Der Schmerz vereint sie alle

In Bern haben Christen, Hindus, Buddhisten und Muslime der Opfer der Bombenanschläge in Sri Lanka gedacht.

Gedenkfeier im Hindutempel im Haus der Religionen in Bern: Vertreter aller Religionen zünden Lichter für die Opfer an. Foto: Ephraim Bieri

Gedenkfeier im Hindutempel im Haus der Religionen in Bern: Vertreter aller Religionen zünden Lichter für die Opfer an. Foto: Ephraim Bieri

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Liebe statt Hass! Frieden statt Vergeltung! Hinduistische Priester, ein reformierter Pfarrer, ein buddhistischer Mönch, gläubige Muslime und Christen haben am Freitagabend in Bern gemeinsam zur Versöhnung der Religionen aufgerufen und der Opfer der Terroranschläge in Sri Lanka gedacht. Die tamilische Gemeinschaft hat zur Gedenkfeier in den Hindutempel im Haus der Religionen geladen. «Ob Hindus, Christen oder Muslime: Die Tragödie vereint unser Volk», sagt Sivakeerthy Thillaiambalam, der Sprecher des Tempels. Wie alle Tamilen, die hier beten, trägt auch er einen langen, für uns schwierig auszusprechenden Namen, «nennen Sie mich Herr Siva», offeriert er denn auch.

Etwa 50 000 Menschen mit sri-lankischen Wurzeln leben in der Schweiz, vor allem Tamilen, die in den 1980er- und 1990er-Jahren vor dem Bürgerkrieg geflüchtet sind. So auch Amutha – die Frau im violetten Sari frittiert in der Verpflegungsecke allerlei Spezialitäten. 45 Verwandte habe sie damals im Krieg verloren. Amutha ist verheiratet mit einem Landsmann, der Sohn, sagt sie stolz, beende demnächst die Lehre bei der Swisscom. Sie habe kaum Kontakt zu Schweizern, wie viele der Tempelbesucher spricht sie kaum Deutsch. Seit den Anschlägen am Ostersonntag habe sie ständig Kopfweh. Ihre Augen werden feucht, ja, sie habe grosse Angst für die Zukunft ihrer Heimat.

Bisher haben die Religionen in Sri Lanka auf engstem Raum friedlich zusammengelebt: die christliche Kirche neben dem buddhistischen Tempel neben der Moschee. Oder wie ein Sri Lanker sagt: «Hier der Buddhist, dem die Kuh heilig ist, dort der Muslim, der die Kuh ‹tasty› findet.» Offene Konflikte mit den Muslimen habe es keine gegeben, sagt Herr Siva, «aber in den Köpfen verändert sich etwas». Er zeigt das Foto eines islamischen Hasspredigers auf dem Handy, die darunter stehenden Kommentare auf Tamilisch werde er lieber nicht übersetzen. Auf einer Karikatur, die zurzeit kursiere, fragt ein Christ seine hochschwangere, muslimische Nachbarin: «Ists ein Bub oder ein Mädchen?» – «Eine Bombe», antwortet die Frau.

Tharmalingam Sasikumar, Hauptpriester der Hindu-Gemeinschaft, stellt sich vor. Er ist zugleich Chefkoch im hauseigenen Restaurant – kocht gern vegetarisch, ayurvedisch, koscher könne er ebenfalls. Wenig später ist er kaum wiederzuerkennen: Er trägt nun ein langes purpur-oranges Tuch um die Hüfte, viel Schmuck um den Hals. «Eine andere Baustelle», bemerkt er lachend.

Es ist üblich, dass die Fraufür die ganze Familie betet

Frauen in leuchtend bunten Saris, goldene Reifen an den Handgelenken, funkelnde Spangen im pechschwarzen Haar, setzen sich im Tempel auf den Boden, viele haben ihre kleinen Kinder dabei. Die Frauen sind in der Überzahl, weil es üblich sei, dass die Frau für die ganze Familie bete – und weil viele der fleissigen Tamilen einen Nebenjob hätten, auch abends arbeiten müssten, sagt Herr Siva.

Araney, eine junge Frau, ist mit ihrer Mutter aus Zürich angereist, weil nur in diesem Tempel auf Tamilisch gebetet wird. Die Frauen haben typisches Gemüse aus Sri Lanka mitgebracht und ein grosses Glas mit Currypulver, als Opfergabe für den verstorbenen Vater und Grossvater. Wie viele der Tamilen spendet auch sie Geld für die Terroropfer.

Der Tempel ist hell und farbenfroh, reich an den charakteristischen Mischwesen, halb Mensch, halb Tier. Tempeldiener schmücken die Götter, legen der fünfköpfigen Schlange oder Ganesha mit dem Elefantenkopf Blumenkränze um. Eine Glocke erklingt, die Puja, das Gebet, beginnt, Trommeln ab Band, der schrille Ton des Muschelhorns. Es riecht nach Sandelholz.

Rund 260 Menschen haben am Ostersonntag ihr Leben verloren: während Gottesdiensten in Kirchen, beim Frühstück in Luxushotels. 80 Prozent der Opfer seien tamilische Landsleute, sagt Herr Siva. Ihre Gedanken seien jedoch auch bei all jenen, deren Liebste nicht mehr von den Ferien auf der tropischen Insel zurückkehrten. Darunter eine Familie aus Uster ZH, Mutter, Vater, die 12-jährige Tochter. Die aus Sri Lanka stammende Frau wurde 1977 adoptiert, wuchs in der Schweiz auf. Die leiblichen Eltern waren von Extremisten ermordet worden. 2014 machte sie sich auf die Suche nach ihren Geschwistern in Sri Lanka. Diese schufteten auf einer Teeplantage, konnten weder lesen noch schreiben. Die Frau gründete eine Stiftung, baute eine Schule auf, um Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen.

Aus dem Leben gerissen wurde auch ein tamilisches Ehepaar aus Bern, das viele Jahre einen Kiosk im Lorraine-Quartier geführt und regelmässig im Hindutempel verkehrt hatte. Zusammen mit den beiden Söhnen wollten sie endlich mal wieder die Heimat besuchen. Ein paar junge Schweizerinnen, gekleidet in Schwarz, fallen auf inmitten der farbigen Schar. Sie seien mit der Tochter des verstorbenen Paares zur Schule gegangen. «Wir waren viele Jahre Nachbarn in Bümpliz», sagt eine der Frauen. Ihre tamilische Freundin sei nicht hier, es müsse ihr sehr schlecht gehen.

Der Imam spricht von einem«barbarischen Akt»

Es ist ganz still im Tempel. Die Religionsvertreter stellen Kerzen auf den goldenen Umriss Sri Lankas, der in der Mitte des Raumes den Boden ziert. «We are all children of God», erschallt der Ruf des reformierten Pfarrers Christian Walti. Er zitiert aus der Bibel: «Niemand kann Gott lieben und seine Geschwister hassen.» Bhante Anu­ruddha, buddhistischer Mönch, singt darauf ein Gebet.

Zwei wichtige Religionsführer fehlen: Pfarrer Douglas Milton, das Oberhaupt der tamilisch-katholischen Mission der Schweiz, befindet sich seit Sonntag mit 120 gläubigen Tamilen auf Pilgerfahrt nach Fatima in Portugal. Eine Trauerfeier in der Kirche sei geplant, lässt er am Telefon ausrichten. Sein Vertreter, Arulanantham Vincen, sagt, die Bomben hätten vier Mitglieder seiner Familie getötet.

Ebenfalls nicht vor Ort ist der Berner Imam Mustafa Memeti, er besucht gerade seinen Vater in Serbien. Der Imam spricht am Telefon von einem «barbarischen Akt», von Tätern mit «psychischen Problemen». Sein muslimischer Vertreter sagt: «Ich leide sehr», seit Tagen könne er nicht essen. Er sei dankbar, dass er hier sein dürfe. Denn an den Beerdigungen der Terroropfer in Colombo seien Muslime ausgeschlossen worden, man habe die Trauergemeinde nicht provozieren wollen.

Frauen, Männer, Kinder, Hindu, Christen und Muslime streuen eine Handvoll Blumenblätter auf den goldenen Umriss der Insel am Boden. Sri Lanka, «das strahlend schöne Land», versinkt im Blütenmeer.



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Erstellt: 27.04.2019, 21:44 Uhr

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