Der spinnt doch!

Wie der Schweizer Regisseur Milo Rau von Belgien aus die Revolution plant.

Milo Rau (l.) mit zwei Darstellern seines Stückes «Lamm Gottes» in Gent. Fotos: Michiel Devijver

Milo Rau (l.) mit zwei Darstellern seines Stückes «Lamm Gottes» in Gent. Fotos: Michiel Devijver

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Gott hat geschlampt. Sonst müssten wir an diesem grauen Morgen nicht nach Den Haag aufbrechen. Vielleicht haben aber auch wir es verbockt. Nur so viel scheint klar: Es besteht Verbesserungsbedarf an dem, was aus der göttlichen Schöpfung geworden ist. Zumindest für all die Idealisten, die ihren Marx gelesen und sich ein «Ändere die Welt, sie braucht es» auf ihre Flagge geschrieben haben.

Wie der Schweizer Milo Rau, mit dem wir an diesem Vormittag vom belgischen Gent nach Holland fahren wollen: Seit bald einem Jahrzehnt befindet sich der gebürtige St. Galler auf einem Kreuzzug gegen das reichlich vorhandene Unrecht dieser Welt. Getreu seiner Überzeugung, dass wir uns noch in der «Vorgeschichte des Menschlichen» befinden, also noch einiges zu tun haben, wenn wir eines Tages aufgeklärt und human leben wollen.

«Milch habe ich keine», sagt Rau, als wir uns kurz nach sieben bei ihm zu Hause in Gent treffen, wo er seit einigen Monaten wohnt. Tassen offensichtlich auch nicht: Rau serviert den Kaffee in Trinkgläsern. Auch sonst ist die Ausstattung seines Hauses spartanisch: einige verstreute Bücher, DVDs, ein Fernsehgerät in einer Ecke. «Die Fenster müsste ich vielleicht auch mal wieder putzen», meint Rau, als er uns durchs Haus bis ins Schlafzimmer unter dem Dach geführt hat. Stimmt, hinter einer Schicht aus Blütenstaub verschwimmen die Giebeldächer der Nachbarhäuser, als hätte jemand einen Weichzeichner darübergelegt.

Für Details des alltäglichen Lebens hat der 41-Jährige offensichtlich keinen Kopf: Er ist auf Mission. Auch an diesem Tag, an dem wir schon bald auf der Autobahn nach Holland unterwegs sind. Rau schlägt auf dem Beifahrersitz den Laptop auf, um ein Interview für eine deutsche Zeitung zu überarbeiten; der Fahrer setzt den Blinker und schlängelt sich an den anderen Autos vorbei.

Nächstes Stück im grossflächig zerstörten Mosul

Wir sind unterwegs zur Schweizer Botschaft in Den Haag. Rau braucht einen neuen Pass. Für den Irak, wo er eine griechische Tragödie inszenieren will – in der Millionenstadt Mosul, die im vergangenen Jahr grossflächig zerstört wurde, als die US-Armee und die Iraker sie vom IS zurückeroberten.

Es ist nicht das erste und wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal, dass man denkt: Der Typ spinnt doch! Ausgerechnet jetzt will er in ein Nachkriegsgebiet reisen, da er sein erstes Theater übernommen hat: das Nationaltheater in Gent, das achtzig festangestellte Mitarbeiter hat. Sie alle wuseln, damit am kommenden Wochenende die Eröffnungsinszenierungen über die Bühne gehen können. Darunter Raus eigene auf der grossen Bühne, deren Zuschauerraum 650 Plätze fasst. In Sachen Räume könnte es dieses Nationaltheater mit allen Schweizer Bühnen aufnehmen. Aber Rau will etwas anderes. «Ich will den Theaterapparat nutzen, um ihn für die Wirklichkeit zu öffnen», sagt er.

Das klingt wie eine Plattitüde. Aber Rau ist es damit sehr ernst: Er ist überzeugt, dass man mit Kunst den Vorhang aufreissen und unseren Blick auf all das Unrecht dieser Welt richten kann, für das wir gemäss ihm mitverantwortlich sind. Und er glaubt, dass man Dinge verändern kann – mit Theater und «indem man bestehende Strukturen für anderes nutzt als das, wofür sie ursprünglich gedacht waren.» Irgendwann fällt beiläufig das Wort «Theaterrevolution».

Was die Schaffung von Aufmerksamkeit anbelangt, ist Rau ein Grossmeister.

Das Konzept für seine Revolution hat Rau als Manifest veröffentlicht: Jedes Jahr muss ein Stück «in einem Krisen- oder Kriegsgebiet ohne kulturelle Infrastruktur geprobt oder aufgeführt werden». Einen Beitrag zum «institutionellen Aufbau» in versehrten Ländern will er damit leisten. Mit Theater? «Ja, wenn jede der 1500 grösseren Bühnen in Westeuropa ein Projekt in einer Stadt wie Mosul herausbrächte, würde dies einen Unterschied machen», meint Rau. «Jeder Euro, den wir in unser nächstes Stück investieren, bleibt im Land. Deshalb war die irakische Armee auch sofort bereit, uns mit einer Truppe zu schützen, denn die brauchen, was wir bieten können: Aufmerksamkeit, den Austausch mit dem Westen und die Arbeit.»

Was die Schaffung von Aufmerksamkeit anbelangt, ist Rau ein Grossmeister: Keine seiner Produktionen geht ohne internationale Medienberichterstattung, Begleitbuch und eine filmische Dokumentation über die Bühne. Bei seinem Start in Gent wird er von der «New York Times» begleitet. Rau hat das Theater nicht neu erfunden (wer kann das schon von sich behaupten?), und obwohl er bei seinen Produktionen erprobte Formen reaktiviert, ist er mit ihnen erfolgreicher als die meisten anderen: weil er seinen Anspruch offensiver verteidigt. Weil er seine Arbeiten in einer Frequenz herausbringt und dabei an die Bedürfnisse des internationalen Theaterbetriebs anpasst, dass man – mit Respekt – von industriell perfektionierten Stücken sprechen kann.

Wird Raus Theater die erste arschlochfreie Zone?

«Ich habe die Entspanntheit eines Firmenlenkers», sagt Rau. «Man schaut sich die eigenen Produkte an, die mal besser und mal schlechter funktioniert haben, und versucht zu verstehen, warum. Ich kann dann eine Lehre daraus ziehen, auch wenn ich es im jeweiligen Moment nicht anders machen kann.» Rau ist auch deshalb so erfolgreich, weil er zugänglicher und tiefentspannter ist als alle anderen Regisseure, die man kennt. Selbst das hat er im Manifest festgehalten: «Proben müssen öffentlich zugänglich sein», heisst es da. Cholerische Ausbrüche, mit denen Regisseure so lange ihre Radikalität behaupteten, werden da kaum mehr möglich sein. Damit wäre das Theater in Gent die erste arschlochfreie Zone.

Schon jetzt hat Raus Nationaltheater den deutschsprachigen Bühnen etwas voraus, an denen man seit einiger Zeit krampfhaft den Ausbruch probiert: aus der eigenen Blase, in der man sich über Jahrzehnte hinweg mit Gleichgesinnten eingerichtet hat, die alle über ähnliche westeuropäische Mittelstandsbiografien verfügen – in einer Welt der Migrationsströme, der schroffen Gegensätze.

Nach zahlreichen erhitzten Debatten soll das nun anders werden – im Namen der Vielfalt. Ein Anspruch, der auch Rau wichtig ist: In Gent löste er dafür kurzerhand das Ensemble des Nationaltheaters auf, auch wenn dies zu heftigen Protesten führte. Statt mit einem festen Team zu arbeiten, castet er für jede Produktion die Darsteller neu: Schwarze, Muslime, Kinder, Profis und Laien. Beim Rundgang durchs Theater knabbert ein Schaf an unseren Schuhbändeln. Auch dieses Tier spielt bei Rau mit.

Erfolgreich ist der Schweizer nicht zuletzt deshalb, weil er seine Inszenierungsarbeit wiederholt einem Wirklichkeitstest unterzog. Etwa im Kongo, wo er 2015 mit einem Schauprozess bewiesen hat, dass eine lokale Kunst wie Theater globale Schuldzusammenhänge zur Anklage bringen kann. Die Botschaftsmitarbeiterin in Den Haag macht «ein Föteli» von Rau; der Pass wird ihm in den nächsten Tagen zugeschickt. Für Mosul, wohin er im November reisen will.

«Turn the lights off, music out.» Rau führt in Gent in einem simplen Airport-Englisch durch die Proben. So auch am Abend nach der Rückkehr aus Holland. Im Stück «Lamm Gottes», mit dem er seine Intendanz eröffnet, überschreibt er den Genter Altar, ein Tafelbild aus dem 15. Jahrhundert, das Szenen aus der Bibel zeigt. Im Zentrum die Schlachtung eines Schafs. Für Rau ist der Altar der Brüder van Eyck die Geburtsstunde des Realismus, weil die Flamen die Bibelfiguren nach dem Vorbild von Genter Bürgern malten. Rau will es wie die alten Meister machen. Deshalb castet er Menschen aus der Stadt, die auf der Bühne ihre Geschichten erzählen, bevor sie als Videostatuen auf den Altar projiziert werden – und sich so zu einem Porträt der Genter Gesellschaft zusammenfügen.

Den Wunsch nach Expansion kennt er nur in der Kunst

Raus Casting hat für einen der Skandale gesorgt, die sein Werk wie ein roter Faden durchziehen und die er so gerne zur Schaffung von Aufmerksamkeit nutzt: Mit einem Zeitungsaufruf hat er nach einem Jihadisten gesucht, der die Rolle der Kreuzfahrer im Genter Altar übernehmen kann. Gemeldet hat sich Fatima, deren Sohn sich dem IS anschloss und starb. Sie gibt in Raus Stück die heilige Maria, die im Altar zur Rechten von Gott sitzt. «Maria hatte ja auch Probleme mit ihrem Sohn, der war ja auch Extremist», sagt Fatima in Raus Stück.

Rau ist mit seinem Theater ein ziemlich reicher Mann geworden, er konnte seiner Familie in Köln ein Gründerzeithaus kaufen, das so gross ist, dass es unter seinem Dach Platz für Büros, Gästezimmer und Probemöglichkeiten gibt. «Geld ist mir komplett egal, solange die Familie und ich gut leben können», sagt Rau. Hat es ihn nicht geprägt, dass er mit seiner ersten Produktionsfirma in Konkurs ging, bevor er seinen Durchbruch hatte? «Nein, ich bin jemand, der eher an symbolisches Kapital glaubt als an reales. Der Wunsch nach Expansion, den es im Kapitalismus gibt, existiert bei mir nur in der Kunst.» Auch das unterscheidet ihn von anderen Theatermachern, von denen sich einige auf einem libidinösen Feldzug befinden: Sexuelle Avancen blockt er ab.

Rau war auch im Gespräch für die Intendanz des Zürcher Schauspielhauses. Aber als das Angebot für Gent kam, stieg er aus dem Bewerbungsverfahren aus. «Ein Zurückziehen in die Schweiz wäre zum falschen Zeitpunkt gekommen. Ich musste nochmals richtig rausgehen.» Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Zürich sei auch «kulturell übersättigt», ein wenig so, als würde man den Bewohnern «dauernd Luxemburgerli servieren. Echte Internationalisierung, also dass man Dinge zeigt, die sich noch nicht komplett durchgesetzt haben, wird sich in Zürich nur schwer machen lassen. Kann sein, dass sich das mit der neuen Schauspielhausintendanz ändert und auch Scheitern, gar Avantgarde einen Platz bekommt.»

Nun also Belgien. Dafür pendelt Rau zwischen Gent und Köln, dem Theater und seiner Familie, drei Stunden hin, drei Stunden zurück. Richtig um seine Töchter, die elf und acht Jahre alt sind, wird er sich da kaum kümmern können. «Das ist nicht wahr. Ich sehe sie von Freitag bis Montag, das sind immerhin vier Tage die Woche.» Er räumt aber ein, dass er kaum in den Alltag seiner Kinder involviert ist. «Aber ich versuche mein Bestes.» Wie im Theater. Denn noch ist viel zu tun, wenn wir über die Vorgeschichte des Menschlichen hinauskommen wollen.

Erstellt: 23.09.2018, 19:56 Uhr

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