Der neue Chef wird für Julius Bär zur Belastung

Viele aktuelle Rechtsfälle der Bank stammen aus der Zeit, als Bernhard Hodler Risikoverantwortlicher war.

Gilt in den Augen vieler als Übergangschef: Bernhard Hodler
Foto: Stefan Wermuth/Getty

Gilt in den Augen vieler als Übergangschef: Bernhard Hodler Foto: Stefan Wermuth/Getty

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Der Chef der Privatbank Julius Bär, Bernhard Hodler, kämpft mit zahlreichen Schwierigkeiten. Die eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) hat die Bank im Verdacht, schwerwiegende rechtliche Verstösse bei der Aufnahme von Kundengeldern begangen zu haben. Dies im Zusammenhang mit Korruptionsfällen beim Weltfussballverband Fifa und der staatlichen Ölgesellschaft Venezuelas, PDVSA. Die Finma hat deshalb ein sogenanntes Enforcement-Verfahren eingeleitet, wie die NZZ jüngst berichtete. Das macht die Aufsichtsbehörde nur, wenn sie nach vorherigen Abklärungen Verdächtiges findet. Bei nachweislichem Fehlverhalten kann sie die Bank bestrafen – bis hin zum Bewilligungsentzug.

Das Finma-Verfahren wirft ein schlechtes Licht auf den seit November an der Spitze stehenden Bär-Chef Hodler. Er war davor während acht Jahren oberster Risikochef der Bank und dafür verantwortlich, dass kein schmutziges Geld bei Bär landet. Jetzt tauchen aber immer neue Verdachtsfälle auf, die in die Amtszeit von Hodler fallen. Ein Bär-Banker, der die Niederlassung in Moskau leitete, verkaufte laut «Handelszeitung» mit einer eigenen Firma Munition an Russland. Das Nebengeschäft wurde von der Bank abgesegnet. Wegen anderer Fälle, bei denen Kundenberater offenbar Geld aus zweifelhaften Quellen angenommen hatten, mussten im Herbst zwei Zürcher Mitarbeiter die Bank verlassen. Und am Samstag berichtete der «Tages-Anzeiger», dass vor kurzem bei einem Bär-Kunden 27 Millionen Franken gepfändet wurden. Dies wegen eines Rechtsfalls rund um die Pleite der litauischen Bank Snoras.

Die Bank will sich zu den Fällen nicht im Einzelnen äussern. Generell reagiere man auf Fehlverhalten «rasch und kompromisslos», sagt eine Sprecherin. Ein Problem beim Umgang mit Risiken sieht sie nicht. «Julius Bär steht sehr gut da. Unsere Wachstumsstrategie ist erfolgreich, gerade weil wir Risiken umsichtig managen.»

Hodler gilt als Verwalter und nicht als Macher

Mutmassliche rechtliche Verstösse sind nicht das einzige Problem von Hodler. Intern gilt der 57-Jährige, seit 1998 bei Bär, zwar als umgänglicher Typ, der die Bank in- und auswendig kennt. Seine Ernennung zum Nachfolger des langjährigen Chefs Boris Collardi stiess innerhalb der Bank aber auf wenig Begeisterung, wie mehrere Personen aus der Bank erzählen. Hodler sei ein Verwalter und kein Macher. Von ihm seien keine grossen strategischen Würfe zu erwarten, heisst es.

Selbst unter Kapitalmarktexperten gibt die Berufung Hodlers auf den Chefposten weiter zu reden. «Es gibt sicher andere, jüngere Kandidaten bei Bär», sagt ein Bankenanalyst. Diese jüngeren Köpfe aus der Geschäftsleitung hatten sich laut Insidern aufgrund ihres Leistungsausweises Hoffnung auf den Chefposten gemacht.

Unter ihnen ist Chief Operating Officer Nic Dreckmann. Er führte die Integration des von der US-Bank Merrill Lynch gekauften Vermögensverwaltungsgeschäfts ausserhalb der USA durch. Es war die grösste Übernahme in der Geschichte von Bär. Als weiterer aussichtsreicher interner Kandidat für eine Collardi-Nachfolge galt Europachef Yves Robert-Charrue. Er ist wie Dreckmann ein enger Vertrauter seines Ex-Chefs Collardi und war schon in verschiedensten Positionen innerhalb der Bank erfolgreich. Grosse Ambitionen sagt man auch Philipp Rickenbacher nach. Er wird als innovativer Kopf der Bank bezeichnet. Unter seiner Leitung führte Bär einen Robo Adviser ein – einen Roboter, der den Beratern Anlagevorschläge für ihre Kunden aufbereitet, was Zeit und Geld spart.

Jüngere Bär-Manager könnten abspringen

Unter Collardi waren sich die Bär-Manager ein hohes Tempo gewöhnt. In seiner Amtszeit verdoppelte er die Kundenvermögen der Bank. Wenn es nun unter Hodler zu gemächlich zu- und hergeht und er mit der Bewältigung von Rechtsfällen blockiert ist, in die er selber verwickelt ist, kann das bei den jüngeren, ehrgeizigen Managern für Verdruss sorgen. Mit Collardi, der als Partner zur Genfer Konkurrentin Pictet wechselt, pflegen ­viele Bär-Kader weiterhin freundschaftliche Kontakte. Pictet will das Geschäft in der Deutschschweiz, aber auch in Asien mithilfe von Collardi stärken. Er braucht dafür geeignete Leute. Das wissen auch seine ehemaligen Mitarbeiter.

In der öffentlichen Wahrnehmung hat Bernhard Hodler ebenfalls einen schweren Stand. Er gilt als Übergangschef. Weil der Verwaltungsrat vom Rücktritt Collardis überrumpelt wurde, ernannte Präsident Daniel Sauter eiligst Hodler als neuen Chef. Einen Plan für die Collardi-Nachfolge gab es offenbar nicht. Bei Hodlers Ernennung verkündete der Verwaltungsrat, er habe gleichzeitig einen «Evaluierungsprozess für die langfristige Führung» eingeleitet. Seither haftet Hodler das Etikett eines Interimschefs an.

Keine Übergangslösung

Bei jedem öffentlichen Auftritt muss er nun erklären, dass er vorhat, länger in seinem Amt zu bleiben. Auch an der Generalversammlung von vergangener Woche war das ein Thema. Verwaltungsratspräsident Sauter betonte, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Hodler erfülle die hohen Standards, die Julius Bär für das Chefamt voraussetze. Seine Wahl sei keine vorübergehende Lösung. Hodler solle die Bank «für die kommenden Jahre» leiten.

Die Wahl von Hodler könnte laut einem Analysten einen anderen Grund haben als seine langjährige Erfahrung bei der Bank Bär. «Der Verwaltungsrat könnte Hodler gewählt haben, weil verschiedene rechtliche Probleme noch abzuarbeiten sind.» Nach dieser Einschätzung würde der Ex-Risikochef sozusagen die alten Problemfälle abarbeiten, um dann einem jüngeren Nachfolger einen unbelasteten Start zu ermöglichen. Umso stärker belasten würde das aber Hodlers Amtszeit.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 19:51 Uhr

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