Der Hooligan, der am Modehimmel verglühte

Mit 27 wurde Alexander McQueen Chefdesigner von Givenchy. Darauf folgte ein tödlicher Absturz. Ein Dok-Film widmet sich nun der Karriere des Fashion-Berserkers aus London.

Er kämpfte. Vor allem gegen sich selbst: Alexander McQueen in den späten Neunzigerjahren. Bild: PD

Er kämpfte. Vor allem gegen sich selbst: Alexander McQueen in den späten Neunzigerjahren. Bild: PD

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Am Schluss war er schlank. Seine Zähne standen in Reih und Glied. Und er trug Anzüge von Comme des Garçons. Nichts erinnerte mehr an seine Herkunft aus dem Londoner East End, nichts daran, dass er der Sohn eines Taxifahrers war und eines von sechs Kindern, das zudem mit 16 die Schule abgebrochen hatte. Am Schluss seines Lebens gehörte er dazu, zur glitzernden Welt der Mode, jedenfalls äusserlich.

Aber mit der neuen Hülle ging eine neue Härte einher. Mit Übergewicht und Überbiss hatte Alexander McQueen weicher ausgesehen, verletzlicher und schüchterner auch, gleichzeitig hatte er über eine gesunde Portion Schalk verfügt. Die Metamorphose führte dazu, dass er nun zwar hineinpasste in die Welt der Schönen und Reichen, aber sich selbst abhandenkam. Er hatte seine leichte, lausbubenhafte Seite weggekokst, weggehungert, wegtrainiert. Bevor er sich das Leben nahm, im Februar 2011, als gefeierter Chef-Designer von Givenchy und Chef seines eigenen, gleichnamigen Labels, war Alexander McQueen paranoid und aggressiv. Und sehr, sehr unglücklich.

Der Dok-Film «McQueen», der nächsten Donnerstag in den Kinos anläuft, versucht, diesem Berserker der Mode näherzukommen. Zu verstehen, weshalb er sich 40-jährig das Leben nahm, nur einen Tag vor der Beerdigung seiner Mutter. Versucht aufzuzeigen, weshalb es ihm nicht guttat, als 27-jähriger Engländer aus der Arbeiterklasse Kreativ-Chef des vornehmen französischen Traditionshaus Givenchy zu werden. Ihm, der in den Neunzigerjahren mehrmals hintereinander als «British Designer of the Year» ausgezeichnet worden war, der die Bumbsters erfunden hatte, jene Jeans, die so tief auf den Hüften sass, dass die Gesässspalte sichtbar wurde. Ihm, der mit David Bowie und Björk gearbeitet hatte; der Union-Jack-Umhang, den Bowie auf seinem Album «Earth­ling» um die Schultern trägt, war genauso ein Entwurf von ihm wie der Kimono, in dem Björk auf dem Cover von «Homogenic» posiert.

Seine Shows sollten die Leute verstören oder berühren

Sie habe ihm damals gesagt, sie wolle wie eine Kriegerin aussehen. Das verstand McQueen nur zu gut, er kämpfte ja auch, vor allem gegen sich selbst; er hatte in seiner Kindheit Gewalt erlebt und war missbraucht worden, er haderte seit jeher mit seinem Äusseren. «Die anderen», sagt er im Film einmal, «können am Abend einfach nach Hause gehen. Ich nicht. Ich muss mit Alexander McQueen nach Hause gehen.» Er mochte es abgründig und düster; wenn er seine Kollektionen präsentierte, waren das keine herkömmlichen Modeschauen, sondern noch nie da gewesene Inszenierungen, Performances gar; die Kleider dazu nahezu immer untragbar, aber von atemberaubender, schmerzhafter Schönheit.

Manchmal wankten seine Models als Vergewaltigungsopfer über den Laufsteg, oder sie defilierten durch eine stilisierte Gummizelle – seine Provokationen funktionierten verlässlich, und er liebte das. Seine Shows, sagte er einmal, sollten die Leute verstören oder berühren, aber auf keinen Fall «so wohlig zurücklassen wie ein Sonntags-Lunch».

Eine eindeutige Antwort darauf, weshalb er sich das Leben nahm, können Ian Bonhôte und Peter Ettedgui nicht liefern. Klar wird nur, dass McQueen depressiv und seine Kokainsucht dabei ganz bestimmt nicht hilfreich war. Dass er eine Persönlichkeitsveränderung durchlief, dass er mitunter loyale, ihm ergebene Freunde verstiess und dass an seinem Zerbrechen sein Erfolg schuld war.

Trailer zum Dok-Film «McQueen». Video: Youtube/Bleecker Street

Es erweist sich als grandioser Glücksfall, dass sich die beiden Filmemacher zwangsläufig mit altem Videomaterial aus Privatbeständen behelfen müssen. Die Bilder sind, weil ja eben einst ohne Anspruch auf Professionalität gedreht, so intim, ungekünstelt und erfrischend, dass sie eine ungeheure Wucht entfalten. Wie etwa dann, wenn Lee – seine Freunde nannten ihn alle Lee – mit seinem Team in Paris ankommt, nachdem er den Job bei Givenchy ergattert hat, und sie alle in der ­Limousine johlen und Blödsinn machen und ihr Glück nicht fassen können. Sie alle, die kein Wort Französisch sprechen, kaum je ihren Stadtteil in London verlassen haben und nun eine der luxuriösesten Mode-Adressen von Paris übernehmen werden. Die Szene ist so lustig wie ergreifend.

Dazwischen erzählen Freunde und Verwandte, und es ist eine Wohltat und spricht unbedingt für Bonhôte und Ettedgui, dass sie eben gerade keine Prominenten zu Wort kommen lassen, keine «Vogue»-Chefredaktorinnen, die von seinem «kreativen Genie» schwärmen, keine Stylisten, keine Supermodels, überhaupt niemanden aus dieser Branche. Nur seine Schwester und sein Neffe und jene, die eng mit ihm zusammengearbeitet haben, ihn bei seinem Aufstieg in den Olymp der Mode begleiteten – und hautnah mitbekamen, wie er dabei abstürzte. Dass der Film etwas gar viel Modewissen nötig macht und kleine, aber entscheidende Feinheiten nicht erklärt, sondern als bekannt voraussetzt, vermag nichts daran zu ändern, dass er einen – ganz im Sinne von Alexander McQueen – zu Tränen rührt.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 19. August 2018 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 21.08.2018, 10:56 Uhr

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