit der kommerziell erfolgreichsten Musik des Landes verbunden ist. Was das für eine Zeit für TJ Gyger war? «Ich und meine Musikerkollegen gingen alle sehr blauäugig in dieses Geschäft rein. Wir hatten ja nicht den Traum, Unterricht zu geben. Aber schnell fand ich heraus, dass es mit dem Dasein als Musiker ein wenig schwierig wird.»

Unsere Wege trennten sich bald, weil 1998 erschien «Uf u dervo», jenes Debüt, das Gölä zum nationalen Popstar machte und mit heute 300'000 verkauften Exemplaren das erfolgreichste Album eines Mundartmusikers ist. TJ Gyger war als Keyboarder Teil der Gölä-Band. Und für ihn gings dann los: «Es kamen Ruhm und Geld, und nach zwei Jahren waren wir ausgebrannt – wir konnten es nicht mehr miteinander.» Der heute 40-Jährige nahm sich eine Auszeit, studierte in den USA für ein Jahr Musik. Bereits beim Vorspielen wusste Gyger: «Ich werde nie im Leben so gut spielen wie all die anderen. Das war sehr ernüchternd.» Er merkte: «Ich kann mich nicht aufs Spielen allein konzentrieren.» Und er entschied für sich: «Ich bin die klassische Nummer 2.»

«Den Glauben an den Bandbubentraum von wegen: wir schreiben jetzt einen Hit und gehen dann auf Tour, habe ich früh verloren.»

Nach seiner Rückkehr gründete der KV-Absolvent eine Musikfirma in Thun, verlagerte den Schwerpunkt auf das Unternehmerische, zu einem Zeitpunkt, als das Krisenausmass, in das die Musikindustrie in den Nullerjahren stürzen sollte, noch nicht absehbar war. «Den Glauben an den Bandbubentraum von wegen: wir schreiben jetzt einen Hit und gehen dann auf Tour, habe ich früh verloren.» Zumal TJ Gyger eines immer wollte: Erfolg haben, Musik für eine breite Klientel, wie er es nennt, machen.

«Kommerzieller Erfolg ist ein Muss, ganz klar», gibt er unumwunden zu. «Ich mache keine Kunst für den kleinen Rahmen. Natürlich habe ich eine hohe Wertschätzung gegenüber jenen, die das wollen, doch für mich ist dieses Persönliche nichts. Ich will Produkte machen für die grosse Masse.» Die produziert er seither: Für das dritte Gölä-Album übernahm Gyger, der mit Abstand Jüngste im Verbund, erstmals eine Führungsrolle. Er arbeitet als musikalischer Leiter der Liveshows von DJ Bobo, entwickelte gemeinsam mit Gölä die Figuren Papagallo & Gollo, deren CDs und Bücher die Kinderzimmer heimsuchen. Und er modelte den Brienzer Holzfigurenfabrikanten Marc Trauffer zum erfolgreichen «Alpentainer» um, indem er sein Profil schärfte. Bis hin zum Album «Schnupf, Schnaps + Edelwyss».

«Es ist der Konsument, der entscheidet, was er hören will»

Und nun die Büetzer Buebe. Gyger amtet als Geschäftsführer der eigens gegründeten AG, im Booklet der CD ist er als Projektleiter aufgeführt. Seine Arbeit fühle sich dann auch mehr an wie zu KV-Zeiten: Telefonieren, Hotels buchen, den Musikern den Rücken freihalten – für das Musikmachen bleibe da schon sehr wenig Zeit übrig. Aber Gyger sagt auch: «Die meisten meiner Kollegen können heute nicht mehr von der Musik leben.» Wenn ihm nun so viele aus der Musiker-Mittelschicht den Vorwurf machen, dass seine Produkte nur Kalkül seien, dann entgegnet er: «Wir haben einen Weg gefunden, um für unsere Musik noch eine Abnehmerschaft zu haben.» Etwa dass die «Urchig»-CDs von Gölä am Kiosk feilgeboten werden.

Gyger, der so ruhig und alles andere als kühl wirkt, wird für einmal energisch: «Mit den Gebühren, die wir in den Topf der Suisa einzahlen, werden die Projekte von jenen, die nun bellen, finanziert. Und an dieser Kritik sehen wir auch, dass sie eigentlich an unserer Position sein möchten – mit ihrem coolen, ihrem hippen oder ihrem gehaltvollen Sound. Aber wer hat das zu entscheiden? Es ist nur der Konsument, der entscheidet, was er hören will.»

Überhaupt die Kritik: «Wenn die Leute nicht mehr motzen, dann sind wir auch nicht erfolgreich», sagt Gyger. Was macht er aber, wenn Gölä gegen «die Penner vor dem Denner» ansingt? «Ich habe ihm gesagt: Da wird der Teufel los sein. Und er sagte: ‹Los, ig schwigä nümmä, das nehme ich in Kauf.› Er hat das entschieden, und das Publikum kann dann eben auch entscheiden. In seinem Fall merkt man klar, das ist ein Stempel, der geblieben ist – auch wenn Gölä alles andere als ein Rassist ist.» Weil Gyger ein Profi ist, sagt er auch: «Wenn man nicht mehr auffällt und nichts zu sagen hat, geht man heute unter. Aber blind herumprovozieren geht auch nicht, nur dass man medial stattfindet.»

Es ist also ein Überlebenskampf in Gang in der Schweizer Popbranche, und die Büetzer Buebe sind derzeit jene, die alles abzuräumen scheinen. Aber Gyger weiss: «Wenn du oben auf dem Thron bist, will dich jeder stürzen. Das wird auch mit uns einmal passieren, und dann kommt eine junge Band, die neue Rekorde aufstellt, das ist wie im Sport.» Und er erinnert sich an einen Bereich, den er als früherer Kunstturner bestens kennt: «Wie ich heute arbeite, das habe ich vom Sport und nicht von der Musik. Dort kann man nur mit vielen Trainingsstunden und Leistung etwas erreichen.» Diese Disziplin: Auch sie hat TJ Gyger von der Musikschule im Dorf mit dem übungsfaulen Schüler bis ins ausverkaufte Stadion gebracht.



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Erstellt: 11.08.2019, 15:36 Uhr

Bestürzend ideenlos

Sie packen die «Büetz» an, haben «stuuri grinde» und rufen am Freitag durch die Beiz: «Frölein no nes Bier!» Am Wochenende geben Gölä und Trauffer «Gummi», wenn sie mit ihren «Chläpf» bolzen. Dazu spielen die Musiker eine folkloristische Rockmusik, die so bestürzend ideenlos und rückständig ist wie die Texte. Etwa dann, wenn sich ein Bauernbub mit John-Deere-Mütze «uf u dervo» wünscht und natürlich bald wieder nach Hause kommt. Weil zu Hause mit einem treuen «Meitschi» sei es halt immer noch am schönsten. Das erfreut zumindest die Klientel. (bsa)

Gölä & Trauffer: «Büetzer Buebe»

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