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Der Tag der Hornisse

Wie man durch einen Insektenstich in ein sepiafarbenes Land vor unserer Zeit gelangt.

MeinungMilo Rau

Vor drei Tagen stach mich am Ufer der Baltischen See eine Hornisse. Ich sass an einem Tisch im Obstgarten eines Strandhäuschens und schrieb an einem Büchlein mit dem altväterlichen Titel «Das geschichtliche Gefühl». Da spürte ich ohne Vorwarnung einen fast unerträglichen Schmerz. Das Insekt hatte mich in den grossen Zeh gestochen, und zwar meisterlich genau an jener Stelle, an der sich vier Nervenbahnen treffen.

So erklärte es mir jedenfalls mein Schwager, Besitzer des baltischen Ferienhäuschens und Arzt, der kurz darauf an meine Seite eilte. Innerhalb einer halben Stunde hatte sich mein Körper entzündet, er war von Pusteln übersät, als hätte ihn ein sadistischer mittelalterlicher Schlossherr in heissem Öl gebadet. Mein Gesicht hinwiederum sah aus, als hätte mich ein kalifornischer Schönheitschirurg gebotoxt. Als das Atmen immer schwieriger wurde, rief ich Hilfe.

Mein Schwager setzte mir eine Infusion und verabreichte mir alle möglichen entzündungshemmenden Medikamente. Auf einem Schlafsofa liegend, sank ich in Dämmer. Erinnern Sie sich, wie es als Kind war? Dieses rauschhafte ozeanische Fieber, das das Ich auflöst, es dahintreiben lässt, die Zeit verflüssigt? Draussen mochte das 21. Jahrhundert mit all seinen Zweideutigkeiten und Feinheiten in voller Pracht stehen: Von der Hornisse gestochen, stürzte ich in ein sepiafarbenes Land vor unserer Zeit.

Sex and Rock ’n’ Roll statt #MeToo

Mein Schwager, der die Wirkung des Medikamentencocktails bereits ausprobiert hatte, hatte mir vorsorglich den «Rolling Stone» mitgebracht. In den kurzen klaren Momenten zwischen den Ohnmachtsphasen blätterte ich darin. Was Musik angeht, bin ich eher Nostalgiker, aber der «Rolling Stone» ist bekanntlich prähistorisch. Das Prinzip des Magazins scheint ­darin zu bestehen, dass alle besprochenen Alben schon vor der Jahr­tausendwende Klassiker waren.

Es ist eine Welt wie aus einem Roman der Beat-Literatur, fest in den Händen trinksüchtiger Männer: Sex and Rock ’n’ Roll statt #MeToo, bekiffte Weltumarmung statt puristische Identitätspolitik. Wenn ich mich recht erinnere, handelten die beiden zentralen Reportagen von einer dreitägigen Trink-Odyssee Johnny Depps und einem Rückblick auf den «Lizard King» Jim Morrison. Daneben werden Neupressungen von Hippie-Bands gelobt («prachtvolles Booklet») und prophezeit, dass Streamingdienste die CD «niemals verdrängen» könnten.

Kurzum: Nichts hätte besser als der «Rolling Stone» zu meinem medikamentösen Dämmerzustand gepasst. Und so auch der Titel dieser Kolumne: «Der Tag der Hornisse», das klingt wie ein Agenten-Thriller oder ein Drogen-Langgedicht aus den 70ern. Titel für Bücher, die verstaubt und vergessen in den Regalen baltischer Strandhäuser dahindämmern. Ach ja: Mein Buch «Das geschichtliche Gefühl» erscheint im Herbst im Berliner Alexander-Verlag.

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