«Der Finanzplatz ist nicht mehr die Top-Priorität der Politik»

Privatbanker Patrick Odier sieht die Branche 10 Jahre nach dem Ende des Bankgeheimnisses in guter Form, kritisiert aber den mangelnden Support durch die Regierung.

Blick zurück ohne Zorn: Patrick Odier glaubt, die Banken haben sich schnell angepasst.

Blick zurück ohne Zorn: Patrick Odier glaubt, die Banken haben sich schnell angepasst. Bild: Nicolas Righetti (Lundi13)

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Die UBS musste vor rund 10 Jahren die ersten Kundendaten an die USA liefern. Wie erlebten Sie diesen Dammbruch?
Damals war die Situation ganz anders als heute. Wir stellten uns vor allem die Frage, wie wir die verschiedenen gesetzlichen Anforderungen erfüllen konnten. Die USA verlangten Namen, die Schweiz schrieb das Bankkundengeheimnis vor, da gab es für die Banken einen Konflikt der verschiedenen Normen.

Wie haben Ihre Kunden reagiert?
Bei den Kunden war das Thema Bankgeheimnis beim Fall UBS noch nicht gross angekommen. Das war 2009 noch zu früh.

Haben Banken und auch die Politik rückblickend betrachtet nicht zu lange am Bankgeheimnis festgehalten?
Das ist eine schwierige Frage. Mir persönlich war klar, dass die Zeit gekommen war, sich Richtung steuerliche Konformität zu bewegen, das habe ich auch 2009 öffentlich gesagt, als ich Präsident der Bankiervereinigung wurde. Dabei wollte ich das Konzept der Vertraulichkeit fortentwickeln. Das hatte es ja bereits 2005 gegeben, als wir die EU-Zinsrichtlinie übernommen haben. Dabei hatten Kunden die Wahl, ihre Zinseinkünfte zu melden oder eine anonyme Abgeltungssteuer zu zahlen.

Nochmals: Haben die Banken nicht zu sehr gebremst bei der Frage des Bankgeheimnisses?
Die Annahme der Zinssteuerrichtlinie 2005 war bereits ein erster Schritt hin zu mehr Konvergenz, also dass wir ausländische Regeln und Schweizer Gesetze in Einklang miteinander bringen. Im Rückblick betrachtet, hätte man damals die Frage einbringen können, welche weiteren Schritte hätten folgen sollen. Aber hinterher ist man immer schlauer. Sobald klar war, dass es einen Paradigmenwechsel Richtung Informationsaustausch gab, hat sich die Finanzindustrie graduell aber insgesamt schnell an die neue Situation angepasst.

Als Alternative zum Informationsaustausch haben Banken das Modell der Abgeltungssteuer entwickelt. Damit hätte das Bankgeheimnis in die Zukunft gerettet werden sollen. Wäre es nicht klüger gewesen, den EU-Staaten nur eine Altlastenlösung für Kunden und Banken vorzuschlagen?
Ich habe mich stark für das Abgeltungsmodell eingesetzt, und mit England und Österreich konnten wir ja solche Abkommen auch abschliessen. Ich halte das Abgeltungssteuerabkommen weiterhin für einen guten Kompromiss zwischen Vertraulichkeit und Steuerehrlichkeit. Wir wollten nicht das Bankkundengeheimnis retten, sondern die abgegebenen Versprechen der Banken an ihre Kunden einhalten. Gleichzeitig wollten wir die Steuerehrlichkeit sichern. Es gibt viele legitime Gründe für die Vertraulichkeit eines Bankkontos, ausser der Absicht, Steuern zu hinterziehen. Und in Deutschland ist das Abkommen nur knapp am Widerstand der Länderkammer gescheitert, Regierung und Bundestag waren dafür. Nachdem das Abkommen gescheitert war, sind wir zur Regierung nach Bern gegangen und haben uns dafür eingesetzt, dass die Schweiz sich schnell den internationalen Standards anpasst. Und das war der automatische Informationsaustausch.

«Natürlich hätten wir von Europa mehr haben wollen, vor allem mit Blick auf den Marktzugang.»

Unter dem Strich hat die Schweiz für die Aufgabe des Bankgeheimnisses aber nichts bekommen?
Natürlich hätten wir von Europa mehr haben wollen, vor allem mit Blick auf den Marktzugang. Die Mitglieder der EU waren sich in dieser Frage aber nicht einig, das hat es für die Schweiz schwer gemacht, eine Lösung zu finden. Daher haben wir die Frage des Marktzugangs bilateral verhandelt, und mit Deutschland haben wir ja immerhin etwas erreicht. Aber insgesamt war es nicht sehr viel.

Pessimisten befürchteten, dass ohne Bankgeheimnis der Finanzplatz schweren Schaden nehmen würde. Half die Finanzkrise, dass es nicht so schlimm kam?
Es gab da zwei unterschiedliche Richtungen. Die Krise führte zum einen dazu, dass Länder in Steuerfragen sehr strikt und zu schwierigen Verhandlungspartnern wurden. Sie brauchten Einnahmen. Auf der anderen Seite hat die Eurokrise ohne Zweifel dazu geführt, dass Anleger aus Sorge um ihr Geld mehr Vermögen in die Schweiz gebracht haben. Nicht um Steuern zu umgehen, sondern weil Schweizer Banken Sicherheit bieten, über viel Know-how verfügen und insgesamt einen hohen Service-Level haben. Es gibt heute nicht mehr viele Finanzplätze, die grenzüberschreitende Vermögensverwaltung unter Einhaltung internationaler Standards bieten können. Die Schweiz kann es.

Wie schätzen Sie die Zukunftsaussichten ein? Der grosse Vermögensaufbau findet ja in Asien statt.
Die Schweizer Banken haben mitgeholfen, Plätze wie Singapur in Sachen Vermögensverwaltung zu entwickeln. Die Schweizer Banken haben sich international entwickelt, davon profitiert auch der heimische Standort. Sicher, es hat eine Konsolidierung in der Schweiz stattgefunden, doch der Prozess lief ohne Schocks und Zusammenbrüche ab. Und die Banken, die heute aktiv sind, sind stärker. Zudem hat der Finanzplatz neue Kompetenzen bekommen, ich denke da an den Bereich Finanzierung des Rohstoffhandels, alternative Anlagen oder nachhaltige Anlagen. Durch Innovation und das Setzen neuer Standards – etwa im Bereich Sustainable Finance – können wir uns als Standort zudem neu positionieren.

Im Kerngeschäft der Vermögensverwaltung verdienen Banken aber weniger.
Das stimmt, das ist aber kein Schweizer Phänomen, sondern ein weltweites. Das liegt an der Transformation der Industrie. Unter dem Strich ist der Finanzplatz Schweiz stärker als vor der Krise.

Könnte der Finanzplatz London nach einem Brexit zu einem gefährlicheren Konkurrenten werden, weil er weniger stark reguliert sein könnte?
Die Londoner City ist komplementär zum Schweizer Finanzplatz. London vereinigt viele Kompetenzen an einem Ort, allein durch seine Grösse wird London ein wichtiger Platz bleiben, Brexit hin oder her. Der Schweizer Finanzplatz ist kleiner als jener von London, die Herausforderung besteht darin, sich schnell den internationalen Standards anzupassen. Ich halte es dabei für sehr wichtig, dass die Schweiz stärker ihre Stimme in internationalen Gremien erhebt, nicht nur bei der OECD. Nur wenn wir aktiv bei der Entwicklung der Standards mitarbeiten, etwa im Bereich nachhaltiger Anlagen, wird auch der Finanzplatz Schweiz sich auf Dauer entwickeln und differenzieren können. Wir wollen die Zukunft mitgestalten! Die Frage ist heute aber, ob noch genug politischer Wille da ist, um den Finanzplatz zu entwickeln.

Zweifeln Sie daran?
Mein Eindruck ist, dass der Finanzplatz nicht mehr die Top-Priorität der Politik ist. Die Banken müssen heute vermehrt selber Lösungen finden, ohne dass der Staat sie bei internationalen Verhandlungen als Partner begleitet. Der Staat hat uns bei der Anpassung der Paradigmen hin zum Informations­austausch sicher unterstützt. Aber heute ist die Politik insgesamt weniger am Finanzplatz interessiert. Darin sehe ich eine Gefahr. Denn die Zukunft des ­Finanzplatzes ist nach wie vor wichtig für den Wohlstand der Schweiz. Wir können das aber nur verteidigen, wenn sich die Politik für den Finanzplatz engagiert. Sonst droht eine weitere Konsolidierung, und schlimmstenfalls werden Kompetenzen abwandern. Die Schweiz sollte daher nicht nur ein Land für den Vertrieb von ­Finanzprodukten sein, sondern muss auch ein Produktionsstandort bleiben, etwa beim Asset ­Management. Dazu braucht es eine engere Kooperation zwischen Banken, Parlament und Regierung.

Ist es nicht ein Treppenwitz der Geschichte, dass die USA das Schweizer Bankgeheimnis zu Fall brachten – aber selbst beim Informationsaustausch nicht mitmachen?
Die USA werden eines Tages auch die internationalen Standards übernehmen. Natürlich haben die USA den Vorteil, dass sie so gross und mächtig sind. Daher braucht es internationalen Druck und Koordination, damit auch die USA beim Informationsaustausch mitmachen.



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Erstellt: 20.04.2019, 19:31 Uhr

Betriebsamer Bankier

Sein Lebenslauf bei Linkedin hat nur eine Zeile: «Associé» von Januar 1986 bis heute. Der geschäftsführende Teilhaber von Lombard Odier hat den Zerfall des Bankgeheimnisses aus der ersten Reihe miterlebt, denn Odier war von 2009 bis Herbst 2016 Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung. In dieser Funktion stand er auch einem Ausschuss des Deutschen Bundestags Rede und Antwort, um für das Abgeltungssteuer-Abkommen zu weibeln. Der studierte Ökonom meldet sich auch ohne Amt weiter zu Wort: So wirbt er dafür, dass die Schweiz das umstrittene Rahmenabkommen mit der EU abschliesst. (ali)

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