«Der Hass, der mir entgegenschlägt, macht mich fassungslos»

Seit der Flucht aus dem Keller ihres Entführers wird sie beschimpft, beleidigt, bedroht – Natascha Kampusch über Hass im Netz.

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Als zehnjähriges Mädchen wurde Natascha Kampusch auf dem Schulweg entführt, acht Jahre lang hielt sie der Täter gefangen, dann gelang ihr die Flucht. Der Fall löste weltweites Entsetzen aus, aber auch eine Welle von zum Teil massiven Attacken im Netz. Wir treffen die 31-jährige Österreicherin in Hamburg, wo sie auf Promotionstour ist für ihr neues Buch «Cyberneider: Diskriminierung im Internet». Sie sagt: «Ich wurde auch aus der Schweiz mit Mord bedroht.»

Frau Kampusch, 3096 Tage waren Sie in einem kleinen Verlies im Keller Ihres Entführers eingesperrt. Wie viele Tage sind Sie jetzt in Freiheit?
Ich weiss nicht, ich zähle die Tage nicht. Aber es sind mittlerweile viel mehr, als ich in Gefangenschaft verbracht habe.

Gibt es heute für Sie so etwas wie Normalität?
Ja, schon.

Wie sieht die aus?
In letzter Zeit habe ich viel für mein Buch recherchiert. Das mache ich jetzt auch wieder für ein weiteres Buch, das angedacht ist. Und ich treffe mich mit Freunden und meiner Familie.

Wie haben Sie dieses Grauen in einer fünf Quadratmeter winzigen Zelle achteinhalb Jahre ausgehalten?
Da braucht man schon ein bisschen was Stoisches. Man muss einfach pragmatisch sein. Und man braucht den Rückzug in das Innerste, dass man also quasi von der Fantasie zehrt und von dem, was man noch alles erleben will oder als Kind schon erlebt hat, dass man das alles imaginiert und daraus Kraft schöpft.

Nach dem unermesslich langen Zeitraum von 3096 Tagen schafften Sie die Flucht – aber der Albtraum war damit nicht zu Ende. Bis heute schlägt Ihnen eine Welle von Hass und Missgunst entgegen. Können Sie diese Attacken schildern?
Im Internet wurden Hasskommen­tare gepostet wie: «Geh zurück in den Keller und lass dich dort...», «Hast du nicht schon genug Aufsehen erregt?», «Hast du nicht genug Kohle?», «Zieh dich doch damit zurück und gib Ruhe!». Solche ­Dinge.

Wie Sie in Ihrem Buch schreiben, wurden Sie auch als «Schlampe» beschimpft, als «Hure» beleidigt, und es wurde dazu aufgerufen, dass man es Ihnen «ordentlich besorgen» müsse, weil das dieser «Klemmi», also Ihr Entführer, nicht hinbekommen habe.
Genau.

«Vor ein paar Monaten wurde ich zum Beispiel aus der Schweiz mit Mord ­bedroht. Wer dahintersteckt, weiss ich nicht.»

Haben Sie diese Leute angezeigt?
Ich habe schon so viele Anzeigen gemacht, aber nie ist etwas passiert.

Polizei und Behörden lassen die Hassredner gewähren?
Sie bewegen sich immer in einer Grauzone. Wenn mir jemand schrieb: «Geh sterben!», wertet die Polizei das als eine Art Vorschlag, nicht als akute Bedrohung. Oft kann man diese Leute auch nicht so leicht ausfindig machen, selbst wenn man über die IP-Adresse orten kann, woher das ungefähr kommt. Vor ein paar Monaten wurde ich zum Beispiel aus der Schweiz mit Mord bedroht. Wer dahintersteckt, weiss ich nicht.

Was hat Sie am meisten verletzt?
Wenn die Entführung ganz in Abrede gestellt und so dargestellt wurde, wie wenn ich – ein Kind – das selbst organisiert hätte. Oder wenn meine Familie angegriffen wurde. Der Hass, der mir entgegenschlägt, macht mich fassungslos.

Wann hat das angefangen?
Bereits kurz nach meiner Selbstbefreiung, also 2006, 2007.

Haben Sie eine Erklärung für diesen Hass?
Wahrscheinlich ist es oft Unverständnis, wie man mit so einem unfassbaren Verbrechen überhaupt umgehen soll. Ich denke, dass es auch viele Menschen gibt, die zwar nicht jemanden entführen, aber gerne mal jemanden quälen würden. Dann identifizieren sie sich eher mit der Täterseite, weil sie sich selbst so klein fühlen.

Durch Ihre lange Gefangenschaft haben Sie die Entstehung von sozialen Medien wie Facebook nicht miterlebt, plötzlich waren Sie mit dieser virtuellen Welt konfrontiert. Hat Sie das überfordert?
Ja. Aber damals haben auch noch die Printmedien eine grosse Rolle gespielt. Es wurden medial Zweifel an meiner Geschichte gestreut, Verschwörungstheorien kursierten. Das war für mich so unverständlich, ich dachte eher, dass sich die Menschen mit mir freuen würden und glücklich seien – so wie bei einem Sportler, der irgendwas erreicht hat. Aber es kam etwas anderes. Prominente sind oft nicht allein, sie bewegen sich in einer Gruppe, haben eine Familie und können dann gemeinsam dieses Mobbing durchstehen. Aber ich war alleine diesen ganzen Medien und den Leuten ausgeliefert, die Hass-Postings im Internet verbreitet haben.

Sie haben doch auch
eine Familie: Mutter, Vater, eine Schwester. Hat das nicht geholfen?
Sie meinen jetzt eine Herkunfts­familie. Aber ich habe selbst noch keine Familie. Es ist etwas anderes, ob man einen Partner und eine Schwiegerfamilie hat oder ob man eben alleine der Situation entgegensteht.

Sie sind Single. Können Sie sich eine Beziehung mit einem Mann vorstellen?
Na ja, ich habe jetzt mein neues Buch herausgebracht, da habe ich sehr viel zu tun. Und ich spreche eigentlich generell nicht über mein Privatleben.

Kann man mit den Anfeindungen, die Sie seit 13 Jahren erleben, allein umgehen, oder braucht man da Hilfe?
Ich habe wieder eine Therapie begonnen, weil ich dachte, dass ich das mit jemandem besprechen muss. Im Zuge der Recherchen für mein Buch habe ich mich auch mit Influencern ausgetauscht, also mit Leuten, die ebenfalls massiv angegriffen werden.

Die deutsche Politikerin Renate Künast wurde auf Facebook als «Drecks Fotze» und «Stück Scheisse» beschimpft. Ein Berliner Gericht sieht das als «zulässige Meinungsäusserung» und «Auseinandersetzung in der ­Sache». Was sagen Sie dazu?
Das ist keine Auseinandersetzung in der Sache. Ich finde dieses Gerichtsurteil schrecklich, weil es einen Präzedenzfall schafft. Wenn andere Frauen so beschimpft werden, können sie sich nicht mehr in der Sicherheit wiegen, dass ihnen geholfen wird. Es ist einfach nur eine unglaubliche Unverschämtheit und eine Beleidigung aller Frauen. Es fällt im Gegenzug normalen Frauen selten ein, Männer so zu beschimpfen und irgendwelche sexistischen Kommentare zu posten. Es gibt viel mehr Männer, die das lustig finden und die so etwas machen.

«Ich sehe nicht ein, warum ich mich ­zurückziehen soll, nur weil andere es nicht so toll finden, dass ich da bin.»

Über diese Diskriminierungen haben Sie jetzt das Buch «Cyberneider» geschrieben. Darin erwähnen Sie die Schweizer Ex-Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin, die gegen Hassreden kämpft.
Ich finde es wichtig, dass die Opfer von Cybermobbern die Angriffe nicht still ertragen, sondern sie dokumentieren und die Behörden einschalten. Darum habe ich den Fall von Jolanda Spiess-Hegg­lin erwähnt. Wenn man sich als Frau exponiert, heisst es immer von diesen Hassrednern: «Wenn du das nicht erträgst, zieh dich doch zurück, strick was zu Hause, koch was, meld dich halt nicht zu Wort!» Mit meinem Buch möchte ich andere Menschen darauf aufmerksam machen, dass sie nichts verbrochen haben. Sie dürfen Frauen sein, sie dürfen in der Politik sein, sie dürfen Influencer sein oder was auch immer. Und keiner hat das Recht, sie zu beschimpfen, zu bedrohen, ihnen aufzulauern oder sie zu stalken.

Hat das Cybermobbing zugenommen, was denken Sie?
Auf jeden Fall. Ob das jetzt Mobbing oder Stalking, einfache Beleidigungen oder Verleumdungen sind. Es ist alles dabei.

Der Europäische Gerichtshof hat letzte Woche entschieden, dass Facebook gezwungen werden kann, Hass-Postings weltweit zu löschen. Macht Ihnen das Hoffnung?
Ich habe das Urteil positiv aufgenommen und finde es gut. Keiner sollte Hass-Postings lesen müssen. Allerdings glaube ich, dass die Überwachung schwierig wird.

Ihr Fall machte weltweit Schlagzeilen, befeuert durch die sozialen Medien. Der Rummel nach Ihrer Flucht war gigantisch.
Was da in den Medien passiert ist, hat mein Grundvertrauen in die Menschheit erschüttert.

So haben Sie das erlebt?
Ich habe einfach nicht verstanden, wieso Menschen so aggressiv sein und einen nicht in Ruhe lassen können. Wenn eine Frau im Bikini schwimmen gehen würde, sehe ich nicht ein, warum sie sich zurückziehen muss, wenn plötzlich eine Horde Männer irgendwelche sexistischen Bemerkungen machen würde. Genauso ist es nach meiner Selbstbefreiung für mich gewesen. Ich wollte mich entfalten, und ich sehe nicht ein, warum ich mich zurückziehen soll, nur weil andere Leute es nicht so toll finden, dass ich da bin.

Ihr Entführer liess Sie regelmässig hungern. Seither haben Sie kein Gefühl für Hunger und Sättigung mehr, schreiben Sie in einem Ihrer Bücher. Trifft das noch immer zu?
(Natascha Kampusch unterbricht das Interview und verlässt den Raum. Nach rund zehn Minuten kehrt sie zurück.)

Das mit dem Hungern und dem Sattsein möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten.

Sie erlitten in diesem Keller auch immer wieder Momente der Todesangst. Wie bekämpft man Todesangst?
Todesangst kann man im Prinzip nicht wirklich bekämpfen. Man muss es einfach durchstehen.

Es gibt immer wieder Kinder, die spurlos verschwinden. Was müsste man tun, um sie zu finden?
Es gibt mittlerweile zahlreiche Orga­nisationen, die sich um solche Fälle kümmern. Ich habe keinen Vorschlag, was man machen könnte, um diese Kinder zu finden, weil die Täter verschiedene Individuen sind, die Pläne entwerfen, wie sie das machen. Daher ist es schwierig, Rückschlüsse auf deren Mo­tive und Verhaltensweisen zu ­ziehen.

Verfolgen Sie den Fall von Madeleine McCann, die 2007 in Portugal verschwand?
Es ist schon so lange her, dass es schwierig ist, da noch eine Art Gefühl zu haben, was passiert sein könnte.

Sie schreiben Bücher, Ihre Autobiografie wurde verfilmt, Sie geben immer wieder Interviews, treten im Fernsehen auf. Warum tun Sie sich diesen Rummel an?
Ich mache eben meine Projekte. Da gehören Pressetermine natürlich dazu.

Wie bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt, können Sie von den Einnahmen aus dem Verkauf Ihrer Bücher leben?
Es ist nicht so, dass ich arm wäre. Aber es ist auch nicht so, dass ich – wie viele behaupten – reich wäre.

Prägt die Erinnerung an Ihre ­Gefangenschaft weiter Ihr Leben, oder gibt es Momente, in denen Sie sich wirklich frei fühlen?
Ich habe mich weiterentwickelt und alles verarbeitet. Und, ja, ich fühle mich frei.



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Erstellt: 13.10.2019, 17:05 Uhr

Der Fall Kampusch

Am 2. März 1998 wird die zehnjährige Natascha Kampusch in Wien auf dem Schulweg in einen Lieferwagen gezerrt. Der Täter Wolfgang Priklopil, ein arbeitsloser Nachrichtentechniker, hält sie über acht Jahre in einem winzigen Verlies in seinem Keller gefangen. Immer wieder kommt es zu Gewalt und Nahrungsentzug. Am 23. August 2006 gelingt der inzwischen 18-Jährigen die Flucht – ihr Entführer wirft sich kurz danach vor einen Zug. Kampusch lebt heute in Wien.

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