«Zwingli war ein heller, wacher Geist»

Mit «Zwingli» kommt einer der teuersten Schweizer Filme ins Kino. Ein Treffen mit Regisseur Stefan Haupt im Grossmünster – einem der Drehorte.

Alles andere als verklemmt: Max Simonischek als Zwingli. Foto: Aliocha Merker

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Zwingli. Lustfeindlich, geizig. Nummer zwei hinter Martin Luther. Verantwortlich für kalte Kirchen, Kriegstreiber . . . Was einem spontan zum Reformator in den Sinn kommt, ist kaum etwas, das einen brennend für dessen Biografie einnehmen könnte. Aber damit muss man Stefan Haupt nicht kommen: «Ich bin immer noch schockiert, wie negativ der Begriff zwinglianisch belastet ist», sagt er. Und: «Das kommt definitiv nicht von Zwingli selber. Für mich war er ein heller, wacher Geist.»

Gut, auf der einen Seite muss Stefan Haupt das sagen. Schliesslich hat er mit «Zwingli» gerade einen Film fertiggestellt, der mit einem Budget von fast sechs Millionen Franken zu den teuersten Schweizer Produktionen gehört und ab dem 17. Januar entsprechend Menschen in die Kinos locken soll. Auf der anderen Seite ist der 57-jährige Regisseur alles andere als ein Blender, sondern bekannt für seine akribisch recherchierten Spiel- und Dokumentarfilme: «Der Kreis» (2014) über eine Zürcher Schwulenorganisation hat ihm den Schweizer Filmpreis und zahlreiche weitere Auszeichnungen eingebracht. Und mit «Elisabeth Kübler-Ross – dem Tod ins Gesicht sehen» (2003) war er auch international äusserst erfolgreich.

Gedreht wurde wirklich im Zürcher Grossmünster

«Je mehr ich von Zwingli erfahren habe, desto lebendiger und lebensbejahender ist er für mich geworden», sagt Haupt. Er sitzt in der Sakristei jener Kirche, in der Huldrych Zwingli – im Film wird er manchmal auch volksnah Ueli genannt – vor genau 500 Jahren sein Amt als Leutpriester antrat. Und die auch als Drehort diente. Klar hatte es Pläne gegeben, alles in einem Filmstudio nachzubauen. Oder in Kirchen nach Ungarn oder Italien auszuweichen, wo viel billiger hätte gearbeitet werden können. Doch Haupt bestand auf dem Grossmünster, und schliesslich ist es gelungen, die Drehgenehmigung zu erhalten: Die Kirche wurde einen Monat lang fürs Publikum geschlossen, der Raum mit künstlichem Licht und Menschen in historischen Kostümen gefüllt. Und das im – pardon, Stefan Haupt – zwinglianischen Zürich.

Offizieller Trailer zum Film «Zwingli». Video: Youtube/AscotElite

Es war von Anfang an klar, dass der Film aufs grosse Publikum zielen würde: Produziert wurde «Zwingli» von der Firma C-Films, die für Hits wie «Schellen-Ursli» und die Serie «Wilder» verantwortlich ist. Das Drehbuch schrieb Simone Schmid, die am «Bestatter» arbeitete. Die Hauptrolle ist mit Max Simonischek besetzt, dem schweizerisch-österreichischen Publikumsliebling, der in «Die göttliche Ordnung» zu sehen war. Der Reformator als Identifikationsfigur? «Klar», sagt Stefan Haupt lachend, «schliesslich beginnt er auch mit Z, wie einst Zorro.» Ihm war bei aller Ironie bewusst, auf was er sich einliess. Auch wenn er sich als Regisseur für einmal selber ins Spiel brachte.

Besonderes Verhältnis zu Zwingli seit der Kindheit

«Das Projekt war schon in der Drehbuchphase, als ich davon hörte», erzählt Haupt. Er habe zur Fertigstellung seines letzten Films «Finsteres Glück» Geld gesucht und bei der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich nachgefragt. Dort habe er die Auskunft erhalten, das könne schwierig werden, weil alle Geldmittel in den Zwingli-Film fliessen würden. «Was Zwingli?», fragte sich der Regisseur und war sofort angetan. Denn zum Reformator hatte er seit der Kindheit ein besonderes Verhältnis. Sein Vater hat zwei Kirchenchöre dirigiert, er selber bereits als Achtjähriger auf der Empore des Grossmünsters – «gleich da drüben» – das Weihnachtsoratorium mitgesungen. Mit der Familie ist er häufig nach Wildhaus in die Ferien gefahren, in die Nähe von Zwinglis Geburtshaus. Und als USA-Austauschstudent ist er in einer Pfarrfamilie gelandet, in der ihn der ursprünglich aus Pakistan stammende Gastgeber so empfing: «Welcome home, our church ist based on Zwingli.»

Viele Jahre später sitzt er also in der Kirche, in der für Zwingli alles begann. Das Gespräch wird, fast penetrant, von Orgelmusik begleitet («am Dienstag ist immer Übungstag für Schüler»). Aber die Magie des Ortes scheint sich tatsächlich auf die Menschen zu übertragen, die da arbeiten. «Genau da, zwanzig Meter entfernt, haben Zwingli und seine Leute die Bibel auf Deutsch übersetzt», schwärmt der Regisseur. Er erzählt detailversessen von diesem Menschen, der so anders war als das, was viele von ihm denken. Viel fortschrittlicher als Luther, den Zwingli als Menschenfresser oder «Chnochefrässer» bezeichnete, weil dieser am Glauben festhielt, dass sich der Wein in richtiges Blut verwandle beim Abendmahl und das Brot in den richtigen Körper Jesu.

Ganz nah bei Zwingli: Regisseur Stefan Haupt in der Krypta des Grossmünsters Zürich. Bild: Esther Michel

Viel von diesem Detailreichtum ist in den Film geflossen. Er beginnt äusserst kraftvoll, das historische Zürich lebt, die schmutzigen Gassen stinken. Zweite Hauptfigur ist die von Sarah Sophia Meyer gespielte Anna Reinhart, die Zwingli öffentlich im Grossmünster heiratete – damals ein ungeheurer Akt in einer Kirche, in der Priester keine Ehe eingehen durften. «Das hatte bestimmt eine noch grössere Brisanz, als wenn heute ein Priester seinen schwulen Freund heiraten würde», sagt Haupt.

Die gleiche Digital-Firma wie bei «Game of Thrones»

Der Regisseur ist sich der Fallen historischer Filme bewusst: «Wir haben diskutiert, ob wir aus Zwinglis Ehe eine moderne Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau machen sollen. Aber das wäre total überheblich gewesen, wir dürfen nicht mit heutigen Massstäben an diese Zeit herangehen.» Ähnlich hält er es mit den Bildern, in der das alte Zürich mithilfe einer Stuttgarter Firma digital hergestellt wurde, die auch für «Game of Thrones» tätig war. Da wird nicht geprotzt im Stil von «Schaut, was wir alles können.» Im Gegenteil, sagt Haupt: «Wir haben versucht, es so einzubauen, dass es fast nebensächlich, dafür aber umso stärker wirkt.»

Sein «Zwingli» ist gelungen, bilderstark, wuchtig gespielt, lehrreich. Im zweiten Teil wirkt der etwas über zweistündige Film allerdings ein wenig gehetzt, so, als ob Stationen im Leben des Reformators noch abgehakt werden müssten. Ist er zu lang geraten? Oder gar zu kurz? «Es gäbe tatsächlich noch vieles zu erzählen, wir haben bei interessanten Punkten, die wir weglassen mussten, gesagt, das wäre etwas für eine noch zu drehende TV-Serie», sagt Haupt.

Der Film reiht sich bestens ins Lebenswerk des Regisseurs ein, in dem es stets um grosse Fragen geht, um Leben oder Tod, um Moral. Er selber hat sich intensiv mit Religion befasst, aber aus der Kirche ist er mit zwanzig ausgetreten, «die heutigen Begriffe von Religiosität und Spiritualität sind so Kästchen, in denen mir nicht wohl ist», sagt er. Bei «Zwingli» aber fühlte er sich, bei aller Grösse des Unterfangens, im Element. Wobei diese Grösse für ihn nicht das Entscheidende ist. Parallel arbeitet Stefan Haupt nämlich bereits an einem neuen Dokumentarfilm, dem «Zürcher Tagebuch». Darin stellt er, ganz persönlich, die Frage, die in «Zwingli» auf andere Art ebenfalls im Zentrum steht. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die richtige, verantwortungsvolle Art zu leben.

«Zwingli» läuft ab dem 17. Januar in den Kinos

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.01.2019, 13:20 Uhr

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