Der Morge- wird zum Sorgestraich

Darf man als «Neger» an der Fasnacht auftreten? Über die Narrenfreiheit ist eine hitzige Rassismus-Debatte entbrannt.

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Der Pauken spielende Afrikaner, barfuss, im Baströcklein und Knochen im Haar – er wird in den kommenden Tagen öfters in Basel zu sehen sein. Schon am Morgestraich, frühmorgens um 4 Uhr, wird die schwarze Figur wohl als Laternen-Sujet durch die Strassen der Innenstadt getragen.

Offiziell jedoch wird das Jahrzehnte alte Logo der Fasnachts-Clique Negro-Rhygass nicht mehr eingesetzt – dies nach einer wochenlangen hitzigen Rassismusdebatte, welche die Namen und Logos der zwei Guggenmusiken Negro-Rhygass und Mohrekopf im Sommer 2018 ausgelöst hatten. Umso reizvoller wird die «verbotene» Karikatur des Afrikaners für die Kollegen der gerügten Basler Cliquen. Und so haben etwa 50 Gruppen beschlossen, das Thema offensiv anzugehen: Die «drey scheenschte Dääg» werden bei ihnen unter dem Motto «Narrenfreiheit» stehen. Die Basler Bebbi zum Beispiel künden sich an mit «Bimbotown – Neuigkeiten us m Dschungel». Die Clique «Olympia» wird sich über «Gutmenschen» lustig machen. Und die «Trotzkepf-Waggis» (Motto Bianco-Rhygass) werden vom Wagen aus Bananen ins Volk werfen.

Es ist der Sinn der Fasnachtszeit, dass für einmal alles rausgelassen und angeprangert werden darf, was einen das Jahr hindurch gestört und beschäftigt hat. «Die Fasnacht hat eine Ventilfunktion», sagt Pia Inderbitzin, die Obfrau des Fasnachts-Comités, an der Fasnacht dürfe man alles sagen, «mit spitzem Humor und scharfer Zunge».

Tradition soll keine Entschuldigung sein

Wie gross ist die Narrenfreiheit während der Fasnachtszeit? Was ist während der fünften Jahreszeit erlaubt, was geht zu weit? In den vergangenen zwei Wochen sorgten mehrere Fasnachtsvorfälle schweizweit für Empörung – meist ging es um den «Neger». Das «Neger-Kostüm» (schwarze Haut, wulstige Lippen, Bastrock, Chruselihaar) scheint nach wie vor beliebt zu sein – bei Kindern und Erwachsenen.

Darf sich das solothurnische Dorf Egerkingen während der Narrenzeit «Negerchinge» nennen? Jahrzehntelang wurde nie Protest gegen den Namen laut – bis diesen Winter ein Schüler aus Egerkingen bei der Gemeindepräsidentin vorsprach: Er fände es diskriminierend, dass die Dorffasnacht «Negerchinger Fasnacht» heisse. Die Antwort der FDP-Politikerin, der Name sei keineswegs diskriminierend gemeint, dürfte den Jungen kaum befriedigt haben.

Das kann auch Celeste Ugochukwu von der afrikanischen Gemeinschaft der Schweiz nicht akzeptieren. Den Namen «Negerchinge» verurteilt er scharf: «Neger ist ein rassistisches Wort, das dunkelhäutige Menschen diskriminiert und beleidigt –- auch während der Fasnacht.» Die Verkleidung als «Mohrenkopf» sei respektlos, verspotte die Black Community. Und Tradition sei ebenfalls keine Entschuldigung. «Selbst wenn der Ausdruck mal normal war, die Gesellschaft entwickelt sich und mit ihr das Vokabular.» Kurz: Die Fasnacht sei kein Freipass für Rassismus.

«Fröhlich tanzende Gestalten mit Chruseliköpfen»

Das «N-Wort» ist rassistisch – immer. Heute sagt etwa Schwingerkönigin Sonja Kälin, die fürs Schweizer Fernsehen an der Lozärner Fasnacht mitkommentierte: «Ich war in meiner Kindheit oft als Afrikanerin verkleidet – damals war das ‹Negerli› normal.» Selber musste die Schwyzer Sekundarlehrerin auch schon als Fasnachtsmotiv herhalten, die Schüler in Einsiedeln SZ kostümierten sich als strenge Lehrerin, darüber kann sie lachen.

In Luzern hat eine «Negermaske», die im Luzerner Bahnhof aus einer Schatztruhe grinste, für Proteste gesorgt. «Eine grinsende Negermaske?» Nein, davon habe er nichts mitbekommen, sagt dagegen Peti («nicht Peter, bitte») Federer, Medienchef des Lozärner Fasnachtskomitees. Überhaupt kann er die Aufregung nicht verstehen: Auch in Luzern seien «fröhlich tanzende Gestalten mit Chruseliköpfen» unterwegs gewesen. «Du wollen billig Sonnebrille kaufen?», hätten sie ihn auf der Kapellbrücke angehauen. «Sie erinnerten mich an die letzten Strandferien», sagt Federer, keine Sekunde hätte er an eine Verspottung von Schwarzen gedacht. Dutzende Ethnien seien vertreten gewesen, «Eskimos, sorry, darf man auch nicht mehr sagen, Asiaten, Russen – wir sind doch alle fasziniert von fremden Völkern.» Und er fragt: «Was darf man denn überhaupt noch? Verletze ich etwa die Frauen, wenn ich mich als Frau verkleide?»

Ferdi Segmüller, 75, der höchste Fasnächtler der Schweiz, lässt einem zuerst einmal das Merkblatt «Definition der Schweizer-Fasnachtskultur» zukommen. Der Präsident des Fasnachtsverbandes Schweiz Hefari hat die Erfahrung gemacht, dass die meisten Schweizerinnen und Schweizer keine Ahnung haben von der Bedeutung der Fasnacht, der viele hundert Jahre alten Tradition.

«Die Fasnacht ist das Fest der verkehrten Welt.»Ferdi Segmüller, Höchster Fasnächtler der Schweiz

Im Merkblatt steht: Die Fasnachtskultur solle weder doktrinär noch dogmatisch sein und sei geprägt vom jeweiligen gesellschaftlichen Zeitgeist. «Humorvolle Kritik aus Narrenmund, die auf das Konto mehr oder weniger prominenter Zeitgenossen geht, ist integraler Bestandteil der Fasnacht. Verletzende Attacken auf Wehrlose, Hohnlachen von Mehrheiten über Minderheiten sind fehl am Platz.»

«Die Fasnacht ist das Fest der verkehrten Welt», erklärt Segmüller. Während der tollen Tage dürften die Unteren die Oberen kritisieren. Natürlich ohne religiöse oder ethische Gefühle zu verletzen – und selbstverständlich im Rahmen des Gesetzes, dieses werde auch während der Fasnacht nicht ausgehebelt. Und es ist die Gelegenheit, in fremde Rollen zu schlüpfen. Einmal Superman, einmal Prinzessin sein! Aber auch Rassenfanatiker des Ku-Klux-Klan? Was die zwölf Typen, die am Montag in weissen Kutten und Kapuzen durch Schwyz marschierten, bezwecken wollten, wird die Polizei ermitteln.

Der Türkenbund zieht stolz durch Brig («Brig ist Mekka»)

Ist der Fasnachts-Indianer vom Aussterben bedroht? Eine Hamburger Kita wollte tatsächlich verhindern, dass Eltern ihre Kinder ins Winnetou-Kostüm stecken. Aber gerade mutige Indianer werden sich trotz den Forderungen einer Kindertagesstätte auch künftig noch auf die Strasse wagen. Fasnachts-Präsident Segmüller stellt fest, dass heute die meisten Mädchen und Buben als Tiere unterwegs sind, «vom Bär bis zum Pinguin, der ganze Zoo». Wenn das so weitergehe, habe er kürzlich mit den Kollegen gewitzelt, rufe das bald einmal den Tierschutz auf den Plan.

Im Oberwallis sieht man das alles nicht so eng. «Neger», sagt Thomas Bregy, habe man an der Fasnacht keine. Im Oberwallis ist der Türke der «Neger». Oder eben nicht. Über 100 Mitglieder zählt der Türkenbund, gegründet 1903, der älteste Fasnachtsverein im Wallis. Die Männer tragen osmanische Gewänder und den Fez, den roten Filzhut mit goldener Quaste auf dem Kopf. Der Türkenbund zieht stolz durch Brig («Brig ist Mekka»), auf dem Kamel hockt der Chef- Grossvezier Ben Tradi Medizinali, alias Thomas Bregy, Arzt von Beruf.

Afrikaner im Baströcklein und Knochen im Haar

Schweizer und ein paar Secondos aus Italien gehörten dazu. Auch Türken wären willkommen, sofern sie erprobte Fasnächtler sind. Der Türkenbund sei neutral, noch nie habe sich ein Türke in seiner Ehre verletzt gefühlt. Tabus kennt das Oberwallis nicht: Priester, Nonne oder Papst – während der tollen Tage ist im erzkatholischen Kanton alles möglich.

Zurück nach Basel, wo der Afrikaner im Baströcklein und Knochen im Haar seinen letzten grossen Auftritt hat. Und die Rassismusdebatte garantiert nochmals befeuern wird. Das Fasnachts-Comité sieht dem gelassen entgegen, der Basler Fasnächtler beherrsche diese Gratwanderung, sagt Obfrau Inderbitzin. Die Guggenmusik Negro-Rhygass, deren Logo das ganze Theater ins Rollen gebracht hat, wird sich übrigens unter dem Sujet «S wird äng im Bach» über den sommerlichen Grossandrang im Rhein lustig machen. Wie eh und je sind die 78 Aktiven als Clowns verkleidet, an den Füssen tragen sie silberne Schuhe in Übergrösse – «Silberfiessli» nennt man sie. Den Verlust ihres «Mohren» werden sie verkraften. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.03.2019, 21:58 Uhr

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