Der Fischotter kehrt zurück

Das einst ausgerottete Raubtier taucht wieder an Schweizer Flüssen auf. Artenschutzhunde helfen, ihn aufzuspüren.

Ein Fischotter in seinem Element: An Aare, Emme, Albula sowie Hinterrhein wird nach den hauptsächlich nachtaktiven Tieren gefahndet. Foto: Getty Images

Ein Fischotter in seinem Element: An Aare, Emme, Albula sowie Hinterrhein wird nach den hauptsächlich nachtaktiven Tieren gefahndet. Foto: Getty Images

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Dieses Mal waren sie zu dritt.Mitten in der Nacht wurden sie am Ufer des Inn bei Samedan GR ertappt. Die Kamera machte um 23.26 Uhr ein Bild. Schwarz auf weiss sind auf der unscharfen Aufnahme drei Fischotter zu erkennen. «Eine Sensation», sagt die Wildtierbiologin Irene Weinberger. Sie verfolgt die Rückkehr des Tieres in die Schweiz.

Seit 1989 gilt der Fischotter hierzulande als ausgestorben. Doch nun häufen sich die Nachweise, dass der heimliche Einzelgänger, unter Experten auch Lutra lutra genannt, selbstständig entlang der Flüsse vom Osten aus Österreich sowie auch vom Westen aus Frankreich einwandert. Im Engadin tappte bereits im September 2017 erstmals seit über siebzig Jahren ein Fischotter an genau diesem Ort in die Fotofalle.

Jetzt waren es gleich drei auf einen Streich – vermutlich eine Mutter mit zwei Jungtieren. «Dies könnte das erste Bild einer Familie sein, die sich von allein in der Schweiz angesiedelt hat», sagt Hannes Jenny vom Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden. Um die Verwandtschaftsverhältnisse abzuklären, würden sie derzeit Kotproben der Tiere sammeln und deren DNA dann an der Universität Lausanne analysieren lassen.

Der geschickte Jäger ist bei den Fischern unbeliebt

In der Schweiz starb der kurzbeinige Wassermarder aufgrund konsequenter Verfolgung, Lebensraumverlust und auch Gewässerverschmutzung aus. In den vergangenen Jahren tauchte er dann vereinzelt in den Kantonen Graubünden, Wallis, Tessin, Genf und Bern auf. «Allerdings war es nicht in allen Fällen klar, ob es eingewanderte oder entwichene Tiere waren», sagt Weinberger, Geschäftsführerin der Stiftung Pro Lutra. Denn 2005 haute beim Hochwasser in Bern aus dem Tierpark Dählhölzli ein Männchen ab und ein paar Monate später auch noch ein höchstwahrscheinlich bereits trächtiges Weibchen.

An der Aare zwischen Thun und Bern hat es seither mindestens viermal Nachwuchs gegeben. Alle sind zwar in der Wildnis lebende Fischotter, aber ursprünglich stammt zumindest einer ihrer Vorfahren aus dem Zoo. Die eleganten Schwimmer, von denen es in der Schweiz inzwischen rund ein Dutzend gibt, lassen sich bevorzugt dort nieder, wo das Nahrungsangebot hoch ist. Besonders gern fressen sie natürlich fetthaltigen Fisch. Deshalb ist der heimliche Jäger mit seinen scharfen Eckzähnen etwa bei Fischzüchtern und Fischern nicht sonderlich beliebt.

«Nach seinem Verschwinden in vielen Ländern Mitteleuropas wurde er zum Symboltier für eine bedrohte Natur», erklärt Weinberger. Doch kaum erobere er sich sein Terrain zurück, habe er leider erneut Feinde. Insbesondere wenn Fischteichbesitzer von seinem Vorkommen überrascht werden und keinen Zaun um die Gewässer installiert haben. Um solche potenziellen Konflikte zwischen Mensch und Raubtier zu verhindern, ist es sinnvoll, die neuen Streifgebiete der Tiere zu kennen. Allerdings ist dies gar nicht so einfach, weil der Fischotter vor allem nachtaktiv ist. Am Tag lässt er sich nur selten beobachten.

Aus diesem Grund suchen Wildtierbiologen zusammen mit freiwilligen Helfern, den «Otterspottern», die Fluss- und Bachufer nach seinen charakteristischen schwarzen bis grauen Hinterlassenschaften ab. Solche Kothaufen sind recht häufig, da ein Fischotter mehrmals am Tag seinen Darm entleert. Hinzu kommt, dass die sogenannten Losungen gut wahrnehmbar sind. Denn er nutzt diese auch für die Kommunikation mit anderen Artgenossen und versetzt sie im Gegensatz zum Dachs oder Iltis nicht mit einem noch zusätzlich widerlich stinkenden Duft. Lieblingsplätze für solche Markierungen sind oft Felsblöcke, grössere Steine am Gewässerrand, Sandbänke oder auch Brücken.

Die Hunde sind beim Suchen schneller als die «Otterspotter»

Wie sich nun herausstellte, können speziell ausgebildete Hunde das Auffinden von Fischotterlosungen und damit auch das Monitoring der Tierart enorm erleichtern. So traten im vergangenen Winter im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie der Stiftung Pro Lutra und der Organisation Artenspürhunde Schweiz die zwei Vierbeiner Eske und Django gegen die Expertin Irene Weinberger an. Sie fahndeten an Aare, Emme, Albula sowie Hinterrhein nach den Kothaufen.

In der Tat sind die Hunde mit ihren guten Nasen dem Menschen weit voraus und sind auch viel schneller durch die zum Teil unwegsame Gewässerlandschaft gestreift. «Sie fanden doppelt so viel wie ich und brauchten ein Drittel weniger Zeit», sagt die Verliererin und lacht. Dennoch habe sie im Gegensatz zu den beiden Hunden an einem Ort ein Trittsiegel eines Fischotters ausfindig gemacht.

«Wir entdecken die Welt mit den Augen, während der Hund sich mit der Nase zurechtfindet», sagt die Wildtierbiologin Denise Karp, die Django – mittlerweile ist er 5-jährig – noch als Welpen für ihre Dissertation zum Aufspüren von Junghasen ausbildete. Der Hund Eske war zuvor darauf trainiert, Fledermausquartiere in Bäumen zu identifizieren, die man sonst niemals gefunden hätte. Spürhunde für den Artenschutz einzusetzen, ist hierzulande, anders als etwa in den USA, noch weitgehend unbekannt.

In Zukunft sollen neben den «Otterspottern» auch die Spür­hunde die Gewässer absuchen. Sie versuche alles zu machen, sagt Weinberger, um das Comeback des Fischotters erfolgreich zu begleiten. Dies sei ihr persönlicher Beitrag für eine bessere Welt.

Erstellt: 16.12.2018, 18:57 Uhr

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