«Über diesen Markt zu gehen, ist ein Spaziergang durch die Hölle»

Touristen können durchaus Einfluss nehmen, wenn sie Tiere leiden sehen oder im Hotel auf verwahrloste Streuner treffen.

Ein authentisches Erlebnis? Hunde auf dem Tomohon Market in Indonesien warten auf die Schlachtung Foto: Vier Pfoten

Ein authentisches Erlebnis? Hunde auf dem Tomohon Market in Indonesien warten auf die Schlachtung Foto: Vier Pfoten

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Der Empfang hätte lieblicher nicht sein können: Ein kleines Büsi hockt auf dem Sitzplatz vor unserem Hotelzimmer. In den folgenden fünf Tagen wird es unser Büsi sein.

Wie auf allen griechischen Inseln leben auch auf Paros Tausende Streunerkatzen. Während der Touristensaison, von Mai bis Ende September, ernähren sie sich vom Abfall der Hotel- oder Restaurantküchen. Manch ein Tourist lässt in der Taverne ein Stücklein Fisch unter den Tisch fallen oder nimmt etwas vom Frühstücks­buffet mit. Ab Oktober aber, wenn die letzten Gäste die Insel verlassen haben, die Hotelanlagen und die meisten Restaurants geschlossen sind, kämpfen die Katzen Tag für Tag ums Überleben. Ein Kellner in der Hafentaverne sagt: «Die Starken werden den Winter überstehen, die anderen nicht – that’s life.»

«Unser» Büsi ist noch jung und sehr dünn. Es passt genau in den Turnschuh, Grösse 44, in dem es es sich am liebsten gemütlich macht. Es übernachtet vor unserem Zimmer, und kehren wir abends zurück, sitzt es auch schon da. Wir päppeln es mit Trockenfutter auf und sorgen dafür, dass es genug Wasser zu trinken hat. Nikos, der Hotelbesitzer, findet es nett, wenn seine Gäste die herrenlosen Katzen in der gepflegten Resortanlage füttern – nur im Restaurant und auf der Frühstücksterrasse haben die Vierbeiner nichts zu suchen. Auch der Gärtner, der den trockenen Boden wässert, scheint Katzen zu mögen: Er habe selber Katzen, erzählt er, etwa 40, «too many», aber er gebe ihnen Futter, «don’t worry».

Schätzungsweise 5000 Streuner leben auf der kleinen Kykladeninsel. Seit die Tierschutzorganisation Paws auf Paros aktiv ist, hat sich ihre Situation etwas verbessert: 20 Katzenkolonien, etwa 400 Tiere, werden täglich von freiwilligen Helferinnen gefüttert. Vor allem aber werden regelmässig Kastrationsaktionen durchgeführt, der einzige Weg, um die Überpopulation einzudämmen und somit das Katzenleid zu lindern.

Katzen sind ein beliebtes ­Postkartensujet – mehr nicht

Die kastrierten Katzen erkennt man an der coupierten Ohrspitze. Ob am alten Hafen von Naoussa oder im pittoresken Bergdorf Lefkes – wir freuen uns über jedes Büsi, dem die Spitze eines Ohres fehlt. Auf jedem Mäuerchen schlummert eine Katze, blinzelt in die Sonne. Katzen sind ein beliebtes Postkartensujet der griechischen Inseln – weshalb wird nicht mehr für sie getan? Roula Elefthe­riadou, die Paws-Präsidentin, gibt zu bedenken: «Viele Einheimische kommen nur schlecht über die Runden. Sie füttern die Katzen mit Resten, Geld für den Tierarzt aber haben sie nicht.»

Kommt dazu, dass vor allem ­ältere Menschen, Bauern und Schäfer der Meinung sind, Tiere zu kastrieren sei unnatürlich. Katzen und Hunde sollten der Natur überlassen werden. Mit der Folge, dass kleine Kätzchen im Abfall landen oder in abgelegenen Gegenden, entlang der Strasse, ausgesetzt werden, was Roula Eleftheriadou zu oft erlebt.

Die Tierschutzorganisation Paws ist auf finanzielle Unterstützung angewiesen, 90 Prozent der Spenden stammen von ausländischen Besuchern. Von grosser Wirkung seien Fotos von Streunerkatzen in den sozialen Medien sowie Kommentare über deren trauriges Schicksal. Denn: Werden Tiere schlecht behandelt, schadet das dem Ruf der Insel – und damit auch dem Tourismus.

«Je mehr Menschen Tierleid anprangern, desto eher ändert sich etwas», bestätigt Esther Geisser von Netap (Network for Animal Protection) mit Sitz in Esslingen ZH. Regelmässig melden sich Schweizerinnen und Schweizer bei ihr, nachdem sie in den Ferien misshandelten Tieren begegnet sind. Im Sommer handelt es sich vorwiegend um Vorfälle in Südeuropa, besonders in Spanien, im Winter sind asiatische Länder betroffen. Die meisten seien schockiert über das Katzenelend auf Mallorca, sagt die Netap-Präsidentin: «Es ist unglaublich, wie viele Leute sich an uns wenden, weil sie feststellen, dass Tötungsaktionen dort an der Tagesordnung sind.»

Allerdings bringt es wenig, solche Beobachtungen erst in der Schweiz zu melden. Wichtig wäre, vor Ort aktiv zu werden. Tierquälereien sollen den örtlichen Behörden oder der Polizei mitgeteilt werden, sagt Geisser, am besten anhand von Fotos oder Filmen, mit Angabe von Ort und Datum. Auf jeden Fall soll man bei der Hotel- oder Restaurantleitung und beim Reiseveranstalter reklamieren, wenn Tiere schlecht behandelt würden. Markus Fässler, Verantwortlicher für Nachhaltigkeit bei Hotelplan Suisse, sagt: «Wir sind dankbar, wenn uns Missstände gemeldet werden. So können wir die Situation mit unseren Reiseleitern und Agenten oder Hoteliers vor Ort direkt klären und die nötigen Massnahmen ergreifen. Sei es mit dem örtlichen Tierschutz oder mit Tierärzten.»

Dass Veranstaltungen wie Stierkämpfe, Shows mit Tanzbären, Elefantenreiten oder Fotosessions mit Tieren gemieden werden sollten, versteht sich für Tierfreunde von selbst. Dazu gehört auch der Verzicht des Besuches eines sogenannten Extreme Market in Asien, wo unter anderem auch Hunde und Katzen, in enge Käfige gezwängt, auf ihre Schlachtung warten.

Einer der bekanntesten Fleischmärkte ist der Tomohon Market auf der Insel Sulawesi im Norden Indonesiens, einem auch bei Schweizern beliebten Ferienparadies. Tausende Hunde und Katzen werden hier wöchentlich brutal getötet. Katherine Polak, amerikanische Tierärztin und Leiterin der Streunerhilfe Four Paws (Vier Pfoten) in Südostasien (Kambodscha, Indonesien, Thailand, Vietnam), bekämpft seit Jahren den Handel von Hunde- und Katzenfleisch. Sie beschreibt die Zustände auf dem Tomohon Market wie folgt: «Mit grossen Zangen werden die Hunde aus dem Käfig gezerrt, dann wird ihnen mit einer Metallstange auf den Kopf geschlagen, bevor sie mit dem Flammenwerfer getötet werden. Über diesen Markt zu gehen, ist ein Spaziergang durch die Hölle.»

Hundefleischmärkte als beliebte Touristenattraktion

Weltweit hat die «Dog Meat Free Indonesia»-Koalition Unterschriften gesammelt, um den Handel mit Hunde- und Katzenfleisch zu beenden. Über eine Million Menschen haben die Petition unterzeichnet. Der Druck zeigte Wirkung: Im August hatte die indonesische Regierung angekündigt, den Handel zu unterbinden. Es folgte ein Brief der Zentralregierung an die Provinzen, in dem diese aufgefordert wurden, aktiv zu werden. Doch allen Versprechungen zum Trotz haben Tierschützer im September in der Ferienregion weitere grausame Märkte entdeckt.

Die meisten der gefangenen Hunde lebten auf der Strasse, nicht selten jedoch tragen sie ein Halsband, wenn sie auf dem Tomohon Market ankommen. Die Haushunde wurden gestohlen oder von ihrem Besitzer verkauft. Viele der Tiere wurden über 30 Stunden durchs Land gekarrt. Der Handel mit Hundefleisch ist nicht nur grausam, sondern auch eine Gefahr für den Menschen. Schätzungsweise ein Prozent der geschlachteten Hunde ist mit Tollwut infiziert. Durch den Konsum des Fleisches können sich auch Menschen mit der Krankheit anstecken – es kam in der Vergangenheit immer wieder zu Todesfällen.

Nur eine Minderheit der indonesischen Bevölkerung isst Hundefleisch, denn im vorwiegend muslimischen Land gilt der Hund allgemein als unsauber, das Fleisch als haram. Und doch, bei einem Land mit über 250 Millionen Einwohnern ist das ein beachtlicher Markt. Hundefleisch wird in familiengeführten Restaurants, sogenannten Warungs, angeboten und vor allem bei bestimmten Festivitäten konsumiert, meistens fliesst dazu der Alkohol.

Touristen sind nicht unschuldig an der grausamen Industrie: Der Markt in Tomohon ist eine beliebte Touristenattraktion. Bis im Januar 2018 führte Tripadvisor den «Tomohon Extreme Market» auf Rang 7 der Liste der «12 things to do in Tomohon». Erst nach ­Protesten von Tierschützern und grässlichen Videos, die im Netz kursierten, wurde der Tipp von der Liste genommen. Doch die lokalen Tourismusanbieter preisen den Markt nach wie vor als «authentisches» Erlebnis.

Und manch ein Traveller scheint es als Zeichen seiner kulturellen Offenheit zu betrachten, auch Katzen- oder Hundefleisch zu probieren – «exotic cuisine» nennt man das. Foodblogger aus aller Welt berichten aus Sulawesi, «wo die Leute den Ruf haben, alles, was vier Beine hat, zu essen – ausgenommen Tisch und Stühle». Sie posten Fotos von grillierten Hunden, gerne mit Bildlegende: «Hot dog Indonesian style.» Der Follower erfährt: Hund schmeckt wie Affe.

Touristen ab 100 Kilo dürfen nicht mehr auf den Esel steigen

«Der Tourist hat es in der Hand, das brutale Abschlachten von Hunden und Katzen zu stoppen», sagt Tierärztin Katherine Polak von Four Paws. Er soll den Reiseleiter, Hotelbesitzer und Fahrer wissen lassen, dass Tierquälerei keine Unterhaltung ist. Wenn die Proteste laut genug seien, werde Indonesien die Sache ernst nehmen, ist sie überzeugt.

Welche Macht der Tourismus hat, zeigt auch das Beispiel aus ­Vietnam, wo schätzungsweise fünf Millionen Hunde jährlich geschlachtet werden. Dort hatte der Bürgermeister der Hauptstadt ­Hanoi kürzlich die Bevölkerung aufgerufen, auf den Verzehr von Hundefleisch zu verzichten. Denn das Image Hanois, 2020 Austragungsort des ersten Formel-1-Grand-Prix Vietnams, stehe auf dem Spiel.

Touristen können Gutes bewirken – aber auch für Leid sorgen. Oft sind Esel Opfer von gedankenlosen Feriengästen. Zum Beispiel auf Santorini, einer der beliebtesten griechischen Inseln, während der Sommersaison ankern bis zu zehn Kreuzfahrtschiffe im Hafen. Esel, Maultiere und Pferde schleppen täglich Tausende Touristen von der Anlagestelle hoch ins Städtchen Fira.

Man könnte in die nahe gelegene Seilbahn steigen. Aber das «Tourist-Taxi», wie man die Esel nennt, wird als «original griechisches Erlebnis» bevorzugt. Nicht selten setzen sich viel zu schwere Menschen auf den Rücken der Tiere, um sich bei sengender Hitze die 400 Höhenmeter, verteilt auf 588 lang gestreckte Stufen, hinauftragen zu lassen. Die Zahl der übergewichtigen Touristen aus den USA, Russland und Grossbritannien hat sich im letzten Jahrzehnt fast verdreifacht.

Seit zehn Jahren schon prangern Tierschützer den Missbrauch von Eseln an: Die Tiere müssten zu lange arbeiten, zu schwere Lasten tragen, bekämen oft zu wenig Wasser und Futter – und sie seien ständig der gleissenden Sonne ausgesetzt. Viele Lasttiere seien verletzt, hätten Scheuerstellen von völlig ungeeignetem Zaumzeug. Die abgekämpften Tiere würden mit Schlägen die Serpentinen hinauf- und hinuntergetrieben. Sie seien oft so erschöpft, dass sie nicht mehr aufstehen könnten.

Erst als Network for Animals diesen Sommer ein Video veröffentlichte, das offene Wunden und das ganze Elend der Tiere zeigte, und Peta Deutschland dazu aufforderte, empörte E-Mails an den Bürgermeister von Fira zu senden, konnten die Behörden nicht mehr wegschauen: Seit Oktober ist der Gebrauch von «pferdeähnlichen Tieren» geregelt. Es gilt: Personen über 100 Kilogramm dürfen nicht mehr aufsteigen. Die Last, die die Tiere tragen, darf ein Fünftel ihres eigenen Körpergewichts nicht übersteigen.

Zudem soll den Tieren ausreichend Schatten, Futter und Wasser zugestanden werden. Führern, die ihre Lasttiere misshandeln, soll die Erlaubnis entzogen werden können. Laut der Sprecherin von «Help the Santorini Donkeys» ist das allerdings bloss Theorie. Eselführer und Polizei würden sich nicht darum scheren, wie es den Tieren geht. Dennoch sei es wichtig, die Touristen darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich unter Umständen strafbar machen.

Esther Vogt aus Weggis LU schaut nicht weg, wenn sie Unrecht sieht, sie handelt sofort. Im Oktober 2017 reiste sie einmal mehr als Leiterin einer Seminargruppe nach Kairo. Man besuchte Sakkara, eine altägyptische Totenstadt südlich der Metropole. Dort entdeckte ­Esther Vogt einen bis auf die Knochen abgemagerten Esel mit offenen Wunden am ganzen Körper – das Tier hätte nicht mehr lange überlebt, bestätigte ein Tierarzt später.

Seraphina soll Botschafterin aller gequälten Tiere sein

Vogt war schockiert – nach zähen Verhandlungen kaufte sie dem Halter das arme Tier für 300 Euro ab. Und sie reichte Strafanzeige gegen den Mann ein. Seraphina, wie sie den Esel taufte, lebt seither bei einer Tierschutzorganisation in der Umgebung von Kairo. Das couragierte Handeln der Luzernerin sorgte für Aufsehen in ganz Ägypten, Zeitungen und TV-Sender berichteten darüber. Und Esther Vogt nutzte die Plattform: Seit 15 Jahren reist die Dozentin für ägyptische Hochkultur zweimal jährlich mit Seminarteilnehmern in das Land der Pyramiden und Pharaonen. Aber: «Das Erste, was der Besucher sieht, sind gepeinigte Tiere.» Pferde mit übervollen Kutschen würden die Asphaltstrasse hochgepeitscht – oft schon habe sie sich den Wagen in den Weg gestellt, die Touristen auf die Tierquälerei aufmerksam gemacht. Jedenfalls wäre es schön, wenn ­irgendwann auch ein anderer ­Umgang mit den Tieren zur Hochkultur gehören würde.

Die Schweizer Eselretterin wurde sogar nach Kairo eingeladen, um Abgeordnete des Parlaments zu treffen. Man wollte endlich ein griffiges Tierschutzgesetz ausarbeiten. Der Artikel im Strafgesetzbuch aus dem Jahr 1937 ist praktisch nutzlos. Der Täter komme in der Regel mit einer Busse von umgerechnet elf Franken davon. Die Gespräche sind verschoben worden, das Thema Tierschutz ist in der Politik wieder weit in den Hintergrund gerückt. Esther Vogt lässt sich dadurch nicht entmutigen. Ein Mentalitätswandel brauche Zeit. Die Ägypter würden lernen – «vor allem wenns ans Eingemachte geht». Ihr Einkommen hängt stark vom Tourismus ab, und Tierquälerei ist schlechte Werbung für ein Land.

Seraphina, die gerettete Eselin, soll Botschafterin aller gequälten Tiere sein. «Andere Länder, andere Sitten?» – für den Umgang mit Tieren lässt Esther Vogt den Spruch nicht gelten. «Alle Tiere haben Gefühle, empfinden Schmerzen und haben Rechte.» Ob in Ägypten oder in der Schweiz, entscheidend sei, «dass man etwas unternimmt, wenn man ein Tier in Not sieht».

Tierschutzorganisation Paws auf Paros: www.paws.gr Der Peta-Film über die Eselauf Santorini ist auf Youtube zu finden (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2019, 19:36 Uhr

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