Der volle Einsatz der Helikopter-Eltern zahlt sich aus

Meist wurde das Phänomen der überfürsorglichen Erziehung hierzulande kritisiert. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse.

«Das Ziel der Erziehung muss die Mündigkeit der Kinder sein», findet Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Illustration: Kornel Stadler

«Das Ziel der Erziehung muss die Mündigkeit der Kinder sein», findet Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Illustration: Kornel Stadler

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Matthias Doepke, aufgewachsen auf einem Bauernhof, hatte eine entspannte Kindheit. «Meine Eltern erwarteten, dass wir zum Essen auftauchen, in die Schule gehen und vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sind», sagt Doepke. «Ansonsten hatten wir viel Freiheit.»

Heute ist er Wirtschaftsprofessor in den USA, hat selber Kinder und stellt fest: «Meine Rolle als Vater ist viel intensiver, als das bei meinen Eltern der Fall war. Ich verbringe viel Zeit mit Erziehung.» Irgendwann erkannte er: «Ich bin ein Helikopter-Vater!»

Das war Anstoss für Doepke, den Erziehungsstil der Helikopter-Eltern zu erforschen. Der Ausdruck stammt aus Amerika und bezeichnet Eltern, die ihre Kinder dauernd umsorgen und so wie Helikopter um sie kreisen. Und vor lauter Angst, der Nachwuchs könnte scheitern, aus nächster Nähe – und natürlich voller Liebe – Schullaufbahn, Studium und Karriere ihrer Kinder überwachen.

«Je grösser die Ungleichheiten in einer Gesellschaft sind, desto stärker greifen Eltern in das Leben ihrer Kinder ein.»Matthias Doepke, Ökonom

Warum tun sie das? Und: Mit welchen Folgen? Das hat Matthias Doepke zusammen mit dem Ökonomen Fabrizio Zilibotti untersucht. Doepke ist Deutscher, Zilibotti Italiener, der bis 2017 an der Universität Zürich lehrte. Heute sind beide Professoren an Eliteunis in den USA.

Die Wissenschaftler sind tief in die Daten aus internationalen Schülertests, Umfragen und statistischen Erhebungen getaucht. Was sie herausfanden, haben sie jetzt in einem Buch veröffentlicht, das bisher erst auf Englisch erschienen ist: «Love, Money & Parenting» (Liebe, Geld und Erziehung). Die Kernthese: Die Helikopter-Erziehung funktioniert. Sie bringt den Kindern lebenslange Vorteile.

Die zweite Erkenntnis: Der Trend, dass Eltern heute viel mehr Zeit damit verbringen, die Aktivitäten ihrer Kinder zu überwachen, ist eine Folge von wirtschaftlichen Veränderungen. «Die ökonomischen Bedingungen haben einen Einfluss darauf, wie Eltern ihre Kinder erziehen», sagt Doepke. «Je grösser Ungleichheiten in einer Gesellschaft sind, desto stärker greifen Eltern aktiv und mitunter auch mit Härte ins Leben ihrer Kinder ein.»

«Die Helikopter-Erziehung hat auch mit unserem Bildungssystem zu tun.»Margrit Stamm, Erziehungswissenschaftlerin

Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Wenn sich der Graben zwischen Arm und Reich öffnet, sind Eltern zunehmend besorgt, dass ihre Kinder abgehängt werden. Und sie geben den maximalen Einsatz für bessere Schulleistungen, die später den Zugang schaffen zu den gut bezahlten Jobs.

Bisher gab es viel Kritik an der Helikopter-Erziehung, die zugleich fordert und bevormundet. Die Überbehütung, warnen die Gegner, führe zu verwöhnten, unselbstständigen Kindern, die schlecht auf das reale Leben vorbereitet seien. Die Psychologin Hara Estroff Marano hat diesem Phänomen ebenfalls ein Buch gewidmet. Es trägt den Titel: «Eine Nation von Waschlappen: Die hohen Kosten der invasiven Erziehung».

Die Ökonomen Doepke und Zilibotti zeichnen nun ein anderes Bild. Die Helikopter-Erziehung bringt Vorteile bei Bildungschancen und Beruf. Für ihre Untersuchung werteten die beiden Forscher unter anderem die Pisa-Leistungstests von 15-jährigen Schülern auf der ganzen Welt aus. Dann verglichen sie die Resultate mit den Berichten der Heranwachsenden und ihrer Eltern, wie sie miteinander umgehen und wie stark sich die Eltern mit ihren Kindern beschäftigten. Auch das wurde bei den Pisa-Tests erhoben.

«Curling-Eltern räumen wie Skipper mit ihrem Besen den Kindern alle Hindernisse aus dem Weg.»Henri Guttmann, Familientherapeut

Ergebnis: Ein «intensiver Erziehungsstil» führt zu besseren Schulleistungen. Das zeigt sich selbst dann, wenn man nur jene Schüler miteinander vergleicht, deren Eltern einen ähnlichen Ausbildungsstand und damit die gleiche Bildungsnähe haben.

Am effektivsten, so ergab die Untersuchung, sind Eltern, die «autoritativ» erziehen. Sie befehlen nicht, sondern versuchen die Kinder zu überzeugen, jene Dinge zu tun, die aus Sicht der Eltern richtig sind. Dass man damit bei pubertierenden Teenagern nicht weit kommt, ist auch den Wirtschaftsprofessoren klar. «Man muss in den frühen Lebensjahren mit erklären und argumentieren beginnen. Und das hört dann auch irgendwann auf», sagt Doepke. «Es ist klar belegt, das sich die Kinder im Teenageralter eher den Mitschülern und Freunden zuwenden und weniger auf die Eltern hören.»

Die Schweiz liegt im Mittelfeld

Der heute verbreitete, intensive Erziehungsstil ist eine vergleichsweise neue Erscheinung. In den 1960er- und 1970er-Jahren war eine antiautoritäre Erziehung angesagt. Erst in den Achtziger­jahren setzte der Trend ein, dass sich Eltern vermehrt in das Leben ihrer Kinder einmischen. Auf Hippie-Eltern folgten Helikopter-Eltern.

Der Trend ist global. Aber es gibt Unterschiede zwischen den Ländern. «Ein intensiver Erziehungsstil ist dort besonders ausgeprägt, wo die wirtschaftliche Ungleichheit stark zugenommen hat», sagt Doepke. «Also in jenen Ländern, in denen der Graben bei der Einkommensverteilung zwischen jenen, die eine gute Bildung haben, und Leuten, die wenig Bildung haben, grösser geworden ist.» Dort stehen die Eltern heute stärker unter Druck, ihre Kinder bestmöglich auf eine Welt der beschränkten Karrieremöglichkeiten vorzubereiten.

Am ausgeprägtesten ist das «Helikoptern» in den USA und in China. Am anderen Ende der Skala liegt Schweden. «Hier sind die Eltern gegenüber ihren Kindern extrem locker», sagt Doepke. «Das hat damit zu tun, dass die Gesellschaft sehr egalitär ist.» Die Schweiz liegt im Mittelfeld.

Die Helikopter-Erziehung ist eine Gratwanderung

Doch auch hierzulande hat sich die Helikopter-Erziehung ausgebreitet, sagt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. «Es hat auch mit unserem Bildungssystem zu tun, das seit den Neunzigerjahren den Eltern immer mehr Verantwortung übertragen hat», sagt Stamm. «Heute wird schon am Elternabend in der dritten Klasse gesagt, dass sich die Eltern bemühen und die Hausaufgaben kontrollieren müssen. In einigen Kantonen steht das sogar im Schulgesetz.» Die Eltern würden sich also heute so verhalten, wie das die Bildungspolitik seit Jahren gefordert habe.

Die Helikopter-Erziehung ist eine Gratwanderung. Die Eigenverantwortung der Kinder bleibt wichtig. Eltern, die sich zu stark einmischen, könnten die Entwicklung ihrer Söhne und Töchter blockieren, sagt Stamm. «Das Ziel der Erziehung muss die Mündigkeit der Kinder sein. Und nicht, dass sie genau das machen, was die Eltern wollen.» Die Forschung zeige, dass Kinder, die in dieser Weise erzogen würden, später als Erwachsene scheitern, sobald eine Hürde auftauche, die niemand für sie aus dem Weg schaffe.

Wie viel Freiraum ist möglich, wie viel Einflussnahme nötig?

Der Familientherapeut Henri Guttmann hat für diese Überfürsorge ein Wort: Curling-Eltern. Wie Skipper mit ihrem Besen «räumen überfürsorgliche Väter und Mütter alle Hindernisse weg. Das ist Erziehung zur Unselbstständigkeit.» Guttmann plädiert dafür, die Kinder zu ermutigen und entsprechend ihren Fähigkeit zu fördern – statt im Mikromanagement-Stil das ganze Leben der Sprösslinge durchzuorganisieren und den Alltag mit Nachhilfe, Geigenunterricht, Ballett oder Sport zuzupflastern, bis es die volle Agenda der Kids locker mit dem Terminkalender eines CEO aufnehmen kann.

Auch Matthias Doepke hätte nichts gegen eine entspannte Erziehung. Es gehe um ein Abwägen: Wie viel Freiraum ist möglich und wie viel Einflussnahme nötig, damit die Kinder im Leben gut abschneiden? Die Antwort: Fordern und einmischen zahlt sich aus – zumindest, wenn es um Bildungserfolg und lukrative Jobs geht.

Erstellt: 16.03.2019, 21:50 Uhr

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