Zum Hauptinhalt springen

Der Schokoladentyrann

Markus Somm über Milton Hershey, eine amerikanische Legende.

Eine der bekanntesten Marken in Amerika ist Hershey's, eine Schokolade, die uns Schweizern zwar meistens nicht schmeckt, dafür den Amerikanern. Wenn man sich an den süssen, sanften Gehalt einer Schweizer Milchschokolade gewöhnt ist, dann bedeutet Hershey's eine bittere, besser: saure Enttäuschung. Die Schokolade ist zwar süss, doch der Abgang sozusagen schmeckt sauer. Amerika, so mag der eine oder andere von uns denken, kann das einfach nicht. Was vielen Schweizern dabei kaum bewusst ist: Milton S. Hershey, der legendäre Schöpfer dieser Marke und der Firma, stammte aus der Schweiz. Seine Familie, die im frühen 18. Jahrhundert nach Pennsylvania eingewandert war, hiess einmal Hirschy und lebte im Emmental. Es ist eine ironische Pointe der Wirtschaftsgeschichte.

Dass ausgerechnet auch der zeitweise grösste Schokoladenproduzent Amerikas etwas mit Schweizern zu tun hatte, den Pionieren der Milchschokolade. Diese war Ende des 19. Jahrhunderts erfunden und von Schweizern perfektioniert worden. Gut 20 Jahre gelang es ihnen, das Rezept vor aller Welt geheim zu halten. Denn die Herstellung einer Schoggi war alles andere als trivial. Tatsächlich hatte Hershey das Know-how den Schweizern wohl gestohlen; bewusst hatte er Leute eingestellt, die in der Schweiz gearbeitet hatten. Zweitens wählte er 1903 das ländliche Pennsylvania als Standort für seine Fabrik, weil er hier Milch fand, die der schweizerischen Milch glich. Warum? Weil sie von Bauern hergestellt wurde, die einst wie die Hirschys aus der Schweiz oder Süddeutschland hierhergekommen waren und eine Viehwirtschaft aufgebaut hatten, wie sie sie von zu Hause kannten. Auch Hershey war hier aufgewachsen. In seiner Jugend sprach er das sogenannte Pennsylvania Dutch, das mit Holländisch nichts zu tun hat, sondern eine Kreuzung aus Schweizerdeutsch und pfälzischem Dialekt darstellt. Man hört es noch heute.

«Hershey wollte eine Modellstadt schaffen, wo es allen Chefs und Arbeitern gut geht.»

Freiwillig haben diese Schweizer und Deutschen ihre Heimat nicht aufgegeben. Sondern sie waren geflohen vor brutaler Verfolgung. Sie waren Wiedertäufer, also Protestanten, die sich erst als Erwachsene taufen liessen, und ­kamen ursprünglich aus der Schweiz, wo man sie ertränkte oder verbrannte, plagte und vertrieb. Nach Stationen im Elsass und in der Pfalz flüchteten sie nach Pennsylvania, das dank den Quäkern, die diese Kolonie geschaffen hatten, als tolerant galt. Als wir vor kurzem durch diese Gegend fuhren und auch die Friedhöfe besuchten, staunten wir über die fast durchgängig angloschweizerischen Namen auf den Grabsteinen: Brubaker (Brupbacher), Snavely (Schneebeli), Nissly (Nüssli), Kraybill (Krähenbühl), Hoover (Huber) oder Bowman (Baumann). Es war eine Heimkehr. Sie waren sehr gläubig, die Wiedertäufer, und überzeugt, dass Gott es mit jenen gut meint, deren Hof blüht. Also arbeiteten sie wie Ochsen, viele wurden reich. Noch heute gilt Lancaster County, wo die meisten Wiedertäufer sich niederliessen, als eines der produktivsten Landwirtschaftsgebiete der USA. Selten, auch dieses Klischee stimmt, habe ich ordentlichere Bauernhöfe gesehen. Selbst in der Schweiz nicht.

Hershey war ein Menschenfreund und ein Tyrann. Im Glauben, dass der Kapitalismus in den Grossstädten den Menschen verroht, wollte er eine Modellstadt schaffen, wo es allen Chefs und Arbeitern gut geht. Also zog er auf der grünen Wiese nicht nur eine Fabrik hoch, sondern auch eine neue Stadt. Unbescheiden nannte er sie Hershey. Hier lebten seine Direktoren, seine Arbeiter und er selbst – auf dem höchsten Punkt des Ortes in einer Villa mit 22 Zimmern. Immerhin, der weitläufige Garten, den er anlegen liess, war offen für alle, sodass am Sonntag die Einwohner von Hershey im Garten ihres Chefs spazierten. Frau Hershey, so hiess es, schätzte das nicht speziell, doch ihr Mann blieb stur.

Stur war er im Guten wie im Schlechten. Seinen Arbeitern baute er zwar moderne Häuschen mit Garten. Wenn sie aber nicht aufräumten, gab es einen Verweis. Hershey persönlich kontrollierte. Und wer einen Hag baute, brauchte seine Erlaubnis. Fischen war in Hershey verboten. Jeder Fisch, so hatte Hershey bestimmt, gehörte ihm. Das Tram hatte er zwar gebaut und subventionierte es, damit seine Arbeiter für 5 Cent in die Fabrik fahren konnten. Wer aber mit dem Auto fahren wollte, durfte das nicht. Wer es tat, wurde entlassen.

Als seine junge Frau, die er sehr geliebt hatte, früh starb, vermachte Hershey sein ganzes Vermögen einer Schule, die er für Waisenknaben gegründet hatte. Noch heute ­besitzt diese Schule Hershey, einen der grössten Schokoladenkonzerne der Welt. Hershey starb 1945.

----------

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch