Coop schnappte Leuthard der Migros weg

Die Migros wollte die Alt-Bundesrätin zur Präsidentin machen. Doch der Coop-Boss taktierte cleverer.

Die lachende Dritte: Doris Leuthard wechselt in die Welt der Grossverteiler. Coop-Präsident Loosli (l.) kennt sie als Ex-Chefin, Migros-Chef Zumbrunnen (r.) hat das Nachsehen. Fotos: Tomas Wüthrich (13 Photo), PD

Die lachende Dritte: Doris Leuthard wechselt in die Welt der Grossverteiler. Coop-Präsident Loosli (l.) kennt sie als Ex-Chefin, Migros-Chef Zumbrunnen (r.) hat das Nachsehen. Fotos: Tomas Wüthrich (13 Photo), PD

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Dümmer hätte es nicht laufen können: Wenige Wochen bevor die Migros eine neue Präsidentin wählt, macht Erzrivale Coop mit dem grossen Frauen-Coup von sich reden: Ex-Bundesrätin Doris Leuthard – die wohl populärste Magistratin, die es je gab – wird in den Verwaltungsrat des Basler Detailhandelsriesen einziehen.

Wieder einmal steht der Konkurrent der Migros dynamischer da. Und das mit einem Thema, mit dem er sich bis anhin nicht wirklich profiliert hat: fortschrittliche Geschlechterpolitik. Der von Hansueli Loosli präsidierte Konzern schneidet zwar mit einer Frauenquote von 50 Prozent im Verwaltungsrat gut ab. In der siebenköpfigen Geschäftsleitung sitzen indes bis heute nur Männer – für ein Unternehmen von der Grösse Coops wirkt das unangemessen.

Doch Hansueli Loosli hat mit dem personalpolitischen Schachzug einmal mehr gezeigt, dass er einen Instinkt für den Moment und keine Skrupel hat, sein Beziehungsnetz zu seinen Gunsten zu nutzen – selbst wenn er dabei unter den Verdacht der Vetternwirtschaft gerät. Wenn eine Person vom Format Leuthards für Verwaltungsratsmandate frei wird, klopfen die Firmen in der Regel sofort an.

Loosli nützte seinen engen Draht zu Leuthard aus

Die CVP-Politikerin stand auch auf dem Wunschzettel der Migros. Drei voneinander unabhängige Quellen bestätigen, dass Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen bei der Bundesrätin diskret auslotete, ob sie ein Interesse am frei werdenden Präsidium der Migros habe. Damals war Leuthard noch im Amt, hatte ihren Rücktritt aber bereits angekündigt. Es habe ein Gespräch unter vier Augen zwischen den beiden gegeben, so eine vertraute Quelle.

Leuthard hat durchaus auch enge Drähte zur Migros. Doch vermutlich waren da die Pläne zwischen Leuthard und Hansueli Loosli schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Oder aber die Vollblutpolitikerin hatte Bedenken, sich dem risikobehafteten Wahlprozedere der Migros zu stellen. Mit diesem sieht sich nun Ex-SBB-Managerin Jeannine Pilloud konfrontiert, die für das Migros-Präsidium kandidiert. Bei der Migros will man sich nicht äussern.

Klar ist: Hansueli Loosli hatte beste Voraussetzungen, Leuthards Gunst zu gewinnen. Als Verwaltungsratspräsident der Swisscom hatte er regelmässig bei seiner Chefin anzutreten, die dem Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation vorstand. In solchen Gesprächen lernt man sich gut kennen.

Leuthard schien dem dominanten Loosli jedenfalls stets wohlgesonnen. Sie liess zu, dass der kommunikationsstarke Manager den Präsidentensessel bei der Swisscom überhaupt übernehmen konnte und so – zusammen mit seinem Coop-Mandat – eine schwierige Konstellation entstand. Über Leuthards unkritische Haltung wunderte man sich damals, 2011, auch bei der Migros, die zu den grössten Kunden der Swisscom gehört. Der Ärger war so gross, dass der damalige Präsident Claude Hauser einen Brief an Leuthard schrieb, in dem die Migros ihre Bedenken äusserte und auf mögliche Interessenskonflikte von Loosli aufmerksam machte.

Heikle Zusammenarbeit und Millionenverluste

Genützt hat es wenig. Der hemdsärmelige Manager war installiert und bot in der Folge immer mal wieder Angriffsfläche wegen seiner Machtballung – und wegen wiederholter Deals zwischen Swisscom und Coop. Zuletzt Anfang Januar: Coop Mobile gab den Wechsel von Salt zum Netz der Swisscom bekannt. Solche Grosskundenverträge haben in der Regel eine mehrjährige Dauer und eine festgelegte Ausstiegsmöglichkeit. Bei Coop hiess es dazu, Loosli habe auf die Wechselentscheidung keinen Einfluss gehabt.

Einen schalen Beigeschmack hinterliess auch das Internet-Warenhaus Siroop. Unter Loosli wurde eine teure Online-Handelsplattform mit Coop und Swisscom als Hauptaktionären aufgebaut. Das Projekt floppte und hinterliess einen Verlust von 140 Millionen Franken, der hälftig zwischen den beiden ehemaligen Partnern geteilt werden muss. Im vergangenen Geschäftsjahr von Coop verursachte das Debakel noch einmal einen Abschreiber von 35 Millionen Franken. Und es sorgte für ein politisches Nachspiel in Form einer Interpellation von SVP-Ständerat Alex Kuprecht, der Auskunft zu Looslis Doppelrolle in der Sache verlangte.

Auch da nahm die Landesregierung unter Anleitung von Leuthard den Coop- und Swisscom-Boss aus der Schusslinie: «Der Bundesrat erkennt keinen Zusammenhang zwischen dem Misserfolg von Siroop und dem Mandat des Verwaltungsratspräsidenten von Swisscom bei Coop. Der Bundesrat geht davon aus, dass im Falle möglicher Interessenkonflikte im Zusammenhang mit Siroop die übliche Ausstandregelung im Verwaltungsrat von Swisscom zur Anwendung kam.»

Die Ära von Wirtschaftsführer Loosli neigt sich dem Ende zu.

Nun scheint es, als habe sich Hansueli Loosli revanchiert, indem er Leuthard das Verwaltungsratsmandat bei Coop und der Tochter Bell anbot. Dies dürfte aber nur der erste Schritt sein. Eine einfache Mitgliedschaft passt nicht zu einer Frau mit Leuthards Leistungsausweis – zumal ihr bei der Migros das Präsidium angeboten wurde. Auch ist der Coop-Verwaltungsrat keine Ansammlung von wirtschaftlichen Schwergewichten. Das oberste Kontrollgremium und die Geschäftsleitung werden klar vom Präsidenten dominiert. Loosli sitzt bei Coop auch im einzigen Ausschuss, den es im Verwaltungsrat gibt. Bei der Swisscom wird er ebenfalls als aktiver und starker Präsident wahrgenommen.

Doch die Ära des mächtigen Wirtschaftsführers neigt sich dem Ende zu. Looslis Amtszeit bei Coop endet 2021. Dann wird er das 65. Altersjahr erreicht haben und gemäss Statuten ausscheiden. Dasselbe gilt für die aktuelle Vizepräsidentin.

Dann dürfte der Moment von Doris Leuthard gekommen sein. Coop will sich nicht dazu äussern, welche Funktionen die Ex-Bundesrätin im Verwaltungsrat übernehmen wird. Doch Loosli hat mit Sicherheit einen Plan.

Erstellt: 03.03.2019, 07:10 Uhr

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