Der Novartis-Aufräumer hat sein Ziel verfehlt

Präsident Jörg Reinhardt trat 2013 mit dem Versprechen an, den Pharmakonzern zur ethischsten Firma zu machen. Stattdessen tauchen immer neue Skandale auf.

Verhängte Schulungen zum Thema Ethik: Wie ethisch war Jörg Reinhardts Verhalten im Fall um die Datenmanipulation von Avexis? Foto: Marc Wetli/13Photo

Verhängte Schulungen zum Thema Ethik: Wie ethisch war Jörg Reinhardts Verhalten im Fall um die Datenmanipulation von Avexis? Foto: Marc Wetli/13Photo

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Forscher der Novartis-Tochter Avexis haben bei der Entwicklung der Gentherapie Zolgensma Ergebnisse von Wirkungstests bei Mäusen gefälscht. Das gab die US-Zulassungsbehörde FDA diese Woche bekannt. Besonders pikant: Novartis wusste dank Hinweisen eines Forschungsmitarbeiters von Avexis schon am 14. März von der Datenmanipulation. Sie informierte die Behörde jedoch erst am 28. Juni – gut einen Monat nach der Zulassung der Therapie für den wichtigen US-Markt am 24. Mai.

Der zuständige FDA-Direktor Wilson Bryan hält in einem Memorandum fest, wenn Novartis seine Behörde vor der Zulassung über die Datenmanipulation informiert hätte, wäre die Zulassung wohl aufgeschoben worden. Anders gesagt: Die ansehnlichen Einnahmen durch Zolgensma wären später erfolgt, und Novartis hätte einen bedeutenden finanziellen Schaden erlitten. Denn die Gentherapie, die zur Behandlung einer meist tödlich verlaufenden Erbkrankheit Kindern unter zwei Jahren einmalig verabreicht wird, kostet pro Patient 2,1 Millionen Dollar. Sie ist damit die bislang teuerste Therapie weltweit.

Hat Novartis also absichtlich ihr Wissen über die Datenfälschung zurückgehalten, um die Zulassung zu erschleichen? Nein, beteuert Kommunikationschef Michael Willi. Die Information an die FDA sowie an weitere Zulassungsbehörden in Europa und Japan sei erst Ende Juni erfolgt, weil Novartis zuerst eine Untersuchung in zwei Teilen durchführte. Der erste Teil mit Unterstützung externer Anwälte dauerte laut Willi von Mitte März bis Anfang Mai, «um festzustellen, ob wir tatsächlich von Unregelmässigkeiten ausgehen müssen». Willi: «Anfang Mai bestätigten die Ergebnisse des ersten Teils unserer Untersuchung Diskrepanzen in den Daten und die Bedenken hinsichtlich der Datenintegrität.»

Wann genau Reinhardt ­eingeweiht wurde, bleibt unklar

Kurzum: Novartis hatte Anfang Mai Beweise für die Manipulation und informierte die FDA dennoch nicht darüber. Willi begründet, man habe zuerst die Ergebnisse des zweiten Teils der Untersuchung abwarten müssen. Dieser habe «aus einer vollständigen technischen Qualitätsuntersuchung» bestanden, «um festzustellen, welche Aktualisierungen gegebenenfalls für die Einreichung von Zulassungsanträgen erforderlich würden». Unter anderem führte Novartis nochmals dieselben Tests mit lebenden Mäusen durch.

Den Hauptbefund – die Datenmanipulation – hätte Novartis jedoch spätestens Anfang Mai der FDA mitteilen können. Warum sie dies nicht tat, bleibt schleierhaft. Mit ihrer Begründung verfestigt Novartis den Verdacht, dass sie ihr Wissen der FDA vorenthielt, um die bevorstehende Zulassung nicht zu gefährden.

Das ist auch deshalb besonders brisant, weil Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt über die Unregelmässigkeiten bei Zolgensma seit Mitte März informiert gewesen sein muss. Denn der studierte Pharmazeut ist Präsident des Research & Development Committee. Dieses ist verantwortlich für die Überwachung von Forschung und Entwicklung, insbesondere die laufenden Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Novartis schweigt sich darüber aus, wann genau Reinhardt und sein Ausschuss Kenntnis von den Manipulationen erhielten.

Immer neuen Skandale

Reinhardt war vor genau sechs Jahren, am 1. August 2013, mit dem Versprechen angetreten, mit den Hinterlassenschaften seines Vorgängers Daniel Vasella vollständig aufzuräumen und Novartis zum ethischsten Pharmaunternehmen der Welt zu machen. Er liess keine Gelegenheit aus, diese Botschaft zu überbringen, angefangen mit einer Tagung mit den 150 wichtigsten Kaderleuten in Miami, über Informationsanlässe für die Mitarbeiter bis hin zu Zeitungsinterviews und Hintergrundgesprächen mit Journalisten. Eine Ausgabe des Mitarbeitermagazins von Novartis war ganz dem Thema Ethik gewidmet – das hätte es unter Vasella kaum gegeben. Reinhardt liess auch Taten folgen, erneuerte die oberste Unternehmensführung, verhängte Schulungen zum Thema Ethik und koppelte die Boni an ethisches Verhalten.

Doch offenkundig reichte dies nicht. Denn Novartis macht mit immer neuen Skandalen von sich reden. So machte das Unternehmen 2017 bekannt, dass seine Augenheilmittelsparte Alcon in Russland und in 16 asiatischen Ländern unter Korruptionsverdacht steht. Auch die USA, Südkorea und Griechenland eröffneten wegen mutmasslicher Bestechungszahlungen Justizverfahren. Ausserdem laufen seit 2016 zahlreiche Verfahren wegen angeblicher Verletzung des Kartellrechts.

Verfehlungen begannen unter Vasella

Novartis behauptet, diese Verfahren beträfen im Wesentlichen «allesamt» die Zeit von 2002 bis 2011 – also die Ära Vasella. Das wäre praktisch für Reinhardt, wenn es denn stimmen würde. Zutreffend ist, dass ein Grossteil der Skandale ihren Ursprung in Vasellas Zeit hat. Doch viele Verfehlungen gingen nach Reinhardts Amtsantritt weiter, wie sein Sprecher einräumt – darunter jene in Südkorea, Russland und Asien (jeweils bis 2016). Auch der Skandal um Zahlungen von Novartis an Michael Cohen, den ehemaligen Anwalt von US-Präsident Donald Trump, fällt in Reinhardts Amtszeit.

Und die neuste Datenmanipulation kann Reinhardt schon gar nicht seinem Vorgänger anlasten. Jedoch ist er verantwortlich für die späte Information gegenüber der FDA. Deswegen droht Novartis eine empfindliche Busse. Der Aufräumer hat noch viel zu tun – auch bei sich selbst.



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Erstellt: 10.08.2019, 19:59 Uhr

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