Was bringt die Sportler-Rolle?

Sportler lieben sie: die Hartschaumrolle fürs Training. Doch das Wunderding kann sogar zu Schäden führen, sagen Mediziner.

«Nicht auszuschliessen, dass die Anwendung der Rollen zu Schäden führt»: Sportler beim Training mit der Black Roll  Foto: AFP

«Nicht auszuschliessen, dass die Anwendung der Rollen zu Schäden führt»: Sportler beim Training mit der Black Roll Foto: AFP

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Es ist ein simples Gerät, das die Erwartung von Freizeitsportlern und Profiathleten immer mehr in die Höhe schraubt. Eine Rolle aus Hartschaum – eingesetzt zur Selbstmassage – soll Muskeln und Faszien guttun. Faszien sind Fasern aus Bindegewebe, die wie ein feines Netz unsere Muskeln umgeben.

Obwohl die Rollen im Sport- und Fitnessbereich weit verbreitet sind, sei viel zu wenig erforscht, ob sie tatsächlich halten, was die Anbieter versprechen, schreibt ein Forscherteam um Christian Baumgart von der Bergischen Universität Wuppertal in einer Veröffentlichung in der Fachzeitschrift «Sports». «Bisher gibt es zu wenig gut gemachte wissenschaftliche Studien, welche die Wirkung der Rollen untersuchen», sagt Baumgart. Die Studie seines Teams ist in diesem Jahr hinzugekommen –mit ernüchternden Ergebnissen.

Die Versprechen, was die unscheinbare Rolle alles können soll, sind gross: Wer die Hartschaumrolle vor dem Training oder dem Wettkampf einsetzt, erwartet, damit die Muskeln aufzuwärmen und die Leistung zu steigern. Nach dem Sport wollen die Athleten durch die Behandlung das Gewebe dabei unterstützen, sich schneller wieder zu regenerieren.

Der Effekt hält nur eine Viertelstunde

Diese Annahmen zweifeln die deutschen Forscher an. In der Studie hat das Team 20 junge Freizeitsportler genau untersucht. Die Freiwilligen setzen die Hartschaumrollen jeweils vor dem Sport zum Aufwärmen der Waden und vorderen Oberschenkel ein. Die Forscher erfassten die Effekte direkt danach sowie 15 und 30 Minuten später. Als Kontrolle fuhren die Freiwilligen zehn Minuten auf dem Velo-Ergometer, oder sie ruhten.

Um die sportliche Leistungsfähigkeit zu testen, mussten die Probanden danach in die Höhe springen. Das gelang ihnen nach dem Nutzen der Rolle genauso gut wie nach dem Ruhen. Einzig wenn die Männer Velo gefahren waren, sprangen sie um etwa zwei Zentimeter höher. «Ein typischer Aufwärmeffekt», sagt Baumgart. Demnach eignet sich die Selbstmassage zur Leistungssteigerung offenbar nicht – zumindest nicht für Sprungdisziplinen.

Die Forscher prüften auch, ob die Hartschaumrollen die Muskelspannung beeinflussen. Tatsächlich vermochten die Übungen die Muskeln zwar zu lockern – der ­Effekt hielt allerdings nur 15 Minuten an.

Subjektive Empfindungen können verschieden sein

Damit passen die Ergebnisse der Wuppertaler zu den Erkenntnissen einer Übersichtsstudie, die Forscher um Thimo Wiewelhove von der Ruhr-Universität in Bochum in der Fachzeitschrift «Frontiers in Physiology» veröffentlichten. Erstmals hat das Team die Daten mehrerer Studien zur Wirkung der Hartschaumrollen zusammen in einer Metaanalyse ausgewertet. In 14 Studien waren die Effekte der Massagerollen vor dem Sport, also zum Aufwärmen untersucht worden und in sieben nach dem Sport, zur Regeneration.

Das Fazit ist auch hier kläglich: «Die Effekte der Hartschaumrollen seien sowohl zur Leistungssteigerung als auch zur Regeneration eher gering und zum Teil vernachlässigbar», schreiben Wiewelhove und seine Kollegen. In Einzelfällen können sie jedoch relevant sein, nämlich beim Aufwärmen vor dem Sprint, so die Forscher. Als Massnahme zur Regeneration eigneten sich die Rollen hingegen eher nicht.

Der Faszienexperte Robert Schleip von der Universität Ulm bezeichnet die Metaanalyse seiner Kollegen aus Bochum als die «hochwertigste wissenschaftliche Untersuchung», die bisher durchgeführt wurde, um die Wirkung der Black Roll zu überprüfen. «Dennoch können die subjektiven Empfindungen von Sportlern oftmals anders sein», sagt Schleip. Der Biologe berichtet, dass beispielsweise Läufer nach einem Halbmarathon die Selbstmassage mit der Rolle als Vorbeugung von Muskelkater schätzen. Und auch die Beweglichkeit der Muskeln könne sich nach der Benutzung der Rollen verbessern.

Schleip berichtet von verblüffenden Studien: So werde beispielsweise, wenn man die Muskeln im rechten Oberschenkel mit der Rolle massiert und so das Bein beweglicher wird, auch das linke Bein entsprechend dehnbarer – und zwar ohne Behandlung mit der Rolle. Diese überraschende Beobachtung trete auch beim normalen Dehnen auf, fügt Schleip an. «Wer rechts dehnt, wird auch links beweglicher.» Die mögliche Erklärung: Das könnte ein neurologischer Effekt sein. Demnach wird das Schmerzempfinden durch das Dehnen oder den Druck der Rolle generell herabgesetzt, sodass es auch auf der anderen Seite weniger wehtut, die Muskeln lang zu ziehen.

Ein Drittel des Körpergewichts drückt auf Gefässe und Nerven

Christian Baumgart ist den Hartschaumrollen gegenüber skeptisch. Er verwendet sie nicht. Dass kaum eine Wirkung nachgewiesen ist, sei ein Punkt, der andere: «Es ist nicht auszuschliessen, dass die Anwendung der Rollen zu Schäden führt.» Zusammen mit seinem Team hat Baumgart in der Studie auch die Kraft gemessen, mit der die 20 Testpersonen die Hartschaumrolle belasteten. «Das ist im Durchschnitt ein Drittel des Körpergewichts», sagt der Sportingenieur. Maximal könne aber mehr als die Hälfte des Körpergewichts auf der Rolle lasten. «Wenn an diesen Stellen 25 bis 30 Kilogramm Gewicht auf Haut, Nervenbahnen, Gefässe oder Knochen drücken, können Schäden entstehen», sagt der Sportwissenschaftler. «Langzeitfolgen sind überhaupt nicht untersucht.»

Bereits jetzt warnen Anbieter der Hartschaumrollen wie die Firma Blackroll etwa Menschen mit Bandscheibenschäden, Osteoporose oder Venenleiden, die Rollen nur nach ärztlicher Rücksprache zu nutzen. Robert Schleip ist zusammen mit Kollegen dabei, in einer Datenbank Verletzungen durch die Hartschaumrollen zu erfassen. Während blaue Flecken harmlos sind, weiss der Biologe auch von Rippenbrüchen oder einem Fall, bei dem eine noch nicht ganz verheilte Operationswunde sich zum Teil wieder öffnete.

«Vermutlich ist die Anzahl derartiger Verletzungen vergleichbar zu denjenigen beim Yoga», erwartet Schleip. Man dürfe – wie bei allen Sportübungen – auch die Selbstmassage mit der Rolle nicht übertreiben. «Oder man verzichtet schlicht darauf», findet Baumgart. Solange weder Nutzen noch Risiken genug erforscht sind.



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Erstellt: 24.08.2019, 17:06 Uhr

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