Der Flop-Bus

Inlandfernbusse locken kaum Passagiere an. Nun soll ein neues Angebot Erfolg bringen.

Eurobus will in der Nacht die wichtigsten Flughäfen (wie hier Zürich) anfahrenFoto: Keystone

Eurobus will in der Nacht die wichtigsten Flughäfen (wie hier Zürich) anfahrenFoto: Keystone

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Freitagmorgen, 7.15 Uhr, am Busterminal in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs: 12 Personen steigen in den Inlandfernbus Swiss-Express, der nach Bern und weiter nach Montreux VD fährt. Platz hätte der moderne, rollstuhlgängige Doppelstöckerbus für 71 Personen. Bei einer späteren Fahrt um 8.40 Uhr sieht es nicht viel besser aus. 15 Fahrgäste, die Mehrzahl jüngere Rucksacktouristen, steigen in den Bus nach Solothurn, Endziel Genf.

Die beiden Stichproben am beliebten Reisetag Freitag sind keine Ausnahme. Sie zeigen, wie wenig die vor 14 Monaten gestarteten ­Inlandfernbusse genutzt werden. Beobachtungen an anderen Tagen sowie Berichte von Reisenden bestätigen das Bild.

Offiziell gibt es von der Fernbusbetreiberin Eurobus keine Zahlen. «Wir sind noch nicht dort, wo wir mit unserem Angebot sein wollen», räumt aber Roger Müri ein, Leiter Eurobus Swiss-Express. Rentabel sei das Geschäft nicht, bestätigt er. «Als erster Anbieter von Inlandfernbussen bleibt uns nichts anderes übrig, als auszuprobieren, was funktioniert und was nicht», erklärt er. Müri verweist darauf, dass der Fernbusmarkt nicht vollständig liberalisiert sei. Sein Unternehmen optimiere daher das Angebot, soweit es im Rahmen der erteilten Konzession möglich sei.

Zu tiefe Auslastung verursacht Millionenverlust

Laut Branchenkenner ist eine Auslastung von mindestens 50 Prozent mit vollzahlenden Reisenden erforderlich, um die Linien kostendeckend zu betreiben. Davon ist Eurobus weit entfernt. Müri erklärt, die Auslastung sei leicht steigend, vereinzelt gebe es sogar sehr gute Tage: «Am Street-Parade-­Wochenende waren alle unsere Busse ausgebucht.» Experten gehen trotzdem davon aus, dass Eurobus derzeit einen tiefen einstelligen Millionenbetrag jährlich mit den Inlandfernbussen verliert.

Im Juni 2018 startete Eurobus mit den ersten Inlandfernbussen. Nachdem Flixbus aus Deutschland mit europaweiten Billigreisen im Car schnell zur Konkurrenz für Bahn und Flugzeug wurde, wollten hiesige Anbieter auch die Schweiz erschliessen.

Domo Reisen, Spezialist für Carfahrten, erhielt im Frühling 2018 als erstes Unternehmen eine Konzession für drei nationale Fernbuslinien. Bevor der Betrieb startete, übernahm die zur Aargauer Knecht-Gruppe gehörende Eurobus jenen Geschäftsteil von Domo, der Fernbusse betreibt. Dank einer Kooperation mit Flixbus nutzt ­Eurobus, die über kein eigenes Buchungssystem verfügt, die Plattform des deutschen Marktleaders. Wer von München via Zürich nach Genf reisen will, kann alle Tickets über die Smartphone-App von Flixbus buchen.

Der Preis allein reicht nicht als Argument

Trotz der Anbindung an Flixbus hat Eurobus bis heute Mühe, die Cars zu füllen. Bereits nach sechs Monaten Betrieb hat das Transportunternehmen reagiert und das Streckennetz angepasst. Dabei fielen Verbindungen wie Chur–Zürich ganz weg, und Haltestellen wie Olten SO, Stans NW oder Airolo TI wurden gestrichen. Von 36 Anfahrtsorten blieben 18 übrig. Bei Eurobus hiess es, damit würden die Verbindungen «schneller, direkter und einfacher».

Im Vergleich zum Zug sind Fernbusfahrten aber langsamer. So müssen Reisende für die Strecke Zürich–Bern mindestens 105 Minuten einrechnen. Mit dem Schnellzug dauert die Fahrt 56 Minuten. Punkten kann Eurobus dagegen beim Preis – eine Fahrt ohne Halbtax gibt es ab 11.40 Franken, bei den SBB kostet die Strecke ohne Ermässigung 51 Franken.

Doch das reicht offenbar nicht, um die Busse auszulasten. Das Unternehmen hat daher vor kurzem beim Bundesamt für Verkehr eine erneute Anpassung des Streckennetzes beantragt.

Angebot am Abend würde zurückgehen

«Wir möchten mit einem Nachtnetz starten», sagt Müri. Konkret will Eurobus die Flughäfen von Zürich, Basel und Genf anfahren. «Ankunftszeit wäre jeweils kurz vor 5 Uhr», so Müri. Solche Nachtverbindungen gibt es derzeit noch nicht. Roger Müri ist überzeugt, dass das Angebot eine Marktlücke füllen könnte. Die Check-in-Schalter am Flughafen Zürich öffnen jeweils um 4.30 Uhr, die ersten Flüge starten ab 6 Uhr.

Gleichzeitig mit der Einführung der Nachtverbindungen plant Eurobus, die heutigen Verbindungen am Abend zu reduzieren, sodass die Car-Flotte dann für die Nacht zur Verfügung steht.

Das Bundesamt für Verkehr bestätigt den Eingang des Gesuchs zur Konzessionsanpassung. Wann mit einer Entscheidung gerechnet werden kann, dazu machte das Amt keine Angaben.



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Erstellt: 26.08.2019, 15:55 Uhr

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