Was der Kuhversteher Managern beibringt

Christian Manser analysiert die Sprache der Rinder – und gibt seine Erkenntnisse an Führungskräfte weiter.

Kennt sich mit den Körpersignalen der Rinder aus: Christian Manser auf dem Hof des Land­wirtschaftlichen Zentrums St. Gallen in Flawil. Foto: Daniel Ammann

Kennt sich mit den Körpersignalen der Rinder aus: Christian Manser auf dem Hof des Land­wirtschaftlichen Zentrums St. Gallen in Flawil. Foto: Daniel Ammann

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Christian Mansers wahre Leidenschaft sind die Rindviecher – und nicht die Sauen. Obwohl er den Sauen landesweite Bekanntheit verdankt. Manser ist der Speaker des legendären Säulirennens an der Olma in St. Gallen, die vergangenen Sonntag zu Ende ging. 360'000 Menschen, 10'000 mehr als 2018, haben die Messe besucht; nicht zuletzt wegen der herzigen Schweinchen, die täglich um die Wette «sprinteten». Seit 19 Jahren feuert Manser das dankbare Publikum mit seinen Sprüchen an: «Und hier Lulu, das Boxenluder, eine richtige Sau!»

Margrit Blaser, Co-Präsidentin SP Kanton St. Gallen, fand das ganz und gar nicht lustig: In einem viel kommentierten Leserbrief warf sie Manser Sexismus vor und forderte seine Absetzung als Kommentator des Säulirennens. Seither wird Christian Manser, wo immer er auftaucht, auf die Schultern geklopft. Gerade als Stimmungskanone gehört der Chef der Tierschauen für viele Ostschweizer zur Olma wie die Bratwurst ohne Senf.

Kühe schlafen höchstens eine halbe Stunde pro Tag – wer kann das von seinem Mitarbeiter ­sagen?

«Ich musste sehr viele Leute beschwichtigen», sagt Manser, natürlich habe er keine Sekunde ans Aufhören gedacht. Und die Familie, Ehefrau Vreni und die drei erwachsenen Kinder? «Die sagten: ‹Gib Vollgas!› – ganz nach dem Familienmotto.»

«Sönd mer ehrlich», so der Appenzöller, «ein Säulirennen ist keine Sonntagspredigt», da dürfe es schon mal etwas derber sein. Und, ganz wichtig: «Meine Kommentare sind zum Vergessen, sie funktionieren nur in der Arena.»

Und eben, seine wirkliche Passion ist die Kuh. Seit vielen Jahren befasst sich Christian Manser, 51, Leiter der Fachstelle Rindvieh am Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen in Flawil, mit Kuhsignalen. «Kühe erzählen ihren Landwirten mit klaren Anzeichen, ob ihre Bedürfnisse erfüllt sind oder nicht.» Kuhsignale, das sei kein esoterischer Gugus, kein Feng-Shui im Kuhstall, ihre richtige Deutung helfe dem Landwirt, das Leben seiner Kühe durch oft nur kleine Anpassungen zu verbessern.

Der Kuhversteher weiss, der Bauer lässt sich nicht gern dreinreden. Der Stall steht seit Generationen, vom Vater übernommen, man hats immer so gemacht. Da müsse man sachte vorgehen. Mansers bestes Argument: Eine Kuh, die sich wohlfühlt, gibt locker einen Liter mehr Milch pro Tag. Der Bauer schlägt Profit daraus. Ein Argument, das zieht.

Mit seinen Vorträgen wolle er nicht zuletzt Respekt und Verständnis für den Bauern und seine Arbeit wecken, sagt Manser. Foto: Foto: Daniel Ammann

Manser übersetzt die Körpersprache der Kuh ins Deutsche – und spannt den Bogen zur Menschenführung. Denn Kühe und Menschen, das hätten seine Beobachtungen gezeigt, seien gar nicht so unterschiedlich.

Am vergangenen Dienstagabend hielt der ETH-Agronom in Gossau SG einen Vortrag zum Thema «Was haben Mitarbeiterführung und das Deuten von Kuhsignalen gemeinsam?». Eingeladen hatte der Lions Club Gossau-Fürstenau, rund 40 Herren, alle sind oder waren in Führungspositionen tätig. An diesem «Damenanlass» sind auch die Gattinnen willkommen. Draussen riechts nach Vieh, drinnen in der bäuerlichen Eventlocation Hofstadl wurde gerade Wasserbüffel aus der Region verspeist. Trotz Lieblingstier, Manser sagt, er esse Rindfleisch «mit grossem Genuss» – es muss natürlich Schweizer Fleisch sein.

Der Abend im urchigen Hof­stadl ist ein Heimspiel für Manser, man kennt und schätzt den Christian samt seinem lockeren Mundwerk, logisch, dass man die Sexismus-Vorwürfe der SP-Frau nicht ernst nehmen will. Die Herrschaften sind sich einig, die Politikerin habe ein Problem, nicht der Christian. Manser selber witzelt, er habe befürchtet, man lade ihn, den Sexisten, wieder aus. Mehr will er dazu nicht sagen, denn: «Wer im Schlachthaus sitzt, sollte nicht mit Schweinen werfen.»

Führungskraft und Landwirt ­sollen grosszügig sein: Eine ­Leistungsprämie oder viel Futter motiviert Mensch wie Vieh.

Manser trägt Jeans, blaues Hemd und seinen Lieblingsgürtel mit den Appenzöller Chueli. «Glückliche Kühe, glückliche Bauern», beginnt er sein Referat. Und macht gleich klar, dass der Mensch immer noch über dem Tier steht. Mit seinen Vorträgen wolle er nicht zuletzt Respekt und Verständnis für den Bauern und seine Arbeit wecken, denn davon hänge auch das Tierwohl ab. Als Tischset dient das laminierte Foto einer gesunden Kuh – sie ist enthornt. Das irritiert, ist aber auch ehrlich. 19 Signale, vom Wiederkäuen bis zum Mist, sind aufgeführt. Komplizierter als Kühe können Mitarbeiter nicht sein.

Ein Chef, ob im Stall oder am Arbeitsplatz, müsse sich Zeit nehmen, genau hinschauen und sich dabei auf die Schwächsten konzentrieren, sagt Manser. Beispiel Apéro. Da gebe es immer solche, die sich vorne am Buffet positionieren: «Diese entsprechen den ‹Leitkühen›, die im Laufstall an der Futterkrippe die besten Plätze für sich beanspruchen.» Manser hat das Publikum sofort im Sack, auch im Hofstadl haben sich «Leitkühe» am Apéro-Buffet breitgemacht. Ob sie sich durch den Vergleich eher ertappt oder geehrt fühlen, ist allerdings fraglich.

Langjährige ­Mitarbeitende sind enorm ­wertvoll – sowohl am Arbeitsplatz wie auch im Stall.

Manser zieht weitere Parallelen: die ermattete Kuh mit dem trüben Blick oder der «geistig pensionierte» Angestellte – nicht wegschauen! Je früher man reagiert, desto rascher ist das Problem behoben. Führungskraft oder Landwirt müssen grosszügig sein, eine Leistungsprämie, viel Futter und Stroh motiviert Mensch wie Vieh. Dichte bedeutet Stress. Nur wer sich am Arbeitsplatz wohlfühlt, ­liefert auch. Frisches Wasser ist die beste Gesundheitsprophylaxe. Und: Langjährige Mitarbeiter sind enorm wertvoll – im Büro wie im Stall.

Aber: «Sönd mer ehrlich», sagt der Kuhversteher. Kühe seien nun mal die besten Mitarbeiterinnen, die man sich wünschen könne: Sie sind fleissig, sie schlafen bloss 20 bis 30 Minuten am Tag – «wer kann das von seinem Mitarbeiter sagen?» Kühe sind loyal und simulieren nicht, «eine Kuh hat mich noch nie belogen». Und nie würde eine Kuh dem Bauern «zleid werche». «Jetzt scheiss ich dem in die Ecke», das gibts nicht beim Rindvieh.

Es isch e Freud! Kommt hinzu: Keine Kuh hat dem Christian Manser je Sexismus unterstellt, geschweige denn, in einem Leserbrief seine Absetzung verlangt.



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Erstellt: 28.10.2019, 17:18 Uhr

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