Der geheime Finma-Bericht belastet Raiffeisen-Chef Gisel

Heikle Kredite über eine halbe Milliarde Franken: Die operative Führung der Bank überschritt zweimal ihre Kompetenzen.

Leonteq-Chef Jan Schoch (links) und der heutige Raiffeisen-Chef Patrik Gisel. Bilder: Foto: Keystone/Michele Limina

Leonteq-Chef Jan Schoch (links) und der heutige Raiffeisen-Chef Patrik Gisel. Bilder: Foto: Keystone/Michele Limina

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Am 18. Juni gab die Finanzmarktaufsicht Finma bekannt, dass es bei Raiffeisen zu schwerwiegenden Mängeln in der Unternehmensführung gekommen war. In der Meldung war auch die Rede von zwei Kompetenzüberschreitungen der Geschäftsleitung bei der Kreditvergabe. In zwei Fällen hätte der Verwaltungsrat beigezogen werden müssen, was aber nicht geschah.

Die genauen Umstände wie auch die Dimension dieser Fälle gab die Finma nicht bekannt. Sie stehen nur im vollständigen Untersuchungsbericht. Diesen wollte die Raiffeisen-Führung ursprünglich geheim halten – was sich aber nicht lange halten liess. Nun können die Präsidenten und Leiter der 255 Raif­feisenbanken den Bericht studieren. Was sie zu lesen kriegen, ist von ausserordentlicher Brisanz, wie die SonntagsZeitung in Erfahrung gebracht hat.

Blankokredit zu unüblichen Bedingungen

Die Finma stellt in ihrem Fazit unverblümt fest, dass «die Verwaltungsorganisation (der Raiffeisen) nicht vereinbar war mit einer einwandfreien Geschäftsführung». Diese Feststellung allein hätte gereicht, um den früheren Verwaltungsratspräsidenten Johannes Rüegg-Stürm aus dem Amt zu fegen. Dem kam er mit dem Rücktritt im März zuvor. Heute relevant ist das Verhalten der Geschäftsleitung. Sie stand bis Ende September 2015 unter der Führung von Pierin Vincenz. Patrik Gisel, der heutige Chef, war sein Stellvertreter. Anfang Oktober 2015 löste er Vincenz ab.

Ein Themenkomplex, der die Geschäftsleitung direkt betrifft, dreht sich um die Geschäftsbeziehungen zum Finanzdienstleister Leonteq. Sie werden im Finma-Bericht als Klumpenrisiko taxiert. Wenn es zu Klumpenrisiken kommt, muss bei Raiffeisen der Verwaltungsrat einbezogen werden. Das jedoch ist in mindestens einem Fall nicht geschehen – nämlich als ein namhafter Blankokredit zu unüblichen Bedingungen gesprochen wurde. In der Folge wurden die aufsichtsrechtlichen Eigenmittel falsch ausgewiesen. Diese von der Finma veröffent­lichte Information ist brisant, da es um einen Vorgang innerhalb einer Bank geht, die in der Schweiz als «too big to fail» eingestuft wird – also im Notfall vom Staat gerettet werden muss.

Blindheit oder Eigennutz des Raiffeisen-Führungsduos?

Die Zusammenarbeit von Leonteq und Raiffeisen begann im grösseren Stil am 12. März 2013. Damals kaufte die Raiffeisen-Tochter Notenstein der Bank EFG 20 Prozent der Aktien von Leonteq zum Preis von gut 70 Millionen Franken ab. Gleichzeitig übernahm Raiffeisen «unbesicherte Kreditfazilitäten» von EFG. Damals wurde auch bekannt, dass Notenstein und Raiffeisen künftig bei der Herstellung von strukturierten Produkten mit Leonteq zusammenarbeiten würden. Ab diesem Zeitpunkt stieg der Aktienkurs von Leonteq wie eine Rakete: Statt 30 zahlte man im Frühjahr 2015 rund 150 Franken pro Aktie.

Selbst eine ungeplante Kapitalerhöhung im Sommer 2014 tat dem Kursanstieg keinen Abbruch. Schliesslich sorgte Raiffeisen dafür, dass sie erfolgreich durch­- kam – und steigerte ihren Anteil auf gegen 30 Prozent. Das Volumen der Kreditlinie an Leonteq stieg laut Finma-Bericht auf rund 400 Millionen Franken.

Doch damit nicht genug. Im Frühling 2015 gewährte Raiffeisen – erneut über ihre Tochtergesellschaft Notenstein – Leonteq-Gründer Jan Schoch ein persönliches Darlehen von rund 45 Millionen Franken. Einzige Sicherheit waren Leonteq-Aktien, die hinterlegt wurden.

Raiffeisen hätte Rückstellungen bilden müssen

Wenn man Kreditlinie, Privatkredit und Einstiegspreis beim Aktienkauf zusammenzählt, war die Raiffeisen-Gruppe bei Leonteq mit mehr als einer halben Milliarde Franken im Risiko. Damit bestand eindeutig ein Klumpenrisiko, wie jeder Sachkundige unschwer erkennen kann. Nicht aber die Raiffeisen-Führung mit Vincenz als Chef und Gisel als dessen Stellvertreter. Zumindest gaben sie das gegenüber der Finma an.

Es kam noch schlimmer: Ab Sommer 2015 sanken die Kurse von Leonteq dramatisch. Heute sind die Aktien noch 50 Franken wert. Der Kredit an Schoch war nicht mehr gedeckt. Raiffeisen hätte Rückstellungen bilden müssen, was offenbar nicht ausreichend geschah. Damit wurde das regulatorische Eigenkapital laut Finma nicht korrekt ausgewiesen. Da Raiffeisen dank Schochs hinterlegten Aktien wohl de facto im Besitz der Mehrheit von Leonteq war, stellt sich die Frage, ob Raiffeisen Leonteq nicht hätte konsolidieren müssen.

Warum die Geschäftsleitung von Raiffeisen ihre Kompetenzen überschritt – ob tatsächlich aus Blindheit oder aus Eigennutz –, bleibt offen. Fakt ist jedenfalls: Im Frühling 2015 wurde bekannt, dass Gisel in Leonteqs Verwaltungsrat gewählt werden sollte; ein Jahr später wurde Vincenz zum Leonteq-Präsidenten gemacht. Jährlicher Lohn: 1 Million Franken. All das liess sich dank Schochs Aktienpaket ohne weiteres durchsetzen.

Auch die Rolle der Finma selber ist fragwürdig. So gab sie Schochs neu gegründeter Bank Flynt noch im Sommer vergangenen Jahres eine Banklizenz, obwohl sie Schochs angespannte Finanzlage kannte. Kurze Zeit später wurde die Bank aufgeteilt und verkauft. Schoch selber musste im vergangenen Sommer seine Leonteq-Aktien verkaufen und den Notenstein-Kredit zurückzahlen.

Fragwürdige Umstände beim Investnet-Deal

Ein zweiter im Finma-Bericht beschriebener Fall ist vom Ausmass her nicht ganz so relevant, auch wenn es immerhin um 1,5 Millionen Franken geht. Hier hat sich die Finma ausführlich mit dem Erwerb der Raiffeisen-Tochter Investnet befasst sowie mit dem Verkauf von 15 Prozent der Investnet-Aktien durch die Bank an Vincenz persönlich. Im Bericht wird festgestellt, dass Vincenz beim Kauf von Investnet durch Raiffeisen 2011 und 2012 persönlich profitierte. Gemäss Finma-Bericht wurde der spätere Verkauf von 15 Prozent an Vincenz an einer Verwaltungsratssitzung im Februar 2015 beschlossen. Zu diesem Zeitpunkt wussten die Verwaltungsräte offenbar bereits, dass Vincenz bald austreten würde.

Der Investnet-Deal wurde allerdings nicht wie üblich traktandiert, sondern unter «Varia» als sogenannte Tischvorlage eingebracht. Obwohl sie sich nicht vorbereiten konnten, stimmten die Verwaltungsräte zu. Auch der Verkaufspreis von 1,5 Millionen Franken wurde nicht infrage gestellt. Die Finma kritisiert, dass der Preis vorher nicht von unabhängiger Seite geprüft wurde. Durchgeführt wurde die Transaktion allerdings erst im Oktober 2015, also nach dem Ausscheiden von Vincenz als Raiffeisen-Chef – und somit in der Ära Gisel. Auch dabei kam es zu einer Kompetenzüberschreitung. Weil Vincenz’ Frau in die Geschäftsleitung befördert worden war, ging es um einen Organ­kredit, der vom Verwaltungsrat hätte bewilligt werden müssen. Doch nicht nur das geschah nicht – es gab nicht einmal einen schriftlichen Kaufvertrag. Auch für diesen Vorgang ist Gisel verantwortlich.

Trotzdem wird im Finma-Bericht die Rolle Gisels und der aktuellen Geschäftsleitung in der Schlussbeurteilung nicht thematisiert – nur jene von Vincenz, dem Verwaltungsrat und der Organisation als solche.

«Schoch und Leonteq wurden durch eine Fehlinterpretation des Reglements nicht als verbundene Gegenparteien betrachtet.»

Raiffeisen sagt zu den Vorgängen, der Privatkredit an Jan Schoch sei inzwischen mit Zinsen vollständig zurückbezahlt. Beim Kredit an Leonteq handle es sich um «Working Capital» zur Herausgabe strukturierter Produkte im Rahmen der Zusammenarbeit mit Raiffeisen. «Schoch und Leonteq wurden durch eine Fehlinterpretation des Reglements nicht als verbundene Gegenparteien betrachtet», sagt eine Sprecherin. «Dies wurde umgehend korrigiert, nachdem dies die Prüfgesellschaft bemängelt hatte.»

Weiter sagt Raiffeisen, Klumpenrisiken seien bei der Finma meldepflichtig, aber solche Kre­dite seien trotzdem jederzeit bewilligbar, solange die Vorschriften eingehalten werden.

Der Kredit an Pierin Vincenz sei vom Credit Board bewilligt und später vom Verwaltungsrat als Organkredit bestätigt worden. «Ein entsprechender Vertrag lag immer vor», sagt die Sprecherin. «CEO und die Geschäftsleitung als solche waren zu keinem Zeitpunkt in dieses Geschäft involviert.»

* Dieser Artikel erschien erstmals am 8. Juli 2018.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.07.2018, 15:09 Uhr

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