«Hang ist nicht stabil» – Sperrungen von Wanderwegen häufen sich

Permafrost und Regenfälle sorgen für neue Probleme. Im Kanton Glarus drohen Murgänge und Felsstürze – etwa beim Ferienort Elm.

Die Gemeinde Glarus Süd hat mehrere Wanderwege in und um Elm gesperrt. Bild: Samuel Trümpy.

Die Gemeinde Glarus Süd hat mehrere Wanderwege in und um Elm gesperrt. Bild: Samuel Trümpy.

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In der Nacht, dann wenn sich die Stille übers Sernftal im Glarnerland gelegt hat, hören die Einwohner von Elm es deutlich: Das Grollen. Es stammt vom Hang südöstlich des Feriendorfes. Dort, wo vor 138 Jahren ein Bergsturz niederging. Das Gestein begrub damals 90 Hektaren Land sowie 83 Gebäude, 114 Menschen verloren das Leben.

Seit einer Woche wird dieser Hang nun mit einer Kamera überwacht. Die Wanderwege, die in dieses Gebiet führen, sind seit dem 26. Juli gesperrt. Wie lange ist unklar. «Der Hang ist nicht stabil», sagt Adolf Tschudi, Departementsleiter Wald und Landwirtschaft der Gemeinde Glarus Süd. Bereits im vergangenen Winter habe sich in diesem Gelände ein Felssturz ereignet. Nun liegt Gestein am Fuss des Berges. «Durch die Regenfälle drohen nun Murgänge», sagt Tschudi. «Das Siedlungsgebiet ist nicht gefährdet.» Mit der Kamera seien die Verantwortlichen in der Lage, rechtzeitig zu reagieren, wenn sich grössere Felsstürze ankündigen.

An der Nordseite des Tödi herrscht Lebensgefahr

Gesperrt sind im Glarnerland derzeit aber nicht nur die bedrohten Wanderwege ob Elm. Am Ochsenstock, an der Nordseite des Tödi, hat die Gemeinde eine Sperrzone errichtet. Dort sind grössere Felsmassen in Bewegung. Mehrere zehntausend Kubikmeter Gestein sind bereits in die Tiefe gedonnert. Bis zu zwei Meter grosse Felsbrocken liegen unterhalb der Wand, nahe am gesperrten Wanderweg.

Eine der Ursachen ist der aufgetaute Permafrost an der Nordflanke des Berges. «Es kann täglich zu Steinschlag und Felsstürzen kommen», heisst es in einem Warnhinweis, den die Gemeinde publiziert hat. Und weiter: «Bei Betreten der Sperrzone besteht Lebensgefahr.» Zudem herrscht am Ochsenstock durch die Felsinstabilität akute Absturzgefahr, weshalb die Bergwanderer auch die Umleitungen der verbotenen Wege nicht verlassen dürfen.

Eine weitere Sperrzone hatte die Gemeinde Glarus Süd bereits im Oktober 2017 in der Nähe der Leglerhütte erstellt. Eine geologische Studie habe festgestellt, dass am Kärpf auf rund 2600 Metern Höhe die Verwitterungsprozesse beschleunigt abliefen, begründet die Gemeinde ihren Entscheid. «Seit Sommer 2017 haben diese Prozesse an Intensität zugenommen», heisst es im Warnhinweis. Angrenzend an die Sperrzone haben die Verantwortlichen ein Gefahrenzone bezeichnet, wo die Berggänger jederzeit mit Steinschlägen rechnen müssen. Ein alpiner Wanderweg des Schweizer Alpenclubs führt durch sie hindurch zur Leglerhütte. Seit Freitagabend hat ihn die Gemeinde wegen der drohenden Felsstürze gesperrt. «Die Situation mit dem zusehends instabilen Gestein ist nicht einfach», sagt Departementsleiter Tschudi. «Wichtig ist, dass wir die betroffenen Hänge frühzeitig überwachen.»

Laut Markus Marti von der Organisation Glarner Wanderwege bedeuten die mit den geologischen Entwicklungen verbundenen, zusätzlichen Gefahren mehr Kontrollen und Unterhaltsarbeiten. Ihm fällt auf: «Wir müssen seit mehreren Jahren zunehmend Wegabschnitte sperren.» Er veröffentlicht die entsprechenden Hinweise und Warnungen jeweils auf der Homepage seiner Organisation und beobachtet: «Derzeit ist die Gemeinde Glarus Süd am stärksten betroffen.» Aber auch in der Gemeinde Glarus ist bei Netstal ein Bergwanderweg gesperrt: Direkt oberhalb des Weges entdeckten die Verantwortlichen diesen Frühling grössere und frische Risse in den Felsen sowie viele lose Steinblöcke. Markus Marti ist überzeugt: «Solche Phänomene werden zunehmen. Wir müssen lernen, damit zu leben.»

Verantwortliche des Kantons sind «nicht besorgt»

Dass wegen der instabilen Hänge und der gesperrten Wege weniger Wanderer in die Glarner Berge reisen, glaubt Fridolin Hösli von der Visit Glarnerland AG nicht. «Trotzdem dürfen die Leute die Situation nicht unterschätzen.» Bei der Tourismusorganisation überlegen sich die Zuständigen deshalb, die Gäste für diese Art von Gefahren zu sensibilisieren und künftig auf dem Internet darauf hinzuweisen.

Beim Kanton Glarus für Naturgefahren zuständig ist Dani Rüegg. Er zeigt sich ob der gesperrten Wanderwege «nicht besorgt»: «Die Zahl der Steinschläge und ähnlicher Naturereignisse liegt im Rahmen, den das Wetter, die Gesteine, die Berge bestimmen.» Diese Phänomene hätten immer schon stattgefunden, ist Rüegg überzeugt. Steinschläge würden aber in jüngerer Zeit vermehrt wahrgenommen. Verändert hätten sich aber «die Ansprüche an die Sicherheit der Wege in den Bergen», die Zahl Menschen, die dort unterwegs seien «und deren Erfahrungen mit Naturgefahren», sagt Rüegg.

Erstellt: 18.08.2019, 17:38 Uhr

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