Der widerspenstige Königsmacher

Alle demokratischen Präsidentschaftsanwärter wollen Barack Obamas Unterstützung – doch der will sich nicht festlegen. Das sind seine Gründe.

Graue Eminenz, auch durchaus wörtlich zu verstehen: Barack Obama alterte im Amt sichtbar. Foto: Bill Pugliano/Getty Images

Graue Eminenz, auch durchaus wörtlich zu verstehen: Barack Obama alterte im Amt sichtbar. Foto: Bill Pugliano/Getty Images

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Barack Obama ist bei den US-Demokraten eine Graue Eminenz. Das stimmt wörtlich: Der 58-jährige Ex-Präsident der USA ist während seiner zwei Amtszeiten im Weissen Haus markant ergraut. Obamas Haarfarbe passt zu seinem Status als einflussreichster Politiker auf der linken Seite des ideologischen Spektrums.

Vom Überraschungserfolg ­Donald Trumps bis in die Grundfesten erschüttert, trauert die demokratische Partei den goldenen Zeiten unter dem ersten afroamerikanischen Präsidenten nach. Dieser hätte sich nach Angaben von Getreuen gern den eigenen Memoiren gewidmet, eine Stiftung aufgebaut und an langfristigen Projekten gearbeitet – etwa der weltweiten Förderung jugendlicher Führungstalente. Doch jetzt wollen alle Anwärter auf die Nach­folge Trumps seinen Rat und, mehr noch, seinen Segen.

Unbeachtet von der Öffentlichkeit, haben die demokratischen Kandidatinnen und Kandidaten in den letzten Monaten nacheinander die sogenannte Pilgerfahrt in Washingtons West End angetreten, wo Obama ein Büro unterhält. Dort konfrontierte er die Auskunftsuchenden laut «Politico» jeweils mit drei Wahrheiten. Erstens sollen Kandidaten nur antreten, wenn sie davon überzeugt seien, das Amt besser als alle anderen ausüben zu können. Zweitens müssten sie sich bewusst sein, welchen Preis der Wahlkampf einfordere – besonders bei ihren Familien. Und drittens brauche ihre Kandidatur eine Theorie und einen Pfad zum Wahlsieg.

Was den dritten Punkt angeht, würden sich alle Anwärterinnen und Anwärter beim politischen Sondertalent gern eine Scheibe abschneiden. Doch Obamas Erfolgsrezept ist nicht ohne weiteres reproduzierbar: Mit intellektueller Selbstkontrolle und seiner rhetorischen Gabe konnte er beim amerikanischen Volk tiefe Hoffnungen wecken, während sein gemässigt formuliertes Programm die wirtschaftlichen Eliten beruhigte.

Niemand im mehr als ein Dutzend Namen umfassenden demokratischen Kandidatenfeld hat eine ebenbürtige Kombination von Fähigkeiten. Zudem bewerben sich alle in einem anderen Umfeld. Im Urteil vieler neutraler Beobachter war Obama vor allem in der zweiten Amtszeit klar der am stärksten links orientierte Präsident der US-Geschichte. Doch heute gilt seine Linie als gemässigt, ja zentristisch.

Dass sich der ideologische Schwerpunkt der demokratischen Partei so stark verschoben hat, ist Obamas grosse Sorge. Unlängst warnte er seine Parteikollegen vor allzu drastischen Reformideen. «Durchschnittliche Wähler», sagte er vor Geldgebern in Kalifornien, «kritisieren zwar die Verhältnisse, doch sie reagieren nervös auf Veränderungen, die ihnen das wenige, was sie haben, wegnehmen könnten.»

Obama hält ausgesprochene Linke für unwählbar. Privat sagte er, er würde versuchen einzuschreiten, falls etwa der sozialistische Senator Bernie Sanders aus Vermont national in Führung ginge. Davon abgesehen, hält sich Obama nach Möglichkeit aus dem Primärwahlkampf heraus. Aber er hat an den führenden Anwärtern einiges auszusetzen:

Joe Biden: Weil der Ex-Vizepräsident Obamas Zuspruch bei Amerikas Schwarzen erbte, hält sich Biden an der Spitze der nationalen Umfragen. Trotz seiner 77 Jahre trauen dem Mitte-Politiker viele Primärwähler am ehesten einen Sieg gegen Trump zu.

Bidens Problem: Obama weigert sich, Biden zu unterstützen: Er müsse sich wie alle anderen die Nomination verdienen. Und Obama hat seinem früheren Vize nicht einmal in der Ukraine-Affäre einen Persilschein ausgestellt. Angesichts der republikanischen Angriffe auf Biden und seinen Sohn Hunter fragt ein Nahestehender: «Warum sagt Obama nichts?»

Pete Buttigieg: Der 37-jährige Bürgermeister aus Indiana vergleicht sich gern mit Obama. Dessen Anfeindungen als Afroamerikaner könne er als Homosexueller nachempfinden, sagt er. Buttigieg ahmt Obamas kühle Intellektualität und hochfliegende Rhetorik nach.

Buttigiegs Problem: Obama empfindet ihm gegenüber angeblich «tiefe Skepsis». Obwohl Buttigieg in den frühen Vorwahlstaaten Iowa und New Hampshire gut im Rennen liegt, hat er bislang null Zuspruch in der schwarzen Wählerschaft.

Elizabeth Warren: Obama soll eine komplizierte Beziehung zu der progressiven Senatorin aus Massachusetts haben, die ihm nach der Finanzkrise eine neue Konsumentenschutzinstanz aufbauen half.

Warrens Problem: Obama hat nicht vergessen, dass sie seine wirtschaftspolitischen Schritte nach der Krise als ungenügend kritisierte. Zudem hält er wenig von Warrens radikal toleranter Immigrationspolitik. Vielleicht auch wegen Obamas Distanznahme befindet sich die noch im Sommer führende Warren derzeit auf Talfahrt.

Kamala Harris, Cory Booker und Julián Castro: Den drei Schwarzen im Anwärterfeld trauten zu Beginn viele zu, in Obamas Fussstapfen zu treten. Harris, die kalifornische Senatorin, startete wie damals Obama mit einer Grossveranstaltung. Ihr Kollege Booker aus New Jersey galt als ebenso gemässigt wie Obama. Und der Texaner Castro war sogar Obamas Wohnbauminister.

Die Probleme: Obama glaubt nicht an Harris’ Zugkraft bei afroamerikanischen Wählern. Booker könnte ihn beleidigt haben, als er im Sommer sagte, Obama stehe nicht über jeder Kritik. Und anstatt Castro hätte Obama wohl lieber seinen schwarzen Justizminister Eric Holder portiert. Ergebnis: Alle drei Afroamerikaner sind auf die hinteren Plätze abgerutscht.

Obama mag sich auch aus persönlichen Gründen vorerst nicht für oder gegen einzelne Bewerber aussprechen. Träte er als Königsmacher an die Öffentlichkeit, fiele ihm auch die Rolle des Spielverderbers zu. Er könnte so in der ideologisch gespaltenen Partei seine bislang ungebrochene Autorität einbüssen.

Vielleicht ahnt Obama auch, dass entgegen vieler Umfragen Trump reale Chancen hat, wiedergewählt zu werden. Der Republikaner verfügt über den Bonus des Amtsinhabers, und bei Wechselwählern könnte er wegen des nach wie vor guten Wirtschaftsgangs punkten.

Zweifellos wird Barack Obama aber nächstes Jahr mit Verve Wahlkampf betreiben, sobald feststeht, wer in der Endrunde gegen Amtsinhaber Donald Trump antritt. Dann könnte sich auch zeigen, ob sich seine gegenwärtige Zurückhaltung gelohnt hat.


Podcast: «USA: Entscheidung 2020»

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Erstellt: 30.11.2019, 23:52 Uhr

Lässt Donald Trump seinen Vizepräsidenten Mike Pence fallen?

Es geht ein Gerücht um in Washington: US-Präsident Donald Trump soll mit der Idee spielen, seinen Vizepräsidenten Mike Pence abzusägen. Stattdessen wolle er mit der früheren UNO-Botschafterin Nikki Haley in die Präsidentschaftswahl 2020 ziehen. Noch vergangene Woche hat Trump in seiner Lieblings-TV-Sendung «Fox & Friends» zwar erklärt, Pence sei ein «grossartiger Vizepräsident. Er ist unser Mann, zu 100 Prozent.» Die Gerüchte selbst dementiert er allerdings nicht. Es spricht auch sonst einiges dafür, dass es tatsächlich zur Rochade kommen könnte. Ein dem Pence-Team nahestehender Republikaner sagte in «Vanity Fair», sie würden Mike «jede Woche damit drohen, ihn vom Ticket zu nehmen». Mit «sie» ist vor allem das Ehepaar Jared Kushner und Ivanka Trump gemeint, Schwiegersohn und Tochter von Trump. Sie sollen zu den treibenden Kräfte hinter dem mutmasslichen Komplott gegen Pence gehören. Und Haley? Dass sie Ambitionen hat, würde sie so offen zwar nicht zugeben. Aber sie versteckt sie auch nicht gerade. Gerade ist ihr Buch «With All Due ­Respect» erschienen. Haley, die Trump einst scharf kritisierte, mutiert darin zu einer glühenden Verteidigerin des Präsidenten. Manche lesen es als Bewerbungsschreiben für die Präsidentschaftswahl 2024. Oder eben auch als Selbstempfehlung für das Amt der Vizepräsidentin. Thorsten Denkler

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