Der Hanfrebell macht wieder Dampf

Seine Hungerstreiks machten Bernard Rappaz berühmt. Jetzt verkauft er Gras – und das ganz legal.

«Heiliges Kraut»: Holyweed-Geschäftsführer Bernard Rappaz, 64. Foto: Jean Revillard/Rezo

«Heiliges Kraut»: Holyweed-Geschäftsführer Bernard Rappaz, 64. Foto: Jean Revillard/Rezo

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In den Büros des Genfer Start-ups Holyweed fällt der süsslich-würzige Hanfgeruch sofort auf. An den Wänden hängen Bilder von jungen Models, die vor dem Matterhorn einen Joint rauchen. Im Sitzungszimmer steht eine Schale mit Hanfguetsli, auf dem Tablar stehen Hanfweine und Böxchen mit Namen wie «Party Time» oder «Make Love».

Am Tischende sitzt der Mann, der seit 40 Jahren für die Hanf­legalisierung kämpft, mehrere Jahre ins Gefängnis musste und dagegen mit bis zu 120 Tage langen Hungerstreiks protestierte. Bernard Rappaz, 64, ist zurück im Hanfgeschäft. Probleme mit der Justiz hat der Walliser mit der Vokuhila-Frisur und dem Wikingerschnauz nicht zu erwarten. Rappaz und seine Geschäftspartner verkaufen CBD-Cannabis. Dieses hat nur einen verschwindend kleinen Anteil des Wirkstoffes THC und so gut wie keine Rauschwirkung. Es kann in der Schweiz legal angebaut und verkauft werden.

Nach dem Gefängnis war er finanziell ruiniert

Seit vier Jahren ist Rappaz ein freier Mann. Sein Einsatz für den Hanf brachte ihn mehrmals hinter Gitter. Trotz Verbot hatte er Hunderte Kilo Hanf mit einem hohen THC-Gehalt angebaut und verkauft. Zuletzt wurde er zu fünf Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt.

Als er 2014 aus dem Gefängnis freikam, war er finanziell ruiniert. Er lebt seither von der Sozialhilfe. Da kam der Anruf zweier junger Genfer im vergangenen Jahr gerade recht. Sie waren bereit, für ein Start-up eine Million Franken einzuschiessen. «Ich bringe das Savoir-faire und meinen Namen, sie das Geld. Eine exzellente Kombination.»

Er selber rauche seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis fast nur noch CBD-Hanf. Den Konsum an THC-reichhaltigem Hanf habe er aufgegeben (später sagt er, er habe ihn «reduziert»). «Ich war insgesamt acht Jahre im Gefängnis. Ich möchte kein Risiko mehr eingehen.» Schnell zündet er sich einen CBD-Joint an, den ihm ein Mitarbeiter bringt.

Ein Selfie mit dem ehemaligen Staatsschreck

Der Mann, der mit seinen Hungerstreiks die Justiz bis hin zum Menschengerichtshof in Strassburg beschäftigte, wirkt im Gespräch eher wie ein gutmütiger Hanfonkel als wie ein Rebell, der sich gegen die Staatsobrigkeit auflehnt. Nicht einmal mehr die Polizei betrachtet ihn als Feind. Bei einer Kontrolle in der Waadt flogen Polizisten mit dem Helikopter auf eines von Rappaz’ Hanf­feldern und liefen direkt auf ihn zu. Er dachte, sie würden ihn festnehmen. Dabei wollten die Gesetzeshüter nur Selfies mit ihm machen. «Wahrscheinlich hängt jetzt ein Rappaz-Poster auf der Polizeistation», sagt er und lacht.

Seine mehrmaligen Hungerstreiks brachten den Walliser an den Rand des Todes – und in transzendentale Zustände. In seiner Autobiografie «Der Pionier» schreibt er: «Ich fühle mich wohl, entrückt und völlig stoned, wie unter dem Einfluss von starkem Gras.» Die Streiks seien das einzige Mittel des gewaltlosen Protests gewesen, sagt der Buddhist und Gandhi-Anhänger heute und fügt mit Blick auf seinen stattlichen Bauch hinzu: «Zurzeit würde mir ein Hungerstreik wieder guttun.»

Bernard Rappaz ist mit seinem Leben im Reinen. Über die Polizei, die ihn über Jahre drangsalierte, verliert er kein schlechtes Wort, die hätten nur ihren Job gemacht. Die frühere Walliser Justizdirektorin Esther Waeber-Kalbermatten, von ihm in einem Interview als «Madame Thatcher» tituliert, hat er zufällig an einer Demo getroffen. Es sei eine angenehme Begegnung gewesen. «Ich verspüre weder Hass noch Rachegelüste. Das ist nicht mein Stil.»

Das Gefängnis hat ihn an die Einsamkeit gewöhnt

Rappaz lebt allein in Isérables VS. Aus drei verschiedenen Beziehungen sind drei Kinder geboren, einer seiner zwei Söhne starb bei einem Traktorunfall. Der Hanfpionier ist gerne in der Natur, das Alleinsein macht ihm nichts aus. «Wahrscheinlich habe ich mich im Gefängnis daran gewöhnt», sagt er. Eine neue Beziehung kann er sich aber gut vorstellen.

Nach dem Treffen muss Rappaz direkt zum Flughafen Genf. Er fliegt für einen Monat nach Nepal, wo er zusammen mit dem Waadtländer Journalisten Jean-Marc Richard und Philippe Roch, dem ehemaligen Chef des Bundesamtes für Umwelt, das NGO-Projekt «Népal Evolution» leitet. Auf über 3000 Metern will er auf den Äckern im Himalaja Quinoa und Roggen anbauen und Forellen ansiedeln.

Bevor er sich in den Fernen Osten verabschiedet, entfernt eine Mitarbeiterin von Holyweed die diversen Hanfknospen, die vom Fotoshooting an seinem T-Shirt festkleben. Rappaz will am Flughafen nicht für unnötigen Wirbel sorgen.

Erstellt: 03.02.2018, 19:25 Uhr

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