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Der Popstar als Auslaufmodell

US-Sängerin Taylor Swift steht mit ihrem neuen Konzertfilm für eine Ära, die eher an die Vergangenheit denn die Gegenwart erinnert.

Taylor Swift bei ihrem Auftritt in Tokio im November 2018. Foto: Getty Images
Taylor Swift bei ihrem Auftritt in Tokio im November 2018. Foto: Getty Images

Sind Sie bereit, «are you ready for it?», wie Taylor Swift in einem ihrer aktuellen Songs fragt? Bereit für pyromanische Einlagen, für aufwendige Tanzchoreografien, für grosse Emotionen und Songs, die in zwei Stunden die verschiedenen Gebiete des Popmainstreams bereisen? Auf all das will uns der Trailer zum neuen Konzertfilm von Taylor Swift einstimmen. «Taylor Swift Reputation Stadium Tour» heisst die Produktion schlicht, die der Streamingdienst Netflix an Silvester lanciert. Und wir können dank diesem Konzertmitschnitt in unseren Stuben Zeuge einer finanziell höchst erfolgreichen Tour werden, die 2018 in Nordamerika, Japan, Australien sowie England und Irland zu erleben war – wenn man denn Tickets ergattern konnte.

Wer den Trailer schaut, meint aber auch, dass sich in der Welt des Stadionpops nicht viel bewegt hat, seit Arenastars wie Madonna in den Achtzigerjahren erschienen sind: Man sieht im Publikum nun leuchtende Smartphones statt Feuerzeuge, und wie die Musikerin durch die Halle fliegt, wirkt auch eleganter als früher. Aber abseits des technischen Fortschritts scheinen die Showeffekte noch gleich zu sein und einem Baukastenprinzip für Stadiontourneen zu entstammen (unverzichtbar: die akustische Einlage, die die Nähe zum Publikum signalisieren soll). Man kann auch sagen: Taylor Swift steht für einen Superstar-Typus, der im Hier und Jetzt ein Auslaufmodell ist.

Der neue Pop ist nicht mehr genau lokalisierbar

Vielleicht weiss dies Taylor Swift auch selbst: Auf der «Reputation»-Tour hatte die 29-jährige Amerikanerin mit Camila Cabello und Charli XCX zwei noch jüngere Kolleginnen dabei, die für das stehen, was die «New York Times» in einem aufwendigen Feature jüngst als «Pop 2.0» bezeichnet hat. Camila Cabello veröffentlichte dieses Jahr ihr Debüt, auf dem mit «Havana» ein Hit zu finden ist, der auf Spotify bereits über eine Milliarde Streams aufweist. «Havana» ist ein Hit, der fast überall reinpasst: in die Rap-Playlists (dank dem Rapper Young Thug als Gast), in die Latino-Pop-Jukeboxes, und sowieso überall, wo es nach Sommer klingt. Die Engländerin Charli XCX veröffentlichte ihrerseits das Album «Pop 2», auf dem sie die Konventionen des massentauglichen Popsongs mit fiesen Sounds durchbricht.

Auch an diesen beiden Beispielen ist ablesbar, dass «Pop 2.0» nicht mehr einfach nur für Popmusik, wie wir sie kennen, steht – für eine Musik der schnellen Reize und eingängigen Melodien –, sondern für eine Musik, die überall borgt. Pop ist, wie so vieles in der von der Onlinekultur getriebenen Gegenwart, nicht mehr ortsgebunden oder genau lokalisierbar: Die «New York Times» erinnert an den phänomenalen Aufstieg der koreanischen Boyband BTS, die alles vermengt und weltweit Stadien füllt. Wer ihren vielleicht grössten Hit «DNA» hört, weiss auf Anhieb nicht, wo diese Musik ihr Zentrum hat. Was sicher ist: In den USA liegt es nicht, auch wenn Hip-Hop längst den Ton des Mainstreams angibt.

Denkbar fern liegen der «Pop 2.0»-Generation auch die althergebrachten Helden der Popgeschichte. Vielmehr ist das Idol des Gegenwartspop der Kanadier Drake, der mit seiner Hip-Hop-Spielart dieses Jahr alle Streamingrekorde gebrochen hat und mit einer unheimlichen Anzahl an Nummer-eins-Hits einen ewigen Rekord der Beatles gebrochen hat. Bei Drake verschmilzt ja alles so wunderbar zu einem streaming-optimierten Allerlei, das die Extreme scheut und im Hintergrund ohne Weiteres durchlaufen kann. Zuhören? Kann man schon – man muss aber auch nicht, weil sich Dringlichkeit anders anhört.

Eine Produktion, die auf die gute, alte Albumform setzt

Wie weit selbst eine Künstlerin wie Taylor Swift von dieser Generation entfernt ist, hört man auch ihrem letzten Album «Reputation» an, das 2017 erschienen ist. Das Album kennt natürlich die kommerziellen Gebote des Zeitgeists und führt auf der Gästeliste Ed Sheeran und den Rapper Future auf, was ein Mehr an Streams verspricht. Aber wer die Songs nun mit einem gewissen Abstand hört, entdeckt auch eine Produktion, die noch immer auf die gute, alte Albumform setzt. Swift schlägt einen erzählerischen Bogen, beginnt krass, weil es ja um ihre Reputation geht, und endet dann ganz still in der Klavierballade «New ­Year’s Day». Das ist Pop, wie wir ihn kannten. Und wie er in Einzelfällen noch immer sehr erfolgreich ist, was Taylor Swift gleich selbst beweist, weil Stars wie sie unsere Sehnsucht nach einer Identifikationsfigur immer stillen werden. Aber zukunftsträchtig ist dieses Modell nicht mehr.

Dennoch hat Taylor Swift mit ihrer «Reputation»-Tour in die Zukunft gewiesen. Allerdings nicht im positiven Sinn: An einem Konzert in Kalifornien liess sie die Gesichter ihrer Fans heimlich filmen – und scannte die Aufnahmen mit einer Gesichtserkennungssoftware ab. Taylor Swift wollte sich mit dieser Massnahme vor möglichen Stalkern schützen. Die Datensammelwut und überwachungsstaatsähnliche Kultur: Sie hat längst auch bei den Stadionshows von Popstars Einzug gehalten.

«Taylor Swift Reputation Stadium Tour», ab Silvester auf Netflix

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