Der Heidi–Trick

Markus Somm über die Japaner und ihre Schweiz.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

1974 hat der japanische Regisseur Isao Takahata einen Zeichentrickfilm über Heidi geschaffen, der in Japan eine nachhaltige Heidi-Schweiz-Alpen-Sehnsucht ausgelöst hat. Noch heute, davon sind Touristiker überzeugt, kommen ­Japaner zu uns, weil sie irgendwann in ihrer Jugend «Heidi, das Alpenmädchen» kennen gelernt haben – so hiess der Film. Tatsächlich ist das japanische Heidi ein überaus herziges Mädchen, selten hat man eine bessere Darstellung gesehen, und weil Japan ein Land ist, das man in Europa kaum kennt, oder vor allem nicht versteht, wirkt es umso rätselhafter, dass diese schweizerische Geschichte, wo das Abendrot durch die Kulissen leuchtet, ausgerechnet im Land der aufgehenden Sonne zu einem Hit aufstieg. Warum? Was haben die Japaner mit den alpinen Knulleris zu tun, die die Schriftstellerin Johanna Spyri mit der Figur des unkommunikativen, schlecht gelaunten Alpöhis in ihrem Kinderbuch verewigt hat?

Was sagt den Japanern der Geissenpeter, was Fräulein Rottenmeier, der Inbegriff der deutschen Effizienz, die manche Schweizer zwar bewundern, aber nie wirklich lieben? Das Nationalmuseum in Zürich hat zu diesem Thema eine Ausstellung kreiert, die noch bis im Oktober zu sehen ist. Ich selbst habe sie noch nicht besucht, weshalb mir unbekannt ist, welche Antworten die Kuratoren gefunden haben. Doch die Idee allein ist hier zu loben: Sie ist originell und relevant zugleich. Relevant, weil sich an Heidi so vieles erklären lässt, was die Schweiz so sonderbar macht – selbst in japanischen Augen.

Denn die Japaner der 1970er-Jahre dürfte das Dilemma, das Heidi verkörpert, genauso bewegt haben wie seinerzeit die vielen Europäer, die im späten 19. Jahrhundert dem ­Heidi-Kult erlegen waren: Was ist besser? Das ursprüngliche, einfache Leben als Subsistenz-Senn in den Bergen – oder das moderne, raffinierte Dasein in der kapitalistischen Stadt? Wann immer sich eine Gesellschaft modernisierte, so wie etwa Japan in hohem Tempo nach dem Zweiten Weltkrieg, stieg das Heimweh nach der Vergangenheit, die man zwar überwunden hatte und doch vermisste.

«Am Ende lässt Spyri keinen Zweifel daran, dass die Moderne sich durchsetzen soll.»

Spyri, 1827 auf dem Hirzel geboren und dort aufgewachsen, dann meist in Zürich wohnhaft, hat diesen Gegensatz wohl selbst erlebt. In Zürich, so sagen uns die Literaturwissenschaftler, habe sie sich nie heimisch gefühlt, weswegen sie sich mit Heidi identifizierte, die in Frankfurt unter der ­Moderne litt. Ebenso griff Spyri ein uraltes Schweizer Thema auf: das Heimweh, ein Wort übrigens, das die Schweizer ­erfunden haben.

Zurück geht es auf die starken Gefühle für den temporären Heimatverlust, den die eidgenössischen Söldner einst empfanden – in den ruhigen Stunden auf den Schlachtfeldern von Italien, nachdem sie Hunderte von ­Feinden abgeschlachtet hatten. Mit anderen Worten, Heidi verschmolz zwei grandiose Themen der Weltliteratur: die Entfremdung vom wahren, guten Leben und das Heimweh. So gesehen liegt es auf der Hand, warum Heidi die Welt ­eroberte: 1880 veröffentlicht, wurde der erste Band zum internationalen Bestseller, der zweite, der kurz darauf folgte, ebenso. Bis heute erschien die Geschichte in mehr als ­fünfzig Sprachen.

Und doch muss mehr dahinterstecken. Denn am Ende lässt Spyri keinen Zweifel daran, dass die Moderne sich durchsetzen soll. Heidi wird ausgebildet, und die Sesemanns kommen zwar zu Besuch, doch nie im Leben würden sie Frankfurt und seine Annehmlichkeiten aufgeben. Die Moral von der Geschichte: Eine Dosis von Nostalgie ist in Ordnung, ab und zu darf man auf die Alp steigen und dem ursozialistischen, auch ökologisch einwandfreien Leben frönen, so wie ein Tourist, der sich vom Kapitalismus ausruht, um nachher mit umso grösserer Freude an den Arbeitsplatz zurückzukehren.

Damit hat Spyri wohl den Nerv der Zeit getroffen: Die Schweiz, die damals zur ersten Adresse des internationalen Tourismus wurde, erhielt mit Heidi eine Meistererzählung, die vieles umfasste, was dieses Alpenland bedeutete. Urlaub von der Moderne, Urigkeit auf Zeit, das primitive Leben im Hotel mit fliessend Wasser. Dass der Tourismus, diese ­Industrie der Weltflucht, gleichzeitig eine der technisch innovativsten Branchen war, fiel den Zeitgenossen kaum auf. Und dass die gleiche Schweiz sich längst industrialisiert hatte und schon um 1900 eines der wohlhabendsten Länder der Welt war, nahmen sie ebenso wenig wahr. Das Land der Alpöhis, nicht der Maschinen: Niemand wurde so reich und modern wie die Schweiz, die so tat, als wäre sie arm und aus der Zeit gefallen.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 20.07.2019, 23:45 Uhr

Artikel zum Thema

Der neuste Weg zum Glück heisst «Ikigai»

Die japanische Philosophie für ein stressfreies Leben ist im Westen angekommen. Was steckt dahinter? Mehr...

Ein höflicher japanischer Fusstritt

In «Aufräumen mit Marie Kondo» stellen sich Familien ihrem Chaos. Die Netflix-Serie spornt an, gleich selbst loslegen zu wollen. Besonders ein Tipp wirkt. Mehr...

Lieber einen toten Sohn als einen Mörder in der Familie

Das Phänomen Hikikomori, ein Leben in selbst gewählter Isolation, ist in Japan verbreitet. Jetzt griff ein früherer Politiker zum Äussersten – um Schlimmeres zu verhindern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Schwingt das Tanzbein: U2-Sänger Bono Vox während eines Konzerts im australischen Brisbane. (12. November 2019)
(Bild: Chris Hyde/Getty Images) Mehr...