Der Mensch isst sexistisch

Für sie den Salat mit Hüttenkäse, für ihn das saftige Steak: Warum wir Stereotype kaum vom Tisch bringen.

Er kann nicht anders: Der Mann will mehr Fleisch, mehr Alkohol und mehr Kalorien. Foto:  Brian Finke

Er kann nicht anders: Der Mann will mehr Fleisch, mehr Alkohol und mehr Kalorien. Foto: Brian Finke

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Die Frau bestellt im Restaurant das Schnipo, dazu ein Bier. Der Mann die Pouletbrust mit gedämpftem Gemüse, dazu Wasser oder einen Aperol Spritz. Und zum Schluss hätte sie gerne einen Espresso und er einen Latte macchiato. Das Personal wird sich alles notieren – und es dann ziemlich sicher trotzdem verkehrt herum servieren: Wasser, Poulet und Latte macchiato für sie und Bier, Schnipo und Espresso für ihn.

Der Bedienung ist aber kein Vorwurf zu machen, es ist alles eine Frage der Erfahrung; Frauen und Männer ernähren sich in der Regel typisch weiblich oder männlich. «Die Geschlechterdifferenzen werden spätestens ab dem Schulalter deutlich», sagt Christine Brombach, Professorin für Ernährung und Consumer Science an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Grob gesagt steht laut Ernährungssoziologie bei Männern der Genuss und die nahrhafte Kost im Vordergrund, das heisst mehr Fleisch, mehr Kalorien und mehr Alkohol. Frauen hingegen achten auf gesunde, leichte Kost mit mehr Obst und Gemüse, Milch-, Vollkorn- und Diätprodukten. «An den Polen steht auf der einen Seite das Fleisch und auf der anderen Seite der Quark», sagt Christine Brombach. Dass Männer mehr Fleisch essen, zeigte auch menuCH, die erste repräsentative Studie zum Schweizer Ernährungsverhalten.

Man kann den so genannten Gender Food sexistisch finden und sich dagegen wehren. So wie eine Gruppe Österreicher, die sich über einen früheren McDonald’s-Slogan – «Salat speziell für Frauen und alle, die Salat lieben» – enerviert hatten. Das sei diskriminierend, fanden sie, der Werberat hingegen sagte, die Gleichwertigkeit der Geschlechter werde damit nicht infrage gestellt.

Was, wann und wie viel wir essen, ist erlernt

Schliesslich nutzt die Werbung nur die Erkenntnisse der Forschung: Wird gesundes Essen feminin angepriesen und ungesundes männlich, greifen die Konsumenten besonders gerne zu. Das konnten kanadische Forscher 2015 nachweisen. Sie boten den Probanden Mini-Blaubeer-Muffins an: mal mit einer Ballerina und der Aufschrift «gesund» auf der Verpackung, mal mit einem Football-Spieler und dem Wort «mega».

Bei der dritten Kategorie Muffins waren die Begriffe ausgetauscht, also der Football-Spieler mit dem Wort «gesund» und umgekehrt. Das kam bei den Probanden gar nicht gut an. «Man konnte einen abrupten Einbruch bei den Präferenzen beobachten, wenn ungesundes Essen eine feminine Verpackung und gesundes Essen eine männliche Verpackung hat», hielt die Studie fest. Das liege daran, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt und Rollenklischees verletzt würden. Unser vorgespurtes Hirn isst also mit.

Die Frage ist nur, warum. Biologische Ursachen gibt es jedenfalls keine, versichert Brombach. «Es ist alles erlernt. Wir haben von Natur aus nur wenige Instinkte, die uns vorgeben, was, wann und wie viel wir essen sollen.» Und was wir erlernt haben, beeinflusst unsere Vorlieben ein Leben lang. Nicht nur das: Mit unserem Essverhalten drücken wir unser Geschlecht aus. Dass viele Männer von einem Burger oder einem Cordon bleu fast magisch angezogen werden, liegt auch daran, dass Fleisch etwas Archaisches verkörpert und als Symbol für Stärke gilt: Um Fleisch auf dem Teller zu haben, musste ja schliesslich zuerst ein Tier erlegt werden.

Auch das schwingt mit, wenn Männer bald wieder freudig den Grill anschmeissen und ein saftiges Steak drauf legen. Für Frauen hingegen hat Essen meist weniger mit Lust, sondern mehr mit Kontrolle zu tun. Es gibt eine gesellschaftliche Vorstellung davon, wie ein weiblicher Körper idealerweise auszusehen hat. Frauen fühlen sich daher sozial stärker unter Druck, ihr Gewicht und Aussehen dieser Vorstellung anzupassen.

«Männlich gleich hoher Fleischkonsum» wird zelebriert

Das alles weiss der Zürcher Gastrounternehmer Michel Péclard auch ohne Ernährungsstudien und nutzt die jeweiligen Präferenzen ganz bewusst: «Für Frauen ist es das Wichtigste, dass ein Gericht kalorienarm ist.» Das dürfe man jedoch keinesfalls kommunizieren. «Begriffe wie healthy, Fitnessteller oder solchen Schnickschnack würden wir niemals auf die Karte schreiben.» Auch Männer reagieren ablehnend darauf.

«Sie ernähren sich zwar auch zunehmend kalorienbewusst, stehen jedoch nicht offen dazu. Wenn etwas als gesund deklariert ist, bestellen sie es in der Regel nicht.» In Péclards Betrieben, etwa im Zürcher Restaurant Coco Grill & Bar, ist die Karte niederschwellig kalorienbewusst: Kaum Kohlenhydrate, dafür viel Gemüse, das Fleisch vom Grill nach Wahl, die Sauce separat, das Dessert fakultativ.

«Die Frauen müssen sofort merken, dass sie bei uns fünf Gänge essen können und trotzdem nicht zunehmen.» Péclard und sein Team setzen ihren Fokus bewusst auf sie. «Wenn man weibliche Gäste im Restaurant hat, kommen die Männer automatisch.» Er schätzt, dass in 80 Prozent der Fälle die Frauen vorschlagen, wo es fürs Znacht hingehen soll. Die Ernährungssoziologie untermauert diese Vermutung. Fast drei Viertel der Männer überlassen die Ernährungsarbeit komplett ihren Frauen oder Müttern.

Dieser Zustand dürfte sich aller Emanzipation zum Trotz nicht so schnell ändern, meint Christine Brombach. Bestimmte Verhaltensmuster verfestigten sich und würden so zu Stereotypen, die wiederum ein typisch geschlechterspezifisches Verhalten verursachten. Erkennbar sei das etwa daran, dass der Grill immer noch vorwiegend eine Männerdomäne sei oder auch am gehypten Magazin «Beef – Männer kochen anders». Vor zehn Jahren lanciert, konnte es seine Abozahl dank Fokus auf Fleischliebhaber seither stetig steigern.

Erstellt: 30.03.2019, 19:17 Uhr

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