Der Tod des Trinkers

Milo Rau über «Champagner fürs Gehirn».

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Vergangene Ausgabe widmete mir die «Weltwoche» unter der roten Cover-Ankün­digung «Warum Intellektuelle Massenmörder ­lieben» einen Essay. Ein vielversprechender Titel! «Berufsintellektuellen» und insbesondere mir selbst wurde darin ein moralinsaures Interesse an den dunklen Seiten der Geschichte im Allgemeinen und denen ihres eigenen Landes im Speziellen bescheinigt: Gutmenschen eben, die kleinlich immer nur das Negative sehen.

So weit, so erwartbar. In der zweiten Hälfte des Artikels jedoch wurde mir zusätzlich Grössenwahn und «Nihilismus» vorgeworfen. Ja was denn nun, kleinliches Gutmenschentum oder megalomaner Nihilismus?, dachte ich verwirrt und legte die «Weltwoche» unbefriedigt beiseite. Doch lässt man diese logischen Details einmal beiseite, so bleibt doch die Frage: Was ist ein guter «Berufsintellektueller»?

Für die «Weltwoche» vermutlich jemand, der ihrer Meinung ist oder, noch besser, gar keine erkennbare Meinung hat. Grundsätzlich scheint es für Köppels Truppe falsch, über die Welt nachzudenken, wenn man es nicht aus der Position des verbitterten Rechtsintellektuellen tut. Da ich aber noch zu jung bin, um mich neben «Weltwoche»-Philosoph Hans-Ulrich Gumbrecht ins kulturpessimistische Sterbebett zu legen und mantraartig den «Tod» aller möglichen alteuropäischen Praktiken in der Eiszeit der Political Correctness zu verkünden, bleibt mir nur ein Nebengenre übrig: der Blick auf mich selbst.

«Besonders beliebt sind Essays darüber, wie man mit irgendetwas aufhört.»

Ein enges Feld. Denn das «Ecce Homo» des postheroischen Zeitalters ist bekanntlich nicht viel mehr als das Ausbreiten von Konsumpraktiken und das Nacherzählen von im Leben eines Kleinbürgers besonders einschneidenden Erlebnissen – etwa einem Burn-out oder einem Hauskauf. Das tut niemandem weh, auch wenn es ­angesichts des Klimawandels und anderer ­globaler Probleme ein wenig schizophren wirken mag. Besonders beliebt sind Essays darüber, wie man mit irgendetwas aufhört oder anfängt: dem Glauben an Gott, dem Landleben, dem Fleischessen, Facebook.

Der Zufall will es, dass ich vor vier Wochen mit dem Trinken aufgehört habe. Also, was gibt das her? Wie ich leider gestehen muss: gar nichts. Die entspannte Rationalität des Nichttrinkers ist natürlich etwas störend zu ­Beginn, vor allem auf Premierenpartys und nach aufreibenden Proben. Aber man gewöhnt sich schnell daran. Weniger hysterische Ver­brüderungen, kein Kater danach – das Leben ist ohnehin wirr genug.

Vielleicht sehe ich das in ein paar Jahren anders, vielleicht werde ich dann mit Gumbrecht in der «Weltwoche» den «Tod des Trinkers» bedauern, verschuldet von lesbischen Studentinnen und anderen überkorrekten Minderheiten, die einem Mann einfach keinen Spass mehr gönnen. Denn sein Blatt sei, so schreibt Roger Köppel in einem beigelegten Bestell­coupon, «Champagner fürs Gehirn». Nun könnte sich der nüchterne Nihilist natürlich fragen, auf ­welches Organ denn Alkohol sonst wirken sollte – als aufs Gehirn? Aber lassen wir diese Details beiseite.

Erstellt: 26.01.2019, 22:15 Uhr

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