Deutsche Bestatter verstreuen Asche über den Schweizer Alpen

Die Behörden wollen jetzt gegen die illegalen Flugbestattungen vorgehen.

Für 400 Euro über den Alpen verstreut: Der bayrische Bestatter Peter Kramer mit einer Urne vor seinem Flugzeug. Foto: Carmen Voxbrunner

Für 400 Euro über den Alpen verstreut: Der bayrische Bestatter Peter Kramer mit einer Urne vor seinem Flugzeug. Foto: Carmen Voxbrunner

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Wenn Peter Kramer in die Schweiz fliegt, hat er eine spezielle Fracht an Bord. Alle paar Monate belädt der 58 Jahre alte Bestatter aus Bayern seine Cessna mit Urnen.

Seine Route führt Bestatter Kramer meist in die Bündner Alpen. Auf einer Höhe von 10'000 Fuss schüttet er die mitgebrachte Asche Verstorbener durch ein Edelstahlrohr aus dem Pilotenfenster. Auf Wunsch filmt Kramer das ganze Prozedere für die Hinterbliebenen. Bis sich eine Urne leert, dauert es rund eine Minute. Die Asche verteilt sich so über mehrere Quadratkilometer.

Flugbestattung nennt Kramer seine Dienstleistung, die er seit fast 15 Jahren anbietet. Das Angebot liege im Trend, erzählte er vor wenigen Tagen einer Journalistin der «Süddeutschen Zeitung». Immer weniger Menschen wollen sich laut Kramer auf einem Friedhof bestatten lassen. Deshalb boomt sein Business: Bis zu 30-mal im Jahr belädt er die Cessna mit Urnen – es sind jeweils fünf bis zehn Stück. Ein Rundflug über die Schweizer Berge dauert etwa drei Stunden, die Kunden zahlen dafür pro Urne knapp 400 Euro.

Etwa eine Minute dauert es, die schmale Urne in der Luft auszuleeren. Foto: Foto: Privat/oh

Hunderte Kilo Asche dürfte Kramer bis heute über den Bündner Alpen ausgeschüttet haben. Und er ist nicht der Einzige: Gemäss der «Süddeutschen Zeitung» gibt es in Deutschland «eine Reihe anderer Bestatter», die dieselbe Dienstleistung anbieten wie Peter Kramer.

Die «juristischen Feinheiten» sind ein Irrglaube

Dass die Bestatter mit den Urnen in die Schweiz fliegen, hängt einerseits mit der deutschen Gesetzgebung zusammen, die eine Friedhofspflicht vorschreibt. Und diese kann nur umgangen werden, wenn eine Bestattung im Ausland stattfindet. Andererseits sind Flugbestattungen in Deutschland grundsätzlich verboten.

Wie die «Süddeutsche Zeitung» glaubt, ist die Schweiz da liberaler. «Dort können Angehörige die Urne mit der Asche des Verstorbenen zum Beispiel mit nach Hause nehmen oder in der Natur verstreuen.» Diese «juristische Feinheit» machten sich Kramer und seine Kollegen zu eigen.

Das ist allerdings ein Irrglaube, wie sich jetzt zeigt. Georg Thomann vom Amt für Natur und Umwelt Graubünden (ANU) wusste nichts von kommerziellen Anbietern wie Kramer. Thomann sagt: «Solche Bestattungen sind meiner Ansicht nach gestützt auf die eidgenössische Umweltschutzgesetzgebung ganz klar nicht erlaubt und damit illegal.» Es handle sich um eine «illegale Abfallentsorgung». Die Asche eines Verstorbenen sei auf einem Friedhof oder einer dafür vorgesehenen Anlage auszubringen. Gleichzeitig verletzen Flugbestattungen laut Thomann aber auch das im Umweltschutz geltende Vorsorgeprinzip. Emissionen, wozu auch die ausgeschüttete Asche gehöre, seien so weit wie möglich zu begrenzen.

«Pietätlos» und nicht «würdig»

Empört reagiert auch Rolf Arnold, Vizepräsident des Schweizerischen Verbands der Bestattungsdienste. Das Ausbringen der Asche aus einem Flugzeug sei «pietätlos», sagt er. «Es widerspricht den Gepflogenheiten einer würdigen Bestattung.» Zumal die in grosser Höhe ausgeschüttete Asche kaum nur in den Bergen niedergehe, sondern auch in besiedelten Gebieten.

Die deutschen Luftbestatter indessen glauben sich im Recht. Kramer verweist auf ein Schreiben, das ihm das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) 2008 hatte zukommen lassen. Im Mail heisst es tatsächlich: «Das nicht selten praktizierte Verstreuen von Asche eines verstorbenen Menschen aus einem Luftfahrzeug» sei über schweizerischem Hoheitsgebiet grundsätzlich gestattet – vorausgesetzt, man befinde sich über unbewohntem Gebiet und es werde nicht gleich die ganze Urne abgeworfen.

Bestatter krebst plötzlich zurück

Doch die Zeiten ändern sich, die Juristen im Bazl beurteilen die Rechtslage heute komplett anders. Das Verstreuen von Asche aus einem Flugzeug sei gesetzlich nicht geregelt, «und damit bewilligungspflichtig», sagt Urs Ziegler, Leiter der Sektion Umwelt. Und eine Bewilligung erteilt die Behörde nur, wenn auch der betreffende Kanton einwilligt. Im Fall von Kramer ist das nie passiert.

Der bayerische Bestatter Kramer krebst nun plötzlich zurück. Eigentlich fliege er so oder so seit zwei Jahren nicht mehr in die Schweiz, sagt er am Telefon. Allerdings hatte er in der «Süddeutschen Zeitung» vor wenigen Tagen noch einen ganz anderen Eindruck vermittelt – und zwar den, dass er bis heute regelmässig mit seiner Cessna über den Bündner Bergen Asche ausschüttet.

Es ist denkbar, dass Peter Kramer nun mit Konsequenzen rechnen muss. Ein Sprecher der Luftfahrtbehörde Bazl sagt: «Wir werden den Sachverhalt abklären und den betreffenden Bestatter kontaktieren.» Möglich, dass Kramer bloss verwarnt wird. Er könnte für seine ­illegalen Alpenflüge aber auch eine Busse kassieren.



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Erstellt: 09.11.2019, 22:03 Uhr

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