Der Schweiz geht der Piloten-Nachwuchs aus

Die Zahl der Flugreisenden steigt und steigt – um sie zu befördern, setzen viele Airlines jetzt auf Frauen.

Sie können als Mütter Teilzeit arbeiten:  Pilotinnen von Easyjet. Foto: Tim Anderson

Sie können als Mütter Teilzeit arbeiten: Pilotinnen von Easyjet. Foto: Tim Anderson

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Noch nie waren so viele Flugreisende unterwegs wie 2017. Wie neuste Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, flogen letztes Jahr 54,9 Millionen Passagiere von den Schweizer Flughäfen ab. Das sind 52 Prozent mehr als 2007. Auch weltweit verzeichnete die Aviatik einen Höchststand: Die Airlines transportierten 2017 über vier Milliarden Passagiere. Dieser Rekord dürfte bald wieder gebrochen werden, denn die International Air Transport Associa­tion (Iata) prognostiziert eine Verdoppelung der Fluggäste bis 2036. Vom Allzeithoch profitieren die Schweizer Airlines: Sie vermelden Rekordzahlen, treiben ihre Ausbaupläne voran, vergrössern Flotten und Streckennetze.

Doch das Wachstum lässt die Luft im Cockpit dünner werden: Immer wieder annullieren Airlines wegen fehlender Besatzungen Flüge. Letzten September strich der irische Billigflieger Ryanair total 20'000 Flüge – laut Berichten wegen Problemen mit den Dienstplänen, die durch einen Pilotenmangel verschärft wurden. Und kürzlich mahnte Lufthansa-Chef Carsten Spohr, dass es immer schwieriger werde, zu wachsen, weil die Branche nicht genügend Piloten finde. Wie eine Prognose des US-Flugzeugherstellers Boeing zeigt, spitzt sich das Problem zu: Bis 2036 brauchen die Airlines in Europa 106'000 neue Piloten, weltweit sind es sechsmal so viele.

Doch während Passagierzahlen und der Bedarf an Piloten steigen, geht der Schweiz der Nachwuchs aus. Die Zahl der vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) ausgestellten Privatpilotenlizenzen ging in den letzten zehn Jahren stetig zurück. 2007 zählte die Schweiz rund 5740 Privatpiloten von Motorflugzeugen, letztes Jahr waren es noch 4695. Noch stärker sinkt die Zahl der Segelflieger. Der Rückgang ist für die Airlines problematisch, weil diese Lizenzen grundsätzlich die ersten Etappen in der Karriere von Linienpiloten sind.

Die Chinesen locken mit vierfachem Anfangslohn

Trotzdem will man weder bei Easy­jet Schweiz noch bei Edelweiss oder Swiss von einem Pilotenmangel sprechen. Anders sieht es der Pilotenverband Aeropers. Laut Sprecher Thomas Steffen haben die Airlines in den letzten Jahren stark in den Nachbarländern rekrutiert. Weil nun aber die grossen europäischen Airlines auch fleissig einstellen, zeichnet sich in der Schweiz ein Manko ab.

Die chinesischen Fluggesellschaften akzentuieren den Pilotenmangel zusätzlich. Denn im Reich der Mitte boomt die Luftfahrt in ungekanntem Ausmass. Laut Iata wird China die USA in vier Jahren als grössten Akteur im Luftreisemarkt ablösen. Deshalb haben die chinesischen Gesellschaften gross angelegte Rekrutierungskampagnen im Ausland gestartet. Sie bieten ausländischen Piloten mit rund 26'000 Dollar monatlich ein viermal höheres Anfangsgehalt als die Swiss. Die Angebote erinnern an jene der Golfairlines. Vor einem Jahrzehnt hatten zahlreiche Schweizer etwa bei Emirates angeheuert – bis die Nachfrage nach Piloten in Europa wieder stieg.

Doch anders als die Golfairlines verlangen die chinesischen Unternehmen von ihren Piloten nicht, dass sie im Land wohnen. Vielmehr bieten sie ihnen Modelle, mit denen sie ihre Arbeit zum Beispiel in Brüssel aufnehmen und beenden. Dabei sind die Piloten blockweise im Dienst und dafür längere Zeit zu Hause. Das dürfte auch Schweizer interessieren.

Denn: «Die Schweizer Luftfahrt hat in den letzten Jahren unter einem Imageproblem gelitten», sagt Easyjet-Schweiz-Direktor Jean-Marc Thévenaz. Kürzere Aufenthalte an den Destinationen und wenig familienfreundliche Arbeitsmodelle stehen einer teuren Ausbildung gegenüber. Der Bund subventioniert deshalb seit 2016 einen Teil der Ausbildung und leistet so angehenden Pilotinnen und Piloten Starthilfe. «Wir spüren bereits erste Auswirkungen dieser finanziellen Unterstützung», sagt Fritz Messerli, Flugbetriebsleiter von Edelweiss. Die Zahl von Bewerbern, die sich für eine Anstellung mit integrierter Ausbildung interessieren, sei in den letzten zwei Jahren gestiegen.

Für Markus Gygax, Ex-Kommandant der Schweizer Luftwaffe, wird die Rekrutierung auch dadurch erschwert, dass die Regulierungen für Privatpiloten in den letzten Jahren zugenommen haben. Tatsächlich ist der Luftraum mit den Jahren immer unübersichtlicher geworden. «Das macht den Weg ins Cockpit für Junge unatt­raktiv», sagt Gygax. Als Präsident der Stiftung Pro Aero setzt er sich für den Pilotennachwuchs ein. «Wir müssen Kindern das Aviatikvirus bereits früh einimpfen», sagt er. Dazu lädt die Stiftung jährlich 200 Jugendliche in ein Aviatiklager ein und organisiert einen Jugendkongress, bei dem sich die Aviatikbetriebe vorstellen können.

Das Bild vom Cockpit als Männerdomäne korrigieren

Um den Pilotennachwuchs zu sichern, setzen Airlines vermehrt auf Frauen. Allen voran Helvetic Airways: Dort liegt der Frauen­anteil seit Jahren bei rund 15 Prozent. «Das ist wohl der höchste in Europa», schätzt Chef Tobias ­Pogorevc. Mit familienfreundlichen Beschäftigungsmodellen will die Airline das Klischee von der Männerdomäne Cockpit bekämpfen. Aber auch Edelweiss versucht, mehr Pilotinnen anzustellen: «Zugeschnitten» nennt Fritz Messerli die Arbeitsmodelle, die er Müttern im Pilotenkorps anbietet. Sie könnten ihre Arbeitstage weitgehend beeinflussen, was ihnen bei anderen Airlines verwehrt bleibe.

Bei Easyjet können Piloten erst nach zwölf Monaten eine Teilzeitbeschäftigung beantragen. Anders die Pilotinnen: «Sie haben nach dem Mutterschaftsurlaub die Möglichkeit, mit einem Teilzeitvertrag weiterzuarbeiten», sagt Direktor Thévenaz.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 10. Juni 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.06.2018, 17:13 Uhr

Artikel zum Thema

Aussen Swiss, innen oft Germany

Woher Flugbegleiter und Piloten der Schweizer Fluggesellschaft kommen. Mehr...

Unfälle passieren oft wegen Arroganz

Im Operationssaal wie im Cockpit gilt: Kleiner Fehler, grosse Wirkung. Ein Training der Lufthansa zeigt, wie Ärzte von Piloten lernen. Mehr...

Piloten fordern härtere Massnahmen gegen Drohnenflieger

Vorfälle mit Drohnen und Flugzeugen häufen sich. Doch die Behörden sehen keinen Handlungsbedarf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Nations League mit Delikatesse

Wettermacher Der Name der Hose

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...