Der Credit Suisse drohen Topleute wegzulaufen

Konkurrenten verzeichnen steigendes Interesse von CS-Mitarbeitern seit dem Beschattungsskandal.

Verstärkte Absetzbewegung: Hauptsitz der Credit Suisse am Zürcher Paradeplatz Foto: Bloomberg/Getty Images

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Die Affäre um die missglückte Beschattung von Topbanker Iqbal Khan wird kommende Woche für neue Schlagzeilen sorgen. Denn in den nächsten Tagen wolle Verwaltungsratspräsident Urs Rohner entscheiden, ob und welche personellen Konsequenzen er aus dem Skandal ziehen wolle, heisst es aus dem Umfeld der Unternehmensspitze. Bis Ende dieser Woche wollte die Anwaltskanzlei Homburger ihren Untersuchungsbericht fertigstellen, der beantworten soll, wer die Firma Investigo mit der Beschattung Khans beauftragt hat.

Nun schlägt die Stunde von Verwaltungsratspräsident Rohner. Er muss wieder Ruhe in die Bank bringen. Die Stimmung bei den Mitarbeitenden der Credit Suisse sei auf dem Nullpunkt, heisst es aus Bankkreisen. «Es ist hier totenstill, und das Management ist unsichtbar», so eine Quelle.

Die Affäre wirkt wie ein Brandbeschleuniger

Offenbar fangen Credit-Suisse-Mitarbeiter bereits an, sich nach einem neuen Arbeitgeber umzusehen. Schon vor dem Skandal machten Abgänge von der Credit Suisse Schlagzeilen. Die aktuelle Affäre droht nun wie ein Brandbeschleuniger zu wirken.

«Wir verzeichnen in jüngster Zeit einen bemerkenswerten Anstieg der Bewerbungen von Credit-Suisse-Mitarbeitern», sagt ein Topmanager einer ausländischen Privatbank. «Wir werden schon seit geraumer Zeit von Bewerbungen von der Credit Suisse regelrecht überhäuft», heisst es von einer grösseren Privatkundenbank. «Wir werden in absehbarer Zeit ein Team übernehmen», so die Quelle weiter. Solange nichts unter Dach und Fach ist, will sich niemand dazu zitieren lassen. Auch ein Vertreter einer mittelgrossen Privatbank bestätigt steigendes Wechselinteresse von Credit-­Suisse-Mitarbeitenden. «Offenbar suchen die Leute eine Bank, bei der sie sich nicht für das Management entschuldigen müssen», höhnt er.

«Wir können keine erhöhte Zahl von Abgängen feststellen», entgegnet ein Sprecher der CS. Im Gegenteil, die Grossbank sei dabei, ihren «ambitionierten Einstellungsplan» umzusetzen und Topleute von der Konkurrenz anzuheuern, heisst es weiter.

Das Vorgehen ist stark vertrauenzerstörend.Manager einer Genfer Privatbank

Das ist indes kein Widerspruch zu den Informationen von der Konkurrenz. Denn diese berichtet lediglich davon, dass CS-Mitarbeitende sich verstärkt bewerben.

Eigentlich wollte die Credit Suisse durch die Überwachung ihres Ex-Topmanagers Khan angeblich sicherstellen, dass dieser keine Schlüsselmitarbeiter für seinen neuen Arbeitgeber UBS abwirbt. Nun könnte die Grossbank mit der stümperhaften Überwachung genau das Gegenteil erreichen: dass Toptalente entnervt das Weite suchen.

«Das Vorgehen ist stark vertrauenzerstörend», kommentiert ein Manager einer Genfer Privatbank die Vorgänge. Und Vertrauen sei auch in Bezug auf die Mitarbeitenden zentral, daher wäre es kein Wunder, wenn die Credit Suisse nun gute Leute verlöre, so die Einschätzung, die viele am Schweizer Finanzplatz teilen.

Julius Bär hat ein ganzes Team abgeworben

Schon vor der Beschattungsaffäre musste die Credit Suisse prominente Abgänge verdauen. In Portugal zum Beispiel hatte Julius Bär der Grossbank ein ganzes Team von zehn Mitarbeitern abgeworben, die sich vor allem um sogenannte Ultra-high Networth Individuals kümmert. Das sind Menschen, die mehr als 50 Millionen Franken auf dem Konto haben. Der Gründer des Teams, José Maria Cazal-Ribeiro, hatte die Credit Suisse bereits im Februar verlassen. Im Juli lief sein Nachfolger Gonçalo Maleitas Correia mitsamt neun Mitstreitern dann zu Julius Bär über. Laut Bankinsidern soll Khan versucht haben, das Team mit grosszügigen Lohnpaketen zu halten, was aber Bankchef Thiam verhindert habe.

Zu möglichen weiteren Abwerbungen von der Credit Suisse will Julius Bär nichts sagen. «Wir sind weiter an guten Leuten interessiert», sagt ein Sprecher lediglich.

Auch die Deutsche Bank hat sich schon bei der Credit Suisse bedient. Im Juli wurde bekannt, dass ein Team von 13 Privatebankern zum deutschen Branchenprimus wechselt. Dieses Team kümmert sich um wohlhabende Italiener.

Chef des Europageschäfts und Leiter der Schweizer Niederlassung der Deutschen Bank ist Claudio de Sanctis. Den dürften viele Credit-Suisse-Berater gut kennen. Schliesslich leitete er bis Ende 2018 das Europageschäft im Private Banking der Credit Suisse.



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Erstellt: 28.09.2019, 19:22 Uhr

Die Frage der Nötigung

Die missglückte Überwachung von Iqbal Khan könnte auch ein juristisches Nachspiel haben. So hat Khan Strafanzeige gegen seine Verfolger der Firma Investigo eingereicht, die Züricher Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Nötigung bzw. Drohung. Ein bekannter Zürcher Anwalt hält es durchaus für möglich, dass ein Gericht das Verhalten des Investigo-Mitarbeiters als versuchte Nötigung auffasst. «Für eine versuchte Nötigung ist entscheidend, dass es ein Missverhältnis zwischen Mittel und Zweck gab», so der Spezialist für Strafrecht. Der Zweck war demnach, dass der Verfolger Khan daran hindern wollte, ihn mit Handyfotos zu enttarnen. Dazu habe der Mann die Hand vor Khans Handy gehalten. Wenn sich ein Verfolger so vor einem aufbaue, könne dies nötigenden Charakter haben.

Thomas Fingerhuth, der Anwalt von Investigo, bestreitet dagegen, dass der Vorfall strafrechtlich relevant sei. «Es hat keine Auseinandersetzung gegeben, der Mitarbeiter hat einzig versucht, die Hand vor die Kameralinse zu halten, um zu verhindern, dass er fotografiert wird», sagt Fingerhuth. Diese Handbewegung allein sei nicht als versuchte Nötigung zu werten. Der Auftrag habe lediglich umfasst, Khan zu beobachten, und nicht, den Bankmanager in irgendeiner Weise einzuschüchtern. (ali)

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