Der Stromkonzern Alpiq wird zerschlagen

Jasmin Staiblin verkauft den erfolgsversprechendsten Geschäftszweig – eine riskante Wette auf höhere Strompreise.

Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin: Heute soll der Verkaufsvertrag für Alpiq Intec unterschrieben werden.

Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin: Heute soll der Verkaufsvertrag für Alpiq Intec unterschrieben werden. Bild: Keystone

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Jasmin Staiblin ist eine Managerin mit grosser Schaffenskraft. Neben ihrem Job als Turnaround-Managerin des Stromkonzerns Alpiq, der in den vergangenen Jahren Hunderte von Millionen Franken verloren hat, sitzt sie in den Verwaltungsräten des Industriekonzerns Georg Fischer und des Turbinenbauers Rolls-Royce – und ab April auch noch im Verwaltungsrat der Zürich-Versicherung.

Bald wird sie jedoch deutlich entlastet. Denn in Kürze, wahrscheinlich schon am Montag, wird der Stromkonzern Alpiq bekannt geben, dass er seine Gebäudetechnik-Tochtergesellschaft Alpiq Intec und die deutsche Kraft­anlagen-Gruppe verkaufen wird. Der Verkaufspreis soll bei rund 750 Millionen Franken liegen, der Käufer ist der Bauriese Bouygues. Der französische Grosskonzern mit 33 Milliarden Euro Umsatz beschäftigt gut 115'000 Mitarbeiter, davon 1280 bei Bouygues Energies & Services in der Schweiz.

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Mit diesem Deal wird Bouygues in der Schweiz mit einem Schlag zur Nummer eins in der Gebäudetechnik. Aus Alpiq hingegen wird praktisch ein reiner Stromkonzern. Von den rund 8500 Mitarbeitern bleiben gerade noch rund 1300 bei Alpiq. Die Aktionäre – zum grössten Teil sind das Schweizer Kantone, der französische Staatskonzern EDF und der Finanzinvestor Martin Ebner – erhalten so eine praktisch schuldenfreie Holding. Mit dem vorhandenen Geld könnte diese eine teure Hybridanleihe zurückkaufen und bis zu 87 Millionen Franken Zins sparen.

Mit dem Verkauf von Alpiq Intec endet die in den letzten Jahren forcierte Diversifikationsstrategie von Alpiq abrupt. Noch vor zwei Jahren versuchte das Unternehmen den umgekehrten Weg. Es wollte einen Anteil von 49 Prozent an den Wasserkraftwerken verkaufen. Doch diese Strategie ging nicht auf. Zwar gab es mit dem Infrastrukturfonds der Credit Suisse, der Beratungsfirma Fontavis, die im Auftrag eines UBS-Anlagefonds mitbot, und der IST-Investmentstiftung, einem Anlagevehikel für Pensionskassen, durchaus seriöse Bieter. Doch waren laut Staiblin deren Angebote nicht hoch genug.

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Mit ihrer Kehrtwende folgte die Konzernchefin einem Ratschlag von Martin Ebner. «Wenn ich am Drücker wäre, würde ich den Dienstleistungsbereich runterfahren und nicht die Wasserkraft», sagte er vor zwei Jahren in der «Schweiz am Sonntag». Die Dienstleistungssparte werde in einigen Jahren ­wegen Überkapazitäten weniger Wert haben, sagte er voraus. «Und Wasserkraft wird mehr wert sein, weil wir andere Strompreise haben werden.»

Sein Engagement bei Alpiq bezeichnete Ebner als eine Wette auf höhere Strompreise. Verwaltungsratspräsident Jens Alder entgegnete damals: «Alpiq hat Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und Aktionären. Wir können deshalb keine Hochrisikostrategie fahren.» Doch nun ist plötzlich alles anders und die Kritik an Ebners «Hochrisikostrategie» Schnee von gestern. Bei Alpiq wird argumentiert, die Strompreise zögen wieder an. Die Unternehmensleitung hofft auf eine Marktöffnung, ein Stromabkommen zwischen der Schweiz und der EU und nicht zuletzt auf den drohenden Klimawandel. Der würde den CO2 bald deutlich verteuern, und Elektroautos würden den Strom-verbrauch steigern. Hinzu kämen, so die Argumentation, der Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland sowie die absehbare Abschaltung von Kohlekraftwerken.

Alpiq Intec geht nicht an den Meistbietenden

Grundsätzlich wären die Wachstumsfelder von Alpiq – also Gebäudetechnik, Energieversorgungs- und Verkehrstechnik sowie Handel und Digitalaktivitäten – auch für Schweizer Investoren interessant gewesen. Die meisten der 600 einheimischen Energiegesellschaften sind im Moment daran, in diesen Bereichen Firmen zusammenzukaufen. Das hat dazu geführt, dass mittlerweile nur noch wenige interessante Firmen auf dem Markt sind. Und wenn doch, dann sind die Preise so hoch, dass sich die Übernahmen kaum mehr rechnen. Ein Interessent für die Alpiq-Teile war der Berner Stromkonzern BKW, wie dessen Chefin Suzanne Thoma bestätigte. «Wir haben uns das Vorhaben angeschaut. Wenn alles am Stück veräussert würde, wäre das für BKW zu gross», sagte sie im Dezember an der Bilanzmedienkonferenz.

Klappt nun, wie vorgesehen, der Verkauf an Bouygues in den nächsten Tagen, geht Alpiq Intec trotzdem nicht an den Meistbietenden. Im Rennen waren bis zum Schluss noch der französische Energiekonzern Engie und eine Private-Equity-Gesellschaft. Letztere gab ­offenbar das höchste Gebot ab. Jedoch drohte mit einer solchen Übernahme ein Stellenabbau und damit ein Reputationsrisiko für die beteiligten Kantone. Bei Engie drohten Probleme mit den Wettbewerbsbehörden.

Am Freitag soll darum der Verwaltungsrat sein bedingtes Ja für einen Deal mit Bouygues gegeben haben. Heute Sonntag soll der Verkaufsvertrag unterschrieben werden. Allerdings werden Verzögerungen in letzter Minute nicht ganz ausgeschlossen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.03.2018, 23:07 Uhr

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