Der grosse Porsche-Bschiss

Ein Autohändler verkaufte Autos, die ihm nicht gehörten. Geprellte Kunden machen Millionenschäden geltend.

Der Chiquita-Porsche, als er noch fuhr. Heute fehlen Hunderte wertvoller Originalteile. Foto: www.esprit-racing.com

Der Chiquita-Porsche, als er noch fuhr. Heute fehlen Hunderte wertvoller Originalteile. Foto: www.esprit-racing.com

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 9. Juni 2019.

In einer grossen Industriehalle im aargauischen Klingnau steht ein Skelett. Nicht aus Knochen, sondern aus Kunststoff und Metall. Es sind die Überreste eines Autos, für das Liebhaber gegen eine Million Franken zahlen. Doch nun steht es als leere Hülle da. Sitze, Motor, Räder, Steuerrad, Instrumente, Tank – alles ausgeweidet. Nicht einmal die Türgriffe sind noch dran.

Das Auto ist ein seltener Porsche 911 2.3 ST, Baujahr 1970, mit bewegter Renngeschichte. Die ­Chiquita-Aufkleber auf der Fronthaube zeugen noch heute vom einstigen Sponsor. Doch ans Fahren ist mit dem Oldtimer nicht zu denken. Denn die meisten der ausgebauten Teile sind spurlos verschwunden. Und originale Ersatzteile sind nicht nur extrem teuer, sondern teilweise kaum mehr zu beschaffen.

Der ausgeschlachtete Porsche ist nur eines von vielen Autos aus einem Fall, der derzeit in der Oldtimer-Szene für Aufregung sorgt. Ein Basler Automechaniker und -händler wird beschuldigt, wertvolle Fahrzeuge seiner Kunden oder Teile davon entwendet oder auf eigene Rechnung verkauft zu haben – ohne dass die Kunden davon wussten.

Einer der verschwundenen Porsches. Ein 911er, vom Besitzer Matilda genannt. Bild: zvg

«Umfangreiche und aufwendige Strafuntersuchung» läuft

Als die Sache letzten Herbst aufflog, zeigte sich der Autohändler Stefan Baumgartner* selber an. Zahlreiche Kunden reichten ebenfalls Strafanzeige ein. Die Staatsanwaltschaft Solothurn bestätigt, dass in dieser Angelegenheit derzeit «eine umfangreiche und aufwendige Strafuntersuchung wegen des Verdachts der mehrfachen Veruntreuung sowie der Sachbeschädigung» läuft.

Baumgartner hatte in der Szene lange einen guten Ruf. Er galt als einer der Besten in der Schweiz, wenn es darum ging, alte Porsche originalgetreu instand zu setzen. Das verschaffte ihm bei den Kunden viel Kredit. Sie vertrauten Baumgartner blind und liessen ihre Wagen in dessen Werkstatthalle in einer kleinen Ortschaft im Kanton Solothurn nicht nur reparieren, sondern stellten sie oft auch gleich dort ein.

Der fehlende Motor von Matilda, einem 911er.

Das Tamedia-Recherchedesk hat mit sieben Personen gesprochen, die sagen, sie seien von Baumgartner geprellt worden. Darunter sind erfolgreiche Geschäftsmänner aus der Schweiz und Deutschland, die gleich mehrere Autos vermissen. Aber auch Oldtimer-Liebhaber, die ihre ganze Freizeit in ihr Auto gesteckt haben, das nun fehlt. Einer nannte seinen 911er liebevoll Matilda.

Die sieben machen einen Schaden von über fünf Millionen Franken geltend. Und es gibt noch mehr Geschädigte. Insgesamt haben gemäss Recherche ungefähr 15 Personen Strafanzeige eingereicht. Ein Insider, der den Fall gut kennt, sagt, es sei wohl einer der grössten und kompliziertesten Straffälle mit Autos, die es in der Schweiz je gegeben habe.

Die Erzählungen der Geschädigten ähneln sich. Baumgartner sei ein begnadeter Mechaniker, ein «lieber Cheib», ein «Künstlertyp». Aber auch ein Chaot, der mit dem Papierkram in seinem Betrieb überfordert gewesen sei. Eine Buchhaltung habe es kaum gegeben. Manchmal habe Baumgartner sogar vergessen, Rechnungen für ausgeführte Reparaturarbeiten zu stellen. «Er war oft sehr grosszügig», sagt ein ehemaliger Kunde.

Sein Geld habe Baumgartner mehrheitlich mit dem Handel von Autos verdient. Dass es dabei offenbar nicht immer sauber zuging, das hätten ihm die Geprellten nicht zugetraut. Schon gar nicht, weil Baumgartner über die Jahre für einige auch zu einem persönlichen Freund wurde. Einer ist sogar der Götti von Baumgartners Tochter.

Wenige Monate vor seiner Selbstanzeige musste Baumgartner mit seiner Firma Konkurs anmelden. Es war nicht das erste Mal. Er ging schon mit zwei früheren Autohandelsfirmen in Konkurs. Doch noch während des laufenden Konkursverfahrens gründete Baumgartner an derselben Adresse eine neue Firma mit fast identischem Namen. Auch wenn Baumgartner inzwischen aus dieser Firma ausgeschieden ist – sie existiert weiterhin. Geschädigte rätseln, ob bei diesem Manöver alles korrekt abgelaufen ist, zumal der Konkurs extrem schnell, in nur einem Monat, abgewickelt wurde.

Finderlohn von 5000 Franken ausgeschrieben

Einige der mutmasslich veruntreuten Autos und Wagenteile sind bis heute verschwunden. Davon zeugen Suchinserate in einschlägigen Onlineforen. Ein ehemaliger Kunde von Baumgartner hat dort einen Finderlohn von 5000 Franken für seinen verschwundenen Porsche ausgeschrieben.

Andere Autos stehen in der ­Garage ihrer vermeintlich neuen Besitzer. Zum Beispiel bei einem Berner Treuhänder. Er habe Baumgartner einen restaurierten Porsche 911 schon Ende 2017 abgekauft, erzählt er. In gutem Glauben habe er den vollen Kaufpreis überwiesen, fast eine Million Franken. Den Porsche konnte er zwar ein halbes Jahr später abholen. Die Fahrzeugpapiere habe er aber bis heute nicht erhalten. «Nun ist der Wagen eingestellt, und ich kann ihn nicht fahren», klagt der Treuhänder. Und mit dem Vorbesitzer tobt ein unschöner Rechtsstreit darüber, wer der wahre Eigentümer des Lieb­haber-Porsche ist.

Der Händler hat zugegeben, diesen seltenen AC Cobra verpfändet zu haben.

Einen anderen Wagen, einen wertvollen AC Cobra 289 FIA, von dem 1964 nur fünf Stück gefertigt wurden, hat Baumgartner an einen Genfer verpfändet. Zumindest in diesem Fall ist der gestrauchelte Autohändler geständig, wie ein polizeiliches Befragungsprotokoll zeigt. Kontaktversuche dieser Zeitung mit Baumgartner blieben erfolglos. Eine Stellungnahme sei derzeit «mit Rücksicht auf laufende Abklärungen» nicht möglich, liess er via seinen Anwalt ausrichten. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Der immaterielle Verlust wiegt fast noch schwerer

Ursprünglicher Besitzer der Cobra ist ein Ostschweizer Transportunternehmer. Ihm gehören auch der ausgeweidete Chiquita-Porsche sowie zwei weitere Fahr­zeuge, die ganz oder zu Teilen ­verschwunden sind. «Der materielle Schaden ist das eine», sagt er. «Fast gleich schlimm ist aber der immaterielle Verlust, weil das ja alles Liebhaberfahrzeuge waren. Und die Enttäuschung, dass mein ­Vertrauen so ausgenützt wurde.» Der geprellte Unternehmer hofft, dass er zumindest den Chiqiuta-Porsche dereinst wieder fahren kann.

Die Halle in Klingnau, wo das Skelett des ausgeschlachteten Chiquita steht, ist das Reich von Heinrich Schneebeli. Der Automechaniker ist seit über 30 Jahren auf alte Porsche spezialisiert. Er sucht nun alles zusammen, was fehlt. Mehrere Hundert Einzelteile seien es, erklärt er, «und jedes kenne ich auswendig». Am schwierigsten sei es, an die Original-Motorenteile zu kommen. Da es die fast nicht mehr gebe, müsse er auf Nachbauten zurückgreifen. Trotzdem ist Schneebeli zuversichtlich: «In einem Jahr ist der Chiquita wieder parat.»

*Name geändert

Erstellt: 01.08.2019, 19:52 Uhr

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