Der falsche Körper, die richtige Ehefrau

Psychiater stellen heute dreimal so viele Transgender-Diagnosen wie noch vor wenigen Jahren. Was steckt dahinter?

Ihre Liebe überdauerte die Geschlechtsumwandlung: Transfrau Andrea (r.) mit ihrer Ehefrau Nelly. Foto: Ephraim Bieri

Ihre Liebe überdauerte die Geschlechtsumwandlung: Transfrau Andrea (r.) mit ihrer Ehefrau Nelly. Foto: Ephraim Bieri

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Als Andreas am 12. August 1968 zur Welt kam, ahnte niemand, dass er im falschen Körper steckte. Und es sollte noch fast 30 Jahre dauern, bis Andreas die Gewissheit hatte, dass er in einem Frauenkörper leben will. Und schliesslich zu Andrea wurde.

Heute ist Andrea von Aesch die bekannteste Transfrau der Schweiz. Ein SRF-Dokfilm katapultierte sie 2018 ins Rampenlicht. Wildfremde Menschen steuern seither auf sie zu und umarmen sie.

Den Weg von Andrea, die Umwandlung vom Mann zur Frau oder umgekehrt, beschreiten in der Schweiz immer mehr Menschen. Im Jahr 2009 diagnostizierten die Psychiater bei 107 Patientinnen und Patienten eine Genderdysphorie, die früher Transsexualismus hiess. 2017 hat sich diese Zahl auf 282 Patienten fast verdreifacht.

Zugenommen haben auch die geschlechtsangleichenden Operationen. 2009 waren es 15, heute sind es mindestens 50 jedes Jahr. Diese Eingriffe verteilen sich etwa hälftig auf Männer und Frauen. Die Zahlen stammen aus einer neuen Auswertung des Bundes. Grundlage ist die medizinische Statistik der Krankenhäuser – berücksichtigt sind alle stationären Klinikfälle. Wie viele Menschen in der Schweiz mit dem mehr oder weniger starken Gefühl leben, im falschen Körper zu sein, weiss niemand. Gemäss Schätzungen dürften es aber Tausende sein.

«Muss ich jetzt lesbisch werden?», fragt Ehefrau Nelly

Mit dieser Einschätzung sind allerdings nicht alle einverstanden. Der deutsche Kinderpsychiater Alexander Korte spricht von einem «Zeitgeist-Phänomen». Es sei «en vogue», trans zu sein. Das zeige sich auf Kanälen wie Youtube und Instagram. So sorgte kürzlich eine Teilnehmerin der TV-Show «Germany’s Next Top Model» für Furore, als bekannt wurde, dass sie in einem männlichen Körper geboren worden war.

Transmenschen, ein Hype? Die Geschichte von Andrea klingt anders. Zum Gespräch in ihrem Zuhause im solothurnischen Biezwil serviert sie Kambly-Guetsli, Kaffee und Mineralwasser. An der Decke baumeln Modellflugzeuge, die sie in ihrer Freizeit zusammenbaut.

«Ich hatte schon immer andere Interessen», sagt sie. Im Kindergarten spielte sie lieber mit der Puppenstube statt mit Autos. Und sie war fasziniert von den Kleidern ihrer Mutter. Einmal, als sie in deren Kleiderschrank herumstöberte, erwischte sie der Vater, gab ihr einen «Chlapf». Fortan versuchte sie, ihre Neigung zu verstecken.

«I bi der Ändu»

Doch der Wunsch, in einem anderen Körper zu leben, blieb. Der damalige Andreas wurde Car-Chauffeur, hatte zeitweise ein eigenes Unternehmen, lernte seine spätere Ehefrau Nelly kennen. In Altkleidersäcken stöberte er nach Frauenkleidern, die er in einem Giftschrank versteckte. Nachts, wenn Nelly schlief, fuhr er mit dem Auto weg, spazierte in Frauenkleidern am Waldrand entlang.

Irgendwann fand Nelly die Kleider, glaubte, sie habe eine Nebenbuhlerin. Die Wahrheit war ein Schock. «Muss ich jetzt lesbisch werden?», fragte sie sich. Doch die Liebe hielt. Nelly konnte zulassen, dass ihr Partner zur Frau wurde. Sie sah, wie glücklich er dabei war. Noch immer passierte aber alles im Verborgenen.

2015 wagte sich Andreas erstmals als Andrea unter die Leute. Sie besuchte ein Treffen Gleichgesinnter, war hypernervös, hatte stundenlang vor dem Spiegel gestanden, sich immer wieder umgezogen. Als sie sich vorstellte, sagte sie: «I bi der Ändu.» Ihren weiblichen Namen hatte sie vergessen.

Von da an ging es schnell. Andrea konsultierte einen Psychiater, nahm Hormone, spürte, wie ihre Brüste wuchsen, wie die Haut glätter wurde. Plötzlich habe sie auch geweint, als sie «Titanic» schaute. Und sie sei ein «Gfröörli» geworden. Das Umfeld reagierte fast durchweg positiv. Nur die eine oder andere Freundschaft ging zu Bruch.

Mit Medikamenten lässt sich die Pubertät aufhalten

Experten in der Schweiz sind sich einig, dass von einem Hype keine Rede sein kann. Dass die Genderdysphorie-Diagnosen zunehmen, sei zum einen ein Zeichen der Akzeptanz in der Gesellschaft, sagt der Psychiater David Garcia Nuñez, der am Universitätsspital ­Basel den Schwerpunkt für Geschlechtervarianz leitet. Die Folge sei, dass Betroffene vermehrt dazu stehen und Hilfe holen würden.

Zum anderen hat sich laut Garcia Nuñez aber auch die Medizin gewandelt. Früher erhielten Patientinnen und Patienten die Hormone von den Ärzten erst, wenn sie in eine spätere geschlechtsangleichende Operation einwilligten. Das schreckte viele ab. Heute können Transgender-Menschen selber entscheiden, wie weit sie gehen – etwa ob und wie starke Hormone sie einnehmen wollen.

Kommt hinzu, dass Diagnosen heute früher erfolgen, auch das dürfte einen Teil des Anstiegs erklären. Die Geschlechtsidentität entwickelt sich meist zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr. «Heute ist die Diagnose Genderdysphorie in eindeutigen Fällen bereits bei Jugendlichen möglich», sagt Dagmar Pauli. Die Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich leitet eine Sprechstunde für Geschlechtsidentität und Gendervarianz. Anfangs hatte sie eine Handvoll Anmeldungen, heute sind es 100 pro Jahr.

Hohe Stimme wird bei der Logopädin trainiert

Eine Diagnose in der Kindheit hat den Vorteil, dass die Pubertät aufgehalten werden kann. Medikamente, die kurz nach Pubertätsbeginn eingesetzt werden, verhindern, dass Buben den Stimmbruch bekommen oder den Mädchen Brüste wachsen. Das vereinfacht eine spätere Operation.

Im Sommer 2018 liess sich Andrea einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen. Sie wünschte sich, sie hätte dies früher machen können. Ihre hohe Stimme musste sie bei der Logopädin trainieren, der Bart spriesst trotz Hormonen – dagegen helfen nur Laser-Behandlungen.

«Ich bin kein Topmodel», sagt sie. Aber sie ist glücklich. Sie hält Vorträge an Schulen und in Firmen. Und sie vermittelt bei diskriminierenden Entlassungen, wenn sich Unternehmen von Transmenschen trennen wollen.

Und manchmal erlaubt sich Andrea in der Öffentlichkeit einen Jux – wenn sie mit tiefer Männerstimme redet. Dann kommt der «Ändu» für einen kurzen Moment zurück. Und die Irritation beim Publikum ist perfekt.

Erstellt: 23.03.2019, 22:53 Uhr

Universität und ETH Zürich führen geschlechtsneutrale Legis ein

Der Streit um geschlechtsneutrale Sprache macht auch vor den Ausweisen für Studentinnen und Studenten nicht halt. Noch stehen auf den Legis der Universität Zürich und der ETH Angaben wie «Student» oder «Professorin». Damit wird bald Schluss sein: In diesem Jahr wird die Universität Zürich geschlechtsneutrale Bezeichnungen auf den Ausweisen einführen.

Was genau auf den Studierendenausweisen stehen wird, ist noch unklar. «Wir sind daran, eine Lösung auszuarbeiten, die unabhängig von einer bestimmten Geschlechtsidentität stimmt», sagt Helen Datsomor von der Universität Zürich. Auch an der ETH werden die Ausweise angepasst. Man gehe «im Gleichschritt mit der Universität» vor, sagt Sprecher Markus Gross.

Dem Entscheid ging eine Protestaktion des Vereins Queer*z voraus. Dieser hatte im November 2018 Sticker mit dem Aufdruck «Student*in» verteilt, um das aus seiner Sicht diskriminierende «Student» zu überkleben. Auch als die Universität Zürich Bedenken anmeldete, die Sticker könnten die Stationen beschädigen, auf denen die neuen Daten aufgedruckt werden, liess Queer*z nicht locker: Die Gruppe verteilte Etuis mit dem Student*in-Aufdruck. Danach trafen sich die Universität Zürich und der Verein zu Gesprächen. Am Ende lenkte die Universität ein. «Es ist uns ein zentrales Anliegen, dass sich an der Universität Zürich niemand diskriminiert fühlt», sagt Helen Datsomor. Deshalb habe man das Anliegen von Queer*z aufgenommen.

Die Änderung der Legis zeigt, dass die Universitäten bei der gendergerechten Sprache weiter gehen als private Firmen und öffentliche Verwaltungen. Einige Mitarbeiterinnen und Mitar­beiter der Universität Freiburg bezeichnen sich auf der Website geschlechtsneutral als «Sekretär-in» oder «Verantwortliche-r». Die Universität Bern empfiehlt in einem Sprachleitfaden Gender-Gap (Professor_innen) und Gender-Sternchen (Student*innen). Die Universität Luzern rät in einem Dokument, auf die Begrüssung «Sehr geehrte Damen und Herren» zu verzichten. Besser seien Formulierungen wie «Verehrtes Publikum», «Liebe Anwesende» oder «Geschätzte Leser*innen».

Simon Widmer

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