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Der Ruf der Apokalyptiker

Die No-Billag-Gegner prophezeien bei einer Annahme der Initiative das Ende der Schweiz. Doch mit der Weltuntergangsrhetorik reden sie die Apokalyspe eher selber herbei.

Wenn wir Pech haben, geht diesen Sonntag die Schweiz unter. Ein Ja zu No Billag – und die über 700-jährige Eidgenossenschaft fiele auseinander. Milliardäre übernähmen die Medienmacht, fütterten das unmündige Volk mit Dauerpropaganda und verwandelten das Land in eine Diktatur. So ungefähr lautete das Szenario, das die Initiativgegner im Abstimmungskampf zeichneten. Für sie war die demokratische Auseinandersetzung – Achtung, unfreiwillige Ironie! – «ein Anschlag auf die Demokratie».

Ähnlich martialisch tönte es bereits bei der Durchsetzungsinitiative vor zwei Jahren, die aus den Schweizern bei einer Annahme «Nazis» gemacht hätte, wie es im Abstimmungskampf hiess. Auch bei der Masseneinwanderungs­initiative drohte dem Land der Untergang. Tatsächlich hätte in den letzten Jahren nicht nur die Schweiz, sondern die ganze Welt mehrfach untergehen müssen, wenn die Apokalyptiker unter den Propheten richtig gelegen hätten. Ob beim Brexit, der Wahl von Donald Trump oder dem Pariser Klimaabkommen: Fast immer ging es um alles oder nichts. Um Leben oder Tod. Zum Glück sind wir bis jetzt noch jedes Mal heil davongekommen.

«Um Katastrophen braucht man sich nicht zu sorgen, die kommen schon. Aber vielleicht muss man sie heraufbeschwören, zeitweis, weil von selbst dauerts zu lang», schrieb der österreichische Dichter Thomas Bernhard. In ihrer Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und eigener Wichtigkeit bedienen sich Politikerinnen und Kommentatoren der Endzeit-Rhetorik immer öfter und dringlicher. Durchaus mit Erfolg: Nichts vermag grössere Emotionen wachzurufen als eine drohende Katastrophe. Nichts mobilisiert besser als der Kampf ums Überleben. Nichts stärkt ein Argument mehr als die totale Alternativlosigkeit.

Fast immer ging es um alles oder nichts. Um Leben oder Tod.

Die politische Debatte ist dadurch zu einem Gezänk zwischen Ungläubigen und Gläubigen geworden, Politik zu einem Religionsersatz. Es geht nicht mehr um den offenen und sachlichen Wettbewerb, in dem das beste Argument gewinnt – wie es in einer funktionierenden Demokratie eigentlich sein sollte. Die Sektierer, ob rechts oder links, verkünden eine Art Heilswahrheit, über die sich nicht diskutieren lässt, weil uns ansonsten bald allen der Himmel auf den Kopf stürzte.

Das grösste Problem dabei ist nicht einmal, dass sich diese Weltuntergangsrhetorik abnutzt – wie in der berühmten Fabel vom Wolf und dem Hirtenjungen – und wir eine tatsächliche Gefahr nicht mehr kommen sehen. Oder dass wir das Geschrei einfach nicht mehr hören mögen und uns lieber ins Private zurückziehen, statt uns zu informieren und demokratisch zu beteiligen. Wahrscheinlich sind wir schlicht zu vergesslich und zu voyeuristisch, um bei der nächsten an­gekündigten Apokalypse nicht erneut in Stellung zu gehen.

Das Problem ist wohl eher, dass wir uns mit der Weltuntergangsrhetorik den Weltuntergang selber herbeireden. Als eine Art selbsterfüllende Prophezeiung, bei der eine gefährliche Sprache eine ebensolche Realität überhaupt erst erzeugt.

Das ist jetzt zwar auch ein bisschen Weltuntergangsrhetorik. Aber als Warnung vor den ewigen Warnungen sei sie ausnahmsweise erlaubt.

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