Deutsche meiden das Schweizer Schulsystem

Viele Deutsche, die in der Schweiz leben, schicken ihre Kinder auf deutsche Gymnasien – weil der Zugang zu den Schweizer Schulen sehr viel schwieriger ist.

Sind die Aussichten auf einen guten Abschluss besser in Konstanz oder in der nahen Schweiz? Foto: iStock

Sind die Aussichten auf einen guten Abschluss besser in Konstanz oder in der nahen Schweiz? Foto: iStock

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Am südwestlichen Bodensee sind sich Deutschland und die Schweiz ganz nah. Wer im linksrheinischen Teil von Konstanz nicht aufpasst, landet plötzlich in Kreuzlingen und damit im Nachbarland. Die beiden Städte sind eigentlich eine; letztlich weisen nur ein paar kleine Zollämter darauf hin, dass hier die EU aufhört.

Für die Konstanzer bedeutet diese Nähe nicht nur, dass am Wochenende jede Menge Autos mit Schweizer Kennzeichen ihre Stadt füllen oder dass viele Konstanzer in Kreuzlingen wohnen, weil der Platz auf deutscher Seite zu knapp ist. Jeden Morgen passieren die Grenze auch Dutzende Schüler, die in der Schweiz wohnen, aber in Konstanz aufs Gymnasium gehen.

Wie Carla Gräfingholt. Die 17-Jährige geht in die 10. Klasse des humanistischen Heinrich-Suso-Gymnasiums. Es ist ein sonniger Wintermorgen im Konstanzer Stadtteil Petershausen, ein paar Kinder spielen während der Pause fröstelnd Tischtennis, die anderen bevölkern lärmend die Gänge des über 100 Jahre alten Schulhauses. Carla, schmal, blond, dunkle Brille, ist um sechs Uhr aufgestanden, um pünktlich hier zu sein. Sie wohnt in einem Dorf im Kanton Thurgau, knapp 20 Autominuten von Konstanz entfernt. Den langen Schulweg nimmt sie gern auf sich. Ihr gefällt, dass hier alle ab Klasse 5 Latein lernen, auch das Klima an der Schule findet sie toll. Letztlich ausschlaggebend für die Entscheidung, in Konstanz zur Schule zu gehen, war jedoch etwas anderes.

Nur etwa 20 Prozent machen die Matura

Gräfingholt ist in der Schweiz geboren, ihre Eltern sind Deutsche. Sie seien vor ihrer Geburt wegen der Arbeit ihres Vaters in die Schweiz gezogen, erzählt sie. Dort besuchte sie den Kindergarten und für einige Zeit die Primarschule, die sechs Jahre dauert. «Als ich in der 5. Klasse war, haben wir dann von Bekannten gehört, dass es in der Schweiz total schwer ist, aufs Gymnasium zu kommen.» Ihre Familie hörte Schauergeschichten von kaum schaffbaren Aufnahmeprüfungen, immensem Druck - und Übertrittsquoten von nur 20 Prozent.

«Die Schweiz hat den Anspruch, dass ihre Unis zur Weltspitze gehören. Nur diejenigen gehen aufs Gymnasium, die diesem Anspruch genügen werden.»Stefan Wolter, Bildungsexperte

Tatsächlich pflegt die Schweiz ein Schulsystem, das härter aussiebt als die Nachbarländer. Bildung ist hierzulande Sache der Kantone, weshalb zwischen den 26 Landesteilen teils erhebliche Unterschiede bestehen. Insgesamt aber ähnelt das Bild der Situation im Grenzkanton Thurgau: Schweizweit machen nur etwas mehr als 20 Prozent eines Jahrgangs die gymnasiale Matura. In Deutschland beträgt die Abitur-Quote 40 Prozent, in Städten wie Konstanz eher 60.

«Diese harte Selektion in der Schweiz geschieht bewusst», sagt Stefan Wolter. Er ist Professor für Bildungsökonomie an der Universität Bern und Direktor der Schweizer Koordinationsstelle für Bildungsforschung. «Die Schweiz hat den Anspruch, dass ihre wenigen Unis zur Weltspitze gehören. Deshalb gehen bei uns nur diejenigen aufs Gymnasium, die diesem Anspruch voraussichtlich genügen werden», erklärt Wolter. Auf der anderen Seite biete man den übrigen 80 Prozent Ausbildungswege an, die zwar anders, aber ökonomisch gleichwertig seien. Lehrberufe, Abschlüsse auf Fachschulen und Fachhochschulen, pädagogische Hochschulabschlüsse: «Unsere Studien zeigen, dass die lohnmässigen Erträge der verschiedenen Ausbildungswege am Ende fast gleich sind», sagt Wolter.

Fachkräftemangel verlangt höhere Matura-Quote

Die Familie von Carla Gräfingholt hat dieses Versprechen nicht überzeugt. Carla hat sogar die 5. Klasse am Suso-Gymnasium wiederholt, um den Rückstand in Latein aufzuholen und so einen Platz an der Schule zu bekommen. Auch ihre kleine Schwester wechselte vorsorglich im selben Jahr auf eine deutsche Grundschule. «Ich sehe mich später eher in Deutschland», sagt Carla. «Alle unsere Verwandten wohnen hier, und ich fühle mich auch im sozialen Bereich einfach wohler.»

In ihrem Dorf in der Schweiz geht sie zwar noch ein paar Hobbys nach, spielt Schlagzeug und tanzt, aber inzwischen spielt sich fast ihr ganzes Leben auf der deutschen Seite der Grenze ab. Und in Deutschland, das weiss auch schon eine 17-Jährige, ist das Abitur praktisch der einzige Schlüssel zu einer Zukunft mit gutem Verdienst und hohem sozialen Status.

Auch Stefan Wolter räumt ein, dass das Schweizer System für Menschen, die nicht immer im Land bleiben wollen, Probleme mit sich bringt. «Im Ausland verstehen und schätzen Arbeitgeber unsere guten Abschlüsse zu wenig.» Seit einigen Jahren bemühe man sich deshalb um internationale Vergleichbarkeit. Dabei gehe es nicht nur um Schweizer, die ins Ausland gehen, sagt Wolter, sondern auch um die vielen ausländischen Führungskräfte im Land, die das System verstehen müssten.

«Im Ausland verstehen und schätzen Arbeitgeber unsere guten Abschlüsse zu wenig.»Stefan Wolter, Bildungsexperte

Obwohl der Bildungsexperte betont, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Schweiz grundsätzlich zu der einzigartigen Bildungsphilosophie des Landes stehen würden, regen sich immer wieder Stimmen, die die harte Auslese und die niedrige Matura-Quote in der Schweiz infrage stellen. Eine von ihnen gehört Antonio Loprieno, Ägyptologe und Präsident der Schweizer Akademien der Wissenschaften. «Unser System ist hervorragend, es hat uns gut gedient», sagt Loprieno zwar, «aber ich plädiere für mehr Flexibilität». Man solle nicht zwanghaft an einer Quote von 20 Prozent festhalten - vor allem nicht in Zeiten wie diesen, in denen sich auch die Schweiz mehr und mehr zu einer Wissensgesellschaft entwickle.

Loprieno, der zehn Jahre lang die Universität Basel leitete, hält eine leichte Erhöhung der Matura-Quote hin zu 30 Prozent für vertretbar. Er verweist auf den Fachkräftemangel, den es in der Schweiz nicht nur im Handwerk und in Ausbildungsberufen gebe, sondern eben auch im akademischen Bereich. «Ich wünsche mir mehr Schweizer auf Chefarztposten und Uni-Lehrstühlen.» Bislang, das glaubt der Ägyptologe auch selbst, vertritt er damit allerdings eine Minderheitenposition.

Klage gegen die Aufnahme von Schweizer Schülern

Vorerst dürfte es also auf Schweizer Seite bei der strengen Auswahl der Gymnasiasten bleiben - und damit auch bei den Bildungsflüchtlingen an deutschen Gymnasien im Grenzgebiet. Nach Angaben der Konstanzer Schulleiterinnen und Schulleiter beläuft sich ihre Zahl an den vier Gymnasien der Stadt auf maximal zehn Prozent aller Schüler eines Jahrgangs, bei mehr als 3000 Gymnasiasten insgesamt dürften es im Moment also ein paar Hundert sein, die jeden Tag über die Grenze pendeln. Die meisten haben die deutsche Staatsangehörigkeit oder besitzen beide Pässe.

Bei manchen Konstanzer Eltern und sogar im Gemeinderat rief das Phänomen schon Empörung hervor. Vor einigen Jahren klagte der Vater eines Kindes, das am Gymnasium abgelehnt wurde, gegen die Aufnahme von Schülern mit Wohnsitz in der Schweiz. Das Ergebnis: Seit 2014 müssen die Konstanzer Gymnasien bei zu vielen Anmeldungen zuerst jene Kinder abweisen, die ihren Wohnsitz nicht in Baden-Württemberg haben.

Für Carla Gräfingholt war diese Regel mit ein Grund, warum sie sich für das Heinrich-Suso-Gymnasium entschieden hat. Wegen des humanistischen Profils kämpft die Schule so gut wie nie mit zu vielen Anmeldungen - ein idealer Unterschlupf für Schweizer Bildungsflüchtlinge wie Carla.



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Erstellt: 28.12.2019, 16:18 Uhr

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