Der Routenplaner auf zwei Beinen

Jede Woche ist Fritz Hegi alias WanderFritz mit einer Gruppe von Pensionierten unterwegs. Am wichtigsten ist dem Berner, dessen Bücher zu Bestsellern wurden, dabei der Genuss.

Nume nid jufle: Fritz Hegi ist unterwegs mit seinem Wandergrüppli. Foto: Marco Zanoni

Nume nid jufle: Fritz Hegi ist unterwegs mit seinem Wandergrüppli. Foto: Marco Zanoni

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Der WanderFritz steht gut im Saft. Fritz Hegi, so sein richtiger Name, unternimmt jede Woche eine Wanderung. Seit etwa 15 Jahren tut er das, irgendwo in der Schweiz, immer mit seinem Wandergrüppli – Pensionierte, wie WanderFritz selber.

Seine Ausflüge beschreibt Fritz Hegi so: gemütliche Touren von maximal vier Stunden und nicht über 400 Höhenmeter. Obligatorisch sind Kaffee und Gipfeli vor dem Abmarsch, ein Apéro (Flasche Wein) aus dem Rucksack und die Rast in einer Wirtschaft. Der Berner ist ein «Genusswanderer», er müsse niemandem mehr etwas beweisen. Hegi wandert, seit er sich als Swisscom-Ingenieur frühpensionieren liess. Dazu inspiriert hat ihn Franz Hohlers Buch «52 Wanderungen», jede Woche eine Wanderung. Der Vorschlag wurde umgehend angenommen – und durchgezogen.

Gegen 800 Touren sind so zusammengekommen. Bereits drei Bücher mit Wandervorschlägen hat Hegi herausgegeben, soeben kam «WanderFritz 3» auf den Markt: Anmächelig bebildert, mit genauer Wegbeschreibung und wertvollen Tipps – neuerdings mit QR-Code, damit die Karten aufs Handy geladen werden können. Der Rentner geht mit der Zeit. Die WanderFritz-Bücher sind gefragt: Über 15'000 Exemplare wurden verkauft. «WanderFritz 1» schaffte es 16 Wochen lang auf die Bestsellerliste. «WanderFritz» steht auch auf Hegis Visitenkarte, den Namen hat er schützen lassen, das sind ihm die 500 Franken für zehn Jahre wert.

Das Einkehren darf nicht fehlen. Foto: Marco Zanoni

WanderFritz ist allwettertauglich, er mag jede Saison. Im Novembernebel streift er besonders gern durch die mystischen Wälder. Und jetzt, im Frühling, wenn die Knospen der Buchen spriessen und die Natur erwacht, lache sein Wanderherz. Sein Grüppchen besteht aus Freunden und Freunden von Freunden. Frauen und Männer, 60 plus, ein Paar geht seit dem Treffen beim WanderFritz gemeinsam durchs Leben. Nur noch selten ist seine Frau Vreni dabei, «sie ist nicht mehr so tritt­sicher», sagt der Mann. Allein würde wohl kaum jemand bei Hudelwetter die Trekkingschuhe schnüren, «aber ist man angemeldet, macht man keinen Rückzieher».

Sein Alter möchte Fritz Hegi lieber nicht in der Zeitung erwähnt haben. Nicht, dass er ein Problem mit dem Alter habe, «gar nicht». Es geht ihm um die Zahl: «Plötzlich gilt man als alt, nicht mehr fit genug, man wird nicht mehr ernst genommen.» Dieses «SchubladendDenken» ist es, was ihn stört. Der Wanderprofi ist eher 80 als 70, aber das gäbe man ihm tatsächlich nie. «Merci villmal!», bedankt er sich, «merci villmal.» Beim Wandern jedenfalls existiert keine Altersguillotine. Aber falscher Ehrgeiz sei fehl am Platz. Sein Tipp an die Senioren: einen Gang runterschalten, die angegebene Zeit auf dem Wegweiser grosszügig aufrunden – und sich nicht ärgern, wenn es bergauf nicht mehr so rund laufe. Man solle sich selber nicht überfordern und Rücksicht auf die Gefährten nehmen – «jeder geht schön sein Tempo, und bei der Wegkreuzung wird aufeinander gewartet».

Am Wochenende überlässt der Rentner den Jüngeren das Feld

Er müsse nicht mehr auf jeden «Hoger» stürmen – obwohl er schon noch 1000 Höhenmeter schaffe, wenns sein müsse, schiebt Hegi nach. Sein Credo: «Lieber nur 400 Höhenmeter und sich dafür ein Gläschen Wein gönnen.» Und nie, wirklich nie, würde er aufs Postauto hetzen. «Wozu auch? Das nächste kommt bestimmt. Ich habe ja Zeit.» Dass es nicht das letzte war, hat Hegi selbstverständlich zu Hause recherchiert. WanderFritz und seine Kameraden sind donnerstags oder freitags unterwegs. Weil Montag/Dienstag die meisten Beizen Ruhetag haben. Und weil man die Plätze im Zug am Wochenende jenen überlassen will, die unter der Woche nicht wandern können.

Bei der Vorbereitung seiner Touren überlässt Hegi nichts dem Zufall. Immer hat er eine Alternativroute im Sack: «Wetter, Steinschlag, man weiss nie.» Selbstverständlich meldet er die Gruppe im Gasthof an. Man bestelle den Tagesteller oder etwas Einfaches wie Ghackets mit Hörnli für maximal 25 Franken. Einmal, im Welschland, lag einzig ein «Gault Millau»-Restaurant auf der Strecke. Die Wanderer wurden im Wintergarten platziert, das «Salätchen» war natürlich viel zu teuer. Wasser, Wein oder Bier, jeder, was er wolle, und jeder zahle für sich, das ist Hegi wichtig, «ich lasse mich nicht einladen».

Das Smartphone ist immer dabei. Foto: Marco Zanoni

Was Hegi Sorgen macht, ist, dass mehr und mehr Beizen verschwinden – irgendwann müsse er wohl auf Picknick umstellen. Wenn immer möglich baut er eine Überraschung in die Touren ein: den Besuch auf einem Spargelhof oder bei einem Winzer, man besichtigt ein Kloster, eine Bergmine – oder eine Botanikerin gesellt sich zur Gruppe und erklärt die Blüemli am Wegesrand.

Ganz wichtig: Er sei kein diplomierter Wanderleiter, betont Hegi, «jeder läuft auf eigenes Risiko». Zieht ein Sturm auf, entscheidet man gemeinsam, wie weiter, «mit 15 Leuten geht das noch». Und genau deshalb wolle er auch wirklich niemanden mehr aufnehmen, stellt er klar. Aber Tipps gebe er immer gern «und gratis».

WanderFritz marschiert nach Navi, ein Akku-Ersatz ist stets dabei

WanderFritz ist immer mit den ÖV unterwegs. Keine Ecke der Schweiz sei zu entfernt für eine Tagestour. In der Regel nimmt er den 8-Uhr-Zug ab Bern. Um 10 Uhr würde er gern losmarschieren. Um 18 Uhr ist er meist wieder daheim. Hegi schwärmt vom Schweizer Zug-und-Bus-Netz, «da muss man weit suchen». Fast alle seiner Wandergefährten haben ein Senioren-GA. Wer mit dem Auto zum Startort reist, muss sich selber organisieren – nicht jede Tour führt zurück zum Ausgangspunkt.

Der rüstige Rentner trägt hohe Wanderschuhe und Dächlikappe, im Winter gegen die Kälte, im Sommer gegen die Sonne («Achtung, Glatze!»). Auf Stöcke verzichtet Hegi bewusst, weil er die Balance trainieren will. Im Rucksack ist die Notfallapotheke verstaut, der Regenschutz, das Messer mit Zapfenzieher («Apéro!») und die Nüsschen gegen den Hungerast. Technik-affin wie der frühere Swisscom-Mann ist, wandert er stets nach Navi. Hegi zückt das Smartphone, scrollt durch die 700 gespeicherten Routen, zeigt Karten und Höhenprofile. Eine Karte auf Papier hat er zur Sicherheit dabei, wichtiger aber sei der Akku-Ersatz.

Ein bevorzugtes Wandergebiet hat Hegi nicht. Er liebe das Wallis, den Suonen entlang, die Wälder im Mittelland, «das Emmental ist immer schön, der Jura sowieso, das Luzerner Hinterland einfach wunderbar». Keine einzige Wanderung hat Wander Fritz zweimal gemacht. Sein Wanderland Schweiz habe noch viele weisse Flecken – und sollten ihm einst doch die Touren ausgehen, mache er die erwanderten einfach umgekehrt.

Erstellt: 23.03.2019, 22:03 Uhr

«WanderFritz 3», Weltbild-Verlag, 52 Touren, 24.90 Franken,
www.wanderfritz.ch

Frühlingstouren von WanderFritz

Hochwald–Nuglar–Liestal

Charakteristik: Kirschblütenwanderung vom solothurnischen Gempen-Plateau über Nuglar ins Baselbiet

Daten: Wanderzeit: 3,30 Std.

Bergauf: 290 m

Bergab: 590 m, Länge: 11,6 km

Route: Hochwald–Büren–Nuglar–Liestal

Einkehren: La Tazzina, Hochwald; Restaurant Rebstock, Nuglar; Restaurant Schwarzbueb, Nuglar

Küssnacht–Greppen–Hertenstein

Charakteristik: Bluescht-Wanderung am Küssnachtersee LU

Daten: Wanderzeit: 3,15 Std.

Bergauf: 320 m

Bergab: 340 m, Länge: 10,2 km

Route: Küssnacht am Rigi–Rotenhof–Greppen–Halde–Hertenstein

Einkehren: Restaurant Seehof, Küssnacht; Bio-Landwirtschaftsbetrieb Haldihof, Café mit Hofladen, Weggis

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