Der Joker verlässt seine Hit-Küche

Im Studio des Sängers und Produzenten Dodo entstanden viele Erfolge der Schweizer Musikszene. Jetzt muss er raus.

Dodo: «Man muss auch mal etwas vorgaukeln, damit es dann auch eintrifft.» Foto: Holger Salach

Dodo: «Man muss auch mal etwas vorgaukeln, damit es dann auch eintrifft.» Foto: Holger Salach

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Dodo ist nervös. Denn eigentlich müsse er Häuser anschauen, Angebote von Fans und Freunden checken, die via Facebook eintrudelten, weil die Zeit, bis er hier raus müsse, laufe. Äusserlich lässt er sich nicht anmerken, dass bei ihm, dem Erfolgsverwöhnten, ein existenzieller Umbruch ansteht. Und dass er hier in der letzten Nacht bis um vier Uhr mit dem Jungrapper Nemo an einem neuen Album gearbeitet hat.

Hier: Das ist sein Studio, das in einem alten Gewerbegebäude inmitten der neuen Hochhauslandschaft in Zürich-West liegt. An diesem Ort verwandelte sich Dominik Jud, genannt Dodo, in den letzten sieben Jahren von einem Geheimtipp der Zürcher Szene («Leu vo Züri») in einen der beständigsten Hitlieferanten der Schweiz. Manche halten ihn für so etwas wie den Pharell Williams der CH-Musikszene.

Erst war er Produzent der Berner Rapperin Steff la Cheffe, später derjenige vom Duo Lo & Leduc mit ihrem bunten und populären Mundartrap-Mix, und noch später brillierte er als Sänger von hartnäckigen Ohrwürmern, etwa des vor zwei Jahren omnipräsenten «Hippie-Bus». Diese Ära neigt sich nun dem Ende zu. In Bälde muss das Studio, das Dodo in Anspielung an die Asterix-Comics mit einem «gallischen Dorf» vergleicht, weiteren Neubauten weichen. Genau um diesen Abschied und diese Ära dreht sich sein fünftes Soloalbum «Pfingstweid».

Es ist wie in einer lässig abgewohnten WG

Die Sonne brennt, und wir sitzen in der Küche, die gleich im Eingangsbereich liegt. Vom Aufnahmeraum hallt fett produzierter Reggae rüber.

An der Wand hängen Goldene Schallplatten, eine Platinauszeichnung auch, auf dem Tisch steht ein Swiss-Music-Award-Pflasterstein, nächtliche Nonsenskritzeleien sind zu lesen: «In dog we trust!» etwa, oder «s’ Läbe isch z’kurz zum sich schlächt aazieh». Auch alternative Bandnamen für Lo & Leduc wie Loft & Lehmghütt oder LOL & Lustig sind an der Wand verewigt. Der Raum wirkt trotz der Präsenz der Awards lässig abgewohnt wie eine WG, in der die Milch im Kühlschrank nicht mehr die frischeste ist.

Der sterile Hochglanzsound des Erfolgs scheint hier jedenfalls nicht zu Hause zu sein. Dafür jemand anderer. «In der Küche spürt man den Geist dieses Ortes mega gut», behauptet Dodo und nimmt noch einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse mit dem «Hippie-Bus»-Motiv. Wie er diesen geisterhaften Mitbewohner denn beschreiben würde? «Als Freiheitsgeist. Du darfst hier rauchen, etwas trinken, dich frei bewegen, man muss nicht aufpassen, dass etwas kaputtgeht. Und wenn du diesen Geist machen lässt, dann schenkt er dir gute Ideen.»

«Chasch es machä, de machs. Es isch guet!»

Die Anwesenheit des kreativ grosszügigen Gespensts spüren tatsächlich die vielen Musiker, die auf diesem Stock gemeinsam aufnehmen und proben, Karten spielen, essen und übernachten. Das sei durchaus Arbeit, aber nicht nur, erklärt Dodo: «Wir arbeiten konzentriert, aber wir haben auch Spass zusammen.» Und er ermuntert die hier arbeitenden Musiker jeweils: «Chasch es machä, de machs. Es isch guet!»

Das war bei Dodo früher nicht so. Der heute 40-Jährige wurde 1999 als nervenstrapazierender Teilnehmer der «Expedition Robinson» zum ersten Reality-TV-Star des Landes und verspielte sich mit dem dazugehörenden «Robinsong» über Jahre hinweg einige Street-Credibility.

«Zu Beginn meiner Karriere war ich zu verbissen», merkt er an. «Ich suchte zu wenig in meinem Innern, ich wollte Bestätigung von aussen.» Er entschied sich, «zu relaxen, ruhig zu bleiben, und einfach schön weiterzumachen». Einfach das machen, was er liebe – Rap und vor allem Reggae – und nur das: «Ich habe mir so meinen Award zuerst selber gegeben.»

Und dann klappte es auch mit den echten Auszeichnungen. Vielleicht als Lohn für seine Hartnäckigkeit. Oder für seine Liebe zu zeitraubenden Produktionsdetails, die in den Songs aus seiner Hand immer wieder zu hören sind – etwa die separat eingespielten Jamsessions.

Maximale Wirtschaftlichkeit sieht jedenfalls anders aus: «Wir verdienen nun Geld, aber eigentlich kann man all die Stunden, die wir aufwenden, gar nicht bezahlen», sagt Dodo. «Wenn ein Lied halt zwei Monate gebraucht hat, jä nu, dann ist es halt so.» Er bezeichnet sich als Joker, als Paradiesvogel der Schweizer Musiklandschaft. Er sei der mit der Narrenfreiheit. Sie sei ihm aber nicht etwa im Schlaf zugefallen. Er habe sie sich hart erarbeitet.

«Ich will Menschen aufbauen – und wenn du Gutes bewirkst und jemandem guttun kannst, ist das auch eine Art Rebellion.»

Success Club heisst das Studio im Gebäude, das nun abgerissen wird. Der Name ist nicht ironisch gemeint, wie Ironie oder Zweifel in der Welt von Dodo gänzlich abwesend scheinen. «Der Name hat Karma. Denn man muss auch mal etwas behaupten, etwas vorgaukeln, damit es dann auch eintrifft.»

So spricht einer, der beseelt ist von einem unerschütterlichen Optimismus, der manchmal an banale Poesiebuchsprüche erinnert – und leicht auch mit Arroganz verwechselt werden kann. Woher dieses starke Ego rührt? «Ich wurde ein paar Mal mit dem Tod konfrontiert, sagte der anderen Seite bereits mehrmals hoi», erzählt Dodo. Da war der frühe Tod seines Vaters, als er sechs Jahre alt war. Da war die Malariaerkrankung, als er zwanzig war – «ich reiste durch Afrika, lag im Fieber, und ich dachte, das ist nun der Moment, in dem ich mich verabschiede.» Er lernte, für den Moment zu leben und sich nicht allzu grosse Sorgen zu machen. Dieser Optimismus und der Glaube an Bob Marleys Slogan «Everything’s Gonna Be Alright» mache nun einen grossen Teil seines Wesens aus: «Das bin einfach ich, und du kannst mir sagen, was du willst – ich habe eine dicke Haut», sagt Dodo.

Kritik an Texten wie «Hippie-Bus» oder seinem aktuellen Hit «Zürimaa», in dem sich ein Zürcher in das Leben in Bern und klischeehaft in die schönen «Bärner Meitschi» verliebt, prallt an ihm ab. Denn: «Das kommt 1:1 aus mir raus, und darauf bin ich stolz.» Und: «Wenn ich auftrete und sehe, dass die Leute mitsingen, dann ist dies das schönste Erlebnis überhaupt. Das macht mich glücklich.»

Die Botschaft seiner lockeren und gewieft produzierten Mundart-Reggaesongs, die für die Hitradios wie Zucker wirken, sei nun mal eine positive: «Ich will Menschen aufbauen – und wenn du Gutes bewirkst und jemandem guttun kannst, ist das auch eine Art Rebellion.» Dies könne «doppelt so wertvoll sein wie ein Song, in dem du mit dem Finger auf etwas zeigst». Klar, Kritik am Zustand der Welt müsse auch geübt werden, «aber für mich ist es reizvoller, etwas Aufbauendes zu sagen – das dann auch gut klingt». Und jetzt habe er ja dieses neue Album «Pfingstweid», in dem es ein paar traurige Momente hat.

Wo «Pfingstweid» genau entstanden ist? «Komm, wir gehen zur Wand.» Raus aus der Küche also, durch den Gang und rein in den Regieraum. Dort ist die Wand, an der jeweils Bilder hingen, die die Musiker inspirierten. Sie bildete eine Art Storyline und Schlachtplan für die anstehende Produktion.

Für «Pfingstweid» hat Dodo auf die Wand geschrieben und Fotos seiner Freunde an die Wand gepinnt. Fast in jedem Song singt ein Gast oder eine Weggefährtin mit, die ihn in all den Jahren begleitet haben. Und nun sprudeln Anekdoten nur so aus Dodo: Wie er mit Marc Sway nächtelang gelacht hat, wie er mit seinem Studiomitmieter Dabu Fantastic eine Hochzeit im Hof aufmischte und wie Steff la Cheffe nach jahrelanger Pause wieder aufgetaucht ist und nun im Song «Siebtes Jahr» zu hören ist. Überhaupt: Wie sich alle beteiligten und einbrachten – auch seine Produktionsmitstreiter Dr. Mo und Marco Jeger, mit denen er mittlerweile ein festes Team bildet –, sei eine Freude.

Der Geist der Pfingstweid braucht ein neues Daheim

Besonders stolz ist Dodo, dass gleich drei Frauen auf «Pfingstweid» mitsingen: «Wie viele Frauen gibt es denn im Bereich der Urbanmusic, die wir hier produzieren? Fast niemanden hierzulande.» Und natürlich fehlen Lo & Leduc und Dodos jüngster Schützling, der 18-jährige Nemo, auf dieser bilanzierenden Sucess-Club-Studioplatte nicht.

Wehmut und Trübsal über das nahende Ende klingen freilich nur selten an – vielmehr zeigt sich der Protagonist kritisch gegenüber einer geldgetriebenen Stadtentwicklung, die das Alte einfach niederreisst. Dem Ort gegenüber ist er dankbar: «I allne lieder won ich schriib, spieglet sich es stuck vo dir», singt Dodo einmal auf dem Album und meint damit sein Studio. Im Gespräch sagt er: «Hier wurde ich zu mir, und der Ort ist hoffentlich auch ein wenig wie ich geworden.»

Nun steht also die Suche nach einer neuen Zentrale für das Studio an. Gemeinsam mit Dabu Fantastic, der seit dem Hit «Angelina» auf einer Erfolgswelle surft, suchen sie eine Immobilie, die man zu einem Künstlerhaus umfunktionieren kann.

Doch was geschieht mit dem Geist von der Pfingstweidstrasse? «Der Geist kommt mit. Wenn das hier abgerissen wird, dann braucht der ja auch ein neues Daheim.»


Dodo, «Pfingstweid» (Sony), erscheint am 25. 8. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.08.2017, 22:27 Uhr

Drei Hits aus dem Success-Club-Studio

Steff la Cheffe: «Ha ke Ahnig»
Für «Vögu zum Geburtstag», dem zweiten Album der Bernerin, reiste Dodo mit der Rapperin nach Südafrika. Was sie heimbrachten, war 2013 diese unbekümmerte Single, in der südafrikanische Chöre und Gitarren auf den Sprechgesang der Chefin treffen.

Lo & Leduc: «Jung verdammt»
Über dreieinhalb Millionen Mal wurde dieser Song der zwei Berner bis heute auf Youtube geklickt. Und wer die Zeile «Und i ha gmeint, dr Tüüfu chäm im Füür und nid im rote Chleid» einmal gehört hat, bringt sie, ob man nun will oder nicht, nicht mehr so leicht aus dem Kopf.

Dodo: «Hippie-Bus»
2015 stellte sich Dodo wieder mal selber hinters Mikrofon, nahm das Album «Anti Brumm» mit dieser Reggaesingle auf. «Hippie-Bus» ist ein Sommerhit, der wie viele Songs dieser Gattung Nervensäge- und Mitsingpotenzial besitzt. «Pump das Volume!»

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