Der Sound, der unsere Seele hackt

Die Digitalisierung verändert keine Kunst so radikal wie die Musik. Werden wir den Ohren bald nicht mehr trauen können?

Illustration: Stephan Schmitz

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Genies können ganz schön dumm sein. Steve Jobs, der Thomas Edison des frühen Digitalzeitalters, verkündete im Jahr 2003, Streaming-Dienste würden sich im Musikbusiness nie durchsetzen, weil die Menschen Musik besitzen wollten. Nicht nur leihen.

Wir wissen, was wirklich geschah: Musikhören übers Internet wurde zum Megatrend, heute macht Streaming 60 Prozent des globalen Musikmarktes aus. In den USA sind es schon 90 Prozent. Immer alles da – das ist der Refrain der Industrie.

Der Algorithmus bekommt seinen ersten Plattenvertrag

Man muss kein Genie sein, um zu erkennen: Produktion und Konsum von Musik verändern sich grundlegend. Einer der kompetentesten Musikexperten im deutschsprachigen Raum, der Musikproduzent und Buchautor Tim Renner, sagt: «Das Musikbusiness wird auf den Kopf gestellt.» Das Streaming führte bereits zu einer Revolution der Distribution. Nun definiert ein neuerlicher technologischer Umbruch – mit den mächtigen Treibern Algorithmen und künstliche Intelligenz – neu, wie Klänge und Kompositionen entstehen. Wie sie unsere Gefühle ausdrücken, beeinflussen, manipulieren. Und wie Sound und Songs unsere Seelen hacken können.

Künstliche Intelligenz ist der hoch gehandelte Newcomer der Unterhaltungsindustrie. Diesen März nahm erstmals ein grosses Musiklabel einen Algorithmus unter Vertrag: Warner Music und das Berliner Start-up Endel, das von Robotern komponierte Liedchen für Apps herstellt, vereinbarten, gemeinsam eine Reihe Entspannungsalben auf den Markt zu bringen. Das amerikanische Magazin «Consequence of Sound» kommentierte den Vertragsschluss mit der Schlagzeile: «Das Ende ist nah.» Gemeint ist: das Ende des Berufs Musiker.

Dies ist, zugegeben, ein grell gemaltes Szenario. Aber: Spotify, die Nummer eins der Streamingdienste, bietet bereits heute im Segment Chill-out zahlreiche Songs an, die von künstlicher Intelligenz geschaffen wurde. Der Vorteil von computergenerierten Sphärenlieder liegt auf der Hand: Spotify, ein Unternehmen, das weltweit 213 Millionen Menschen erreicht, muss keine Tantiemen an Künstlerinnen und Künstler bezahlen, der Kostenfaktor Mensch wird eliminiert. So ähnlich wie in den Plänen Ubers, in denen selbstfahrende Autos den Taxifahrer ausmustern.

Wird der Mensch von der Musikbühne abtreten? Oder werden wir alle zu Künstlern?

Nur: Kann künstliche Intelligenz tatsächlich künstlich kreativ sein? Google glaubt schon. Der Konzern treibt ein hoch dotiertes Projekt namens Magenta voran. Das anspruchsvolle Forschungsziel: Software mit Schaffenskraft zu entwickeln, Programme, die Künstler zumindest unterstützen. Unlängst präsentierte Google, wie gross Magentas Musiktalent bereits ist: An einer Technikkonferenz in Amsterdam analysierte das System zwei bestehende Melodien und komponierte den Übergang zwischen den Tracks. Gemäss Fachleuten liess sich das Ergebnis durchaus hören.

Was künstliche Intelligenz verlässlich meistert: das Erkennen und Klassifizieren unseres Musikgeschmacks, um uns möglichst passende Songs vorzuschlagen; obwohl die Empfehlungen in der Regel einzig auf dem vergangenen Hörverhalten basieren – ein eindimensionales Verfahren. Kommende Systeme werden mehr leisten: «Künftige Software weiss, wie wir uns fühlen», sagt Musikfachmann Renner. «Das Programm weiss, welche Emojis wir gerade in Whatsapp verwenden. Ob wir down oder happy sind, ob wir lange gearbeitet haben – oder ob wir am Strand in den Ferien sind.» Hinzu kommen Körperdaten wie Puls, Stresslevel oder Schlafrhythmus.

Wohin führt dies? Zukunftsspezialist Yuval Noah Harari («21 Lektionen für das 21. Jahrhundert») prophezeit uns: «Algorithmen lernen, wie man ganze Melodien komponiert, indem sie mit den menschlichen Emotionen spielen, als handelte es sich dabei um eine Klaviatur. Algorithmen werden sogar personalisierte Melodien erzeugen, die einem einzigen Menschen auf der Welt wirklich gefallen.»

Der Mensch erhöht fortdauernd die Dosis eines hochpotenten Stoffs.

Worüber keine Zweifel bestehen: Hoch auflösende Empfehlungssysteme steigern den Musikkonsum der Menschen. Dabei war schon in den letzten Jahren die Zunahme enorm, getrieben vom Boom der Streamingdienste. 2016 hörte eine Amerikanerin, ein Amerikaner 26 Stunden die Woche bewusst Musik. 2018 waren es bereits 32 Stunden, also fast einen Viertel mehr.

Nicht gezählt ist damit die Zeit, in der wir mit Dudelsound zwangsbeschallt werden: im Restaurant, im Supermarkt, im Fitnessclub. Marxistische Kulturkritiker, falls es sie noch gibt, werden sagen: Adornos Schreckensszenario vom «Massenbetrug» durch die Kulturindustrie ist mittlerweile total.

Selbst der Schlaf ist nicht mehr ein Refugium der Stille. Ein tönendes Kissen, erfunden in Deutschland, verspricht dank musikalischer Dauerberieselung in der Nacht einen tieferen Schlaf.

Der Mensch erhöht fortdauernd die Dosis eines hochpotenten Stoffs. Musik verändert den Herzschlag. Musik beeinflusst Blutdruck, Atemfrequenz und Muskelspannung des Homo sapiens. Und den Hormonhaushalt. Musik kann Schmerzen dämpfen. Musik hilft bei der Rehabilitation. Musik bringt uns zum Weinen. Musik ist Leidenschaft, Erinnerung.

Schamanen, Soldaten und Rebellen

Musik ist die Begleiterin des Menschen seit seinen Anfängen. Sie befördert Schamanen in Paralleldimensionen, in ihrem Takt marschieren Soldaten mit Schwung in den Krieg und den Tod. Und Musik soll selbst Rebellionen und Revolutionen vorantreiben; man denke an die Rockmusik, die den Umbruch der 68er orchestrierte. Doch womöglich offenbart uns die Musik erst jetzt, produziert oder komponiert von künstlicher Intelligenz, ihre wahre Macht.

«Die Bedeutung der Musik wird nochmals zunehmen», sagt Fachmann Renner, «und das ist keine schlechte Nachricht.» Tatsächlich führen auch andere Experten an, mit der digitalen Disruption und den neuen Produktionstechnologien gehe eine «Demokratisierung der Musik» einher. Dann nämlich, wenn Computer den menschlichen Musikus nicht ersetzen, sondern harmonisch unterstützen. Musik machen wird zugänglicher und einfacher.

Werden wir Laien am Ende noch alle zu Künstlern? «Kreativer zumindest, wenn wir wollen», sagt Renner. Zum Vergleich: In der Fotografie löste die Digitalisierung eine anhaltende Konjunktur des Genres aus, hier sekundiert künstliche Intelligenz jetzt schon Hobbyknipser. Man denke bloss an die Bearbeitungsfunktionen der Instagram-App, die den Userinnen und Usern ein künstlerisches Aufhübschen ihrer Schnappschüsse ermöglicht.

Die Kunsttheorie nennt dies Appropriation: Aneignung. Appropriation Art meint, dass Künstler bewusst die Werke anderer Künstler kopieren – wobei der Akt des Kopierens selbst als Kunst verstanden werden will. Kunst kommt mithin von kopieren, sogar klauen. Karaoke, entstanden in den 1970er-Jahren in Japan, mittlerweile ein globales Phänomen, ist die entsprechende Massenkultur. Karaoke-Apps wie WeSing oder TikTok gehören zur meistgenutzten Smartphone-Software überhaupt. Sie sind künstlich intelligente Werkzeuge, die uns die Frage beantworten: Wie mache ich Musik wirklich zu meiner eigenen Musik? Indem ich sie interpretiere, höchstpersönlich personalisiere.

Was sangen die Roboter von Kraftwerk?

Nicht alle von uns werden sich vom passiven Konsumenten zum Playback-Musikus wandeln. Aber wer sich ein echter Musikfan nennt, wohl schon. Er wird sich dadurch auszeichnen, dass er seine Lieblingssounds in einem selbstgemischten Mix hört, als persönliche Coversongs. Nicht mehr der Besitz zeichnet einen aus, nicht mehr die Playlist. Vielmehr der personalisierte Song – mein Song.

Menschen lieben Musik auch deshalb, weil sie sich in ihr wiederfinden. Weil Musik Identität schafft, allenfalls sogar Individualität. Dass nicht mehr ein anderer Mensch, ein Bach, Mozart oder Miles Davis Quelle musikalischer Bedeutungen sein wird, sondern eine Maschine, ein Algorithmus: Diese Aussicht mag viele Musikfreunde deprimieren.

Doch gerade die Soundexperten unter uns hätten es schon lange wissen können. Die deutsche Band Kraftwerk, die «Beatles der elektronischen Tanzmusik», singt in einem ihrer bekanntesten Songs «Die Roboter», veröffentlicht 1978: «Wir funktionieren automatik / wir sind auf alles programmiert / Und was du willst wird ausgeführt». Besser kann man auch heute nicht die Zukunft der Musik beschreiben.



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Erstellt: 24.08.2019, 17:47 Uhr

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