Der Nachteil des heutigen ÖV-Systems

Die Preissetzung im öffentlichen Verkehr ist zu intransparent.

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In einem freien Markt bestimmen Angebot, Nachfrage und die Konkurrenz den Preis. Der öffentliche Verkehr in der Schweiz ist heute alles ­andere als ein freier Markt. Die Preise werden von allen Unternehmen gemeinsam ausgehandelt. Welche Faktoren bei der Preissetzung massgebend sind, ist ziemlich intransparent. Ein Zustand, der zunehmend störend ist. Denn immer mehr Menschen pendeln, auch die Freizeitmobilität nimmt zu. Die Ausgaben für Bahn, Bus oder Tram machen einen immer grösseren Anteil am Haushaltsbudget aus. Es interessiert deshalb, weshalb die etwa einstündige Zugfahrt von ­Zürich nach St. Gallen – einfach, 2. Klasse und mit Halbtax – 15.50 Franken kostet, die ebenfalls rund einstündige Fahrt von Zürich nach Bern hingegen 25.50 Franken. Dies umso mehr, da die Passagiere als Steuerzahler die Bahn­infra­struktur mitfinanzieren.

«Die Preise zu senken, ist kaum möglich.»

Es gibt durchaus gute Gründe für das heutige Tarifsystem. Über die Aufschläge auf gut ­frequentierten Linien werden andere Strecken quersubventioniert. ­Zudem spielt es keine Rolle, in welchen Zug man einsteigt, um ans Ziel zu gelangen. Anders als im Ausland kostet eine Fahrt mit dem Schnellzug nicht mehr als eine Reise im Bummler. Doch genau das bringt auch einen gewichtigen Nachteil: Die Preise zu senken, ist kaum möglich. Für die SBB dürften Preis­senkungen auf manchen Fernverkehrsstrecken verkraftbar sein. Doch auf vielen SBB-Linien verkehren auch Regionalzüge anderer Unternehmen. Wird eine Strecke billiger, müssten sie ebenfalls zum tieferen Tarif fahren. Dies führte in den meisten Fällen schlicht dazu, dass die öffentliche Hand mehr einschiessen müsste. Und das widerspräche dem Verursacherprinzip. Leute, die ­möglicherweise nie reisen, müssten für einen noch grösseren Teil der ÖV-Kosten aufkommen, während die effektiven Nutzer entlastet würden.

Das alles müssten die SBB den Kunden aber vermitteln. Bislang ist das nicht geschehen – im Gegenteil. Bei jeder Preiserhöhung versteckten sich die Bundesbahnen hinter der Tariforganisation der Branche und verwendeten viel Energie darauf, festzuhalten, dass sie nicht alleine für die schlechten Neuigkeiten verantwortlich seien. Das mag zutreffen, ist aber des grössten Anbieters auf dem Schweizer Schienennetz unwürdig. Die SBB würden über die Mittel verfügen, die Preismechanismen den Passagieren zu erläutern. Das zeigt sich anderswo: Im Kampf um die Fernverkehrslinien liessen die SBB für 200 000 Franken einen Film und eine Broschüre produzieren. Das Ziel: aufzeigen, weshalb der Fernverkehr aus einer Hand angeboten werden müsse. Vielleicht hätten sie das Geld lieber in einen Film investiert, der aufzeigt, weshalb die Billettpreise trotz der hohen Gewinne im Fernverkehr nie sinken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2018, 23:54 Uhr

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