Der programmierte Absturz

Stan Wawrinka kämpft – wie Novak Djokovic und Andy Murray – um die Rückkehr zu alter Stärke. Die Schonfrist läuft ab.

Kampf um den Anschluss: Stan Wawrinka könnte bis nach Paris 300 Ränge verlieren. (3. Mai 2018)

Kampf um den Anschluss: Stan Wawrinka könnte bis nach Paris 300 Ränge verlieren. (3. Mai 2018) Bild: Martial Trezzini/Keystone

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Rafael Nadal spaziert auf Sand wieder von Sieg zu Sieg, als ob er nie verletzt gewesen wäre. Roger Federer pausiert bis Stuttgart (ab 11. Juni), führt aber die Jahresrangliste weiterhin an. Hinter den zwei Überspielern aber kämpfen die anderen drei mehrfachen Grand-Slam-Sieger der vergangenen 15 Jahre um den Anschluss und gegen den Absturz.

Die Saisonbilanz von Novak Djokovic, 30, steht bei bescheidenen fünf Siegen und fünf Niederlagen. Der gleich alte Schotte Andy Murray fällt seit Wimbledon 2017 aus, steht aber vor dem Comeback – genau wie Stan Wawrinka.

Der 33-jährige Lausanner wird auf eine Geduldsprobe gestellt, seit er 2017 die Saison ebenfalls nach Wimbledon abbrach, um einen Knorpelschaden am linken Knie operieren zu lassen. Er kehrte zwar in Australien auf die Tour zurück und spielte bis Ende Februar vier Turniere. Er holte aber nur drei Siege und unterlag stets Aussenseitern – von Sandgren (ATP 97) über ­Basic (129) und Griekspoor (259) bis Ivashka (193).

Ende Februar erwog Wawrinka sogar den Rücktritt

Nach der Aufgabe in Marseille verliess der sensible Powerspieler den Platz unter Tränen. «Danach fragte ich mich ernsthaft, ob die Zeit nicht gekommen sei, um zurückzutreten», bekannte er gegenüber «Le Matin Dimanche».

Inzwischen sieht seine Welt viel freundlicher aus, obwohl sich die Rückkehr verzögert – wegen einer Wadenverletzung, die ihn zehn Tage gekostet habe, aber harmlos sei. Er wird nun nicht nächste ­Woche in Madrid zurückkehren, in Rom sollte es in acht Tagen aber klappen. Er habe «das Lachen wieder gefunden» und erlebe die angenehmste Zeit seit langem, sagte er an einer Medienkonferenz in Nyon am Donnerstag.

Stimmungsaufhellend ist neben seinen guten Trainingsleistungen («Meine Schläge sind exzellent») auch die Tatsache, dass Erfolgscoach Magnus Norman wieder an seiner Seite ist, nachdem der Schwede sich im Herbst abrupt von ihm getrennt hatte. Nach zwei Trainingswochen wird bilanziert und die Zukunft besprochen.

Die Weltrangliste wird von der Vergangenheit verzerrt

Klar ist dagegen Wawrinkas Ausgangslage in der Weltrangliste. Noch liegt er auf Rang 25 – doch in den vier Wochen mit den Turnieren in Rom, Genf und Paris, wo er vor zwölf Monaten erst im Endspiel verlor, geht es um Sein oder Nichtsein. Aus dem vergangenen Jahr verliert er in dieser Phase 1540 seiner noch 1685 Punkte. Im schlimmsten Fall könnte er über 300 Ränge verlieren. Er wäre danach auf Wildcards angewiesen oder müsste zweit- und drittklassige Turniere bestreiten.

Diese Situation sei ihm bewusst, sie lasse ihn aber kalt, sagt Wawrinka. 2018 sei für ihn ein Übergangsjahr mit dem Ziel, so nahe wie möglich an sein Top­niveau heranzukommen. Wenn das gelinge, werde seine Klassierung auch wieder entsprechend gut sein, und dann sei vieles möglich.

Offen ist, ob er nach dem French Open die Rasensaison mit Wimbledon bestreiten wird oder weiter Sandturniere bevorzugt (wie Gstaad, wo er gemeldet ist). Und fraglich ist auch, ob er in der Woche vor Roland Garros in Genf antritt, wo er 2016 und 2017 gewann. Nachdem sein Vertrag mit den ­Organisatoren ausgelaufen ist, konnten sich die Parteien nicht auf einen neuen Kontrakt einigen.

Wawrinka soll gemäss «Le Matin» für 2018 lediglich ein Ein­jahresvertrag mit 80 000 Franken Startgarantie offeriert worden sein – während ihm der erste Dreijahresvertrag 1,5 Millionen Franken gebracht haben soll. Selber habe er einen Vierjahresvertrag zu gleichen Konditionen angestrebt.

Gemäss Rainer Schüttler, Mitbesitzer des Geneva Open, stimmen diese Zahlen nicht. Er betont, dass die Verpflichtung Wawrinkas für sein Turnier stets eine sehr hohe Priorität habe. «Ich bin überrascht und traurig, dass er sagt, er fühle sich bei uns nicht willkommen.» Eine Wildcard liege für ihn bereit, so Schüttler, der die Verhandlungen nicht kommentieren will – ebenso wenig wie das Gerücht, dass Djokovic einen Start in Genf erwäge.

Nadals Position als Nummer 1 trotz Siegesserie wacklig

Der Serbe lebt wie Wawrinka und Murray in der Weltrangliste vor ­allem noch von Resultaten aus dem vergangenen Jahr, die bald gestrichen werden. Dem zwölffachen Majorsieger fallen bis nach Wimbledon 1930 seiner 2220 Punkte aus der Wertung. Erlebt er nicht bald einen Formanstieg, droht auch ihm ein Sturz ins Bodenlose. Noch härter könnte es Murray treffen, der sein Comeback auf Rasen plant (ab dem 11. Juni im holländischen ’s-Hertogenbosch). Der an der Hüfte operierte Schotte würde nach Wimbledon sogar ganz aus dem Ranking fallen, sofern er bis dann keine Punkte holt.

Gegen einen Rückfall kämpft weiterhin auch Nadal – allerdings auf einem ganz anderen Niveau. Wie in Monte Carlo und Barcelona muss er auch in Madrid in acht Tagen den Titel holen, will er nicht hinter ­Federer rutschen. Und sollte er in Madrid und Rom nicht ungeschlagen bleiben, muss er auch in Paris gewinnen, um vor seinem Hauptrivalen zu bleiben.

Erstellt: 06.05.2018, 10:23 Uhr

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